Zeitung Heute : Verborgene Schätze

Weltweit sammeln nur sehr wenige Menschen historische Kleider. Die New Yorkerin Titi Halle ist eine von ihnen – und stellt jetzt in Berlin aus

Grit Thönnissen

Titi Halle kommt nach Berlin. Diese Nachricht wurde von den Veranstaltern der Kunstmesse Ars Nobilis als kleine Sensation gehandelt. Und das, obwohl dieser Name nur sehr wenigen Menschen bekannt sein dürfte. Dabei ist die New Yorkerin eine der wichtigsten Sammlerinnen und Händlerinnen von historischen Kostümen und Textilien des 17. bis 19. Jahrhunderts. Doch der Kreis der Händler ist auf diesem Gebiet ebenso ausgesucht wie der ihrer Kunden. Nach Titi Halles Schätzung gibt es weltweit gerade mal eine Hand voll privater Sammler. Kleider, die vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also vor dem Beginn der Massenproduktion, gefertigt wurden, sind rar und auf Grund der empfindlichen Materialien wie Seide und Samt äußerst fragil. Zu dementsprechend astronomischen Preisen werden sie heute gehandelt. Keine sonderlich guten Voraussetzungen, um jemanden dazu zu bringen, seine schönsten Stücke über den Atlantik zu schicken.

Aber die Veranstalter der Ars Nobilis hatten sich nun mal in den Kopf gesetzt, dass auf ihrer sechsten Kunstmesse auch historische Kostüme dabei sein sollten. Schließlich zeigt das Berliner Kunstgewerbemuseum seit heute zum ersten Mal ausgewählte Kleider der im Jahr 2003 erworbenen Modesammlung Kamer/Ruf. Für Jürgen Czubaszek, Berliner Kunsthändler und Mitorganisator der Messe, war es „die einmalige Gelegenheit, so viel antike Mode in Berlin zu haben – mit- samt der versammelten Fachwelt.“ Es bedurfte einer Menge Überredungskunst und schließlich eines Anrufs von Angela Schönberger, der Direktorin des Kunstgewerbemuseums, mit der Bitte um Unterstützung, bis Titi Halle einwilligte, einen Teil ihrer Kostümsammlung auf der Ars Nobilis zu zeigen. Mitgebracht hat sie zwölf historische Kostüme für Frauen und Männer aus dem 18. Jahrhundert, dazu kommen sieben Accessoires, wie eine gut dreihundert Jahre alte, goldbestickte Brokatseidenkappe aus Frankreich.

Normalerweise stellt die Kunsthändlerin nur ein bis zwei Kleider aus, wie zuletzt auf der Kunstmesse im niederländischen Maastricht, denn ein weiterer wichtiger Teil ihres Geschäfts sind antike Textilien und Stickereien. Seit 1997 gehört ihr das Handelshaus „Cora Ginsburg“ in New York, das sie von ihrer Mentorin übernahm. Cora Ginsburg begann bereits in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu sammeln und auch ihre Nachfolgerin ist nun schon seit über 25 Jahren dabei. Genau erklären, woher ihre Leidenschaft herrührt, kann sie nicht: „Ich habe nie mit Puppen gespielt oder mich verkleidet. Meine Leidenschaft gilt vor allem Stoffen – meine Aufmerksamkeit richtet sich immer zuerst darauf, aus welchen Materialien ein Kleid besteht.“

Wie das früheste Stück ihrer Sammlung, ein Kleid des späten Barock, Ende des 17. Jahrhunderts in Italien hergestellt. Der Stoff aus grüner Moiré-Seide, über und über mit eingewebten gelben, rosa-, gold- und silberfarbenen Blumen verziert, entstand nach Titi Halles Recherchen schon 1680. Das Kleid wurde mehrmals umgearbeitet und hat – ungewöhnlich für die Zeit – ins Oberteil eingenähte Walfischknochen als eine Art integriertes Korsett. So hat die Branche auch weniger Probleme mit Fälschungen – es sei schlicht nicht möglich, alte Seidenstoffe zu imitieren – als mit Umarbeitungen oder Veränderungen, so wie schlechte Restaurierungen oder unsachgemäße Lagerung. Manches Mal wurde aus einer ausladenden Robe ein Herrenanzug geschneidert. Ein solches Beispiel der Verwandlung ist auch auf der Ars Nobilis zu bewundern.

Für die Kostüme bauten die Veranstalter eine runde Bühne mitten im Atrium des Automobil Forums an der Friedrichstraße – Titi Halles Sammlung ist nicht zu übersehen. Erwartungen, hier große Geschäfte zu machen, hat sie dennoch nicht. Aber darauf, die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum zu besuchen, freut sie sich, so wie darauf, alte Bekannte zu treffen. Nicht nur den Sammler Martin Kamer und ihren Kollegen, den Händler Wolfgang Ruf, kennt Titi Halle gut – auch den meisten der Kostüme, die jetzt im Kulturforum gezeigt werden, ist sie in ihrem Berufsleben schon einmal begegnet – vielen von ihnen in Museen, die für jeden Kostümhändler zu den wichtigsten Kunden gehören.

Titi Halle leiht ihre Kostüme oft an Museen aus, „aber“, und da ist sie ganz Händlerin, „ich ziehe es vor, sie zu verkaufen“. Eine bestickte Herrenweste, die auch in Berlin zu sehen ist, wird ab Mitte November in einer Ausstellung über Chinoiserie in den USA ausgestellt. „Das Museum sammelt keine Kostüme, es ist auf China-Porzellan spezialisiert, aber die Muster der Stickerei auf der Weste sind identisch mit denen auf einer Keramik.“ So werde deutlich, wie eng die Bezüge im Kunsthandwerk schon immer waren.

Für Titi Halle gibt es keinen Zweifel daran, dass Mode Kunst ist: „Vom 17. Jahrhundert an war Mode immer ein wichtiger Bestandteil des Lebens, und der größte Luxus aus dieser Zeit hat überlebt. Die Kostüme sind heute oft teurer als ein Einfamilienhaus, und es ist sehr viel schwieriger, an sie heranzukommen.“ Kein Zweifel, um Kostüme zu sammeln bedarf es einer besonderen Leidenschaft: Um sie vor Licht, Wärme, Staub und Feuchtigkeit – und damit vor ihrem Zerfall – zu schützen, lagern sie meist wohltemperiert in säurefreien Kartons. „Es ist ein sehr viel geheimeres Vergnügen, als Bilder zu sammeln – man hat die Kleider zwar in seinem Haus, aber sieht sie nicht.“

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