Zeitung Heute : Verbotene Worte

H. Maass[Peking] C. von Marschall[Washingto]

Chinas Präsident Hu Jintao ist bei seinem USA-Besuch auf einer Pressekonferenz von einer FalunGong-Anhängerin beschimpft worden. Wie beeinflusste dieser Zwischenfall das Treffen von Hu und Bush?


Es war ein Besuch der Gegensätze. Szenen großer Nähe mischten sich mit Momenten voller Spannungen. Als Hu Jintao und George W. Bush sich am Donnerstag auf der Wiese vor dem Weißen Haus die Hand gaben und die beiden Nationalhymnen ertönten, wurde zwar die richtige Melodie gespielt, die chinesische wurde aber irrtümlich als die der „Republik China“ angekündigt. Das ist der offizielle Name von Taiwan, Pekings Erzfeind. China nennt sich eine Volksrepublik.

Hus Rede wurde dazu noch von einer als Journalistin akkreditierten Chinesin gestört: „Präsident Bush, bringen Sie ihn dazu, die Verfolgung der Falun Gong zu beenden!“, rief sie in die Menge. Es dauerte Minuten, bis Sicherheitskräfte die 47-jährige Wenyi Wang zum Schweigen gebracht hatten. Sie lebt in New York und war als Reporterin der Zeitung „Epoch Times“ zugelassen, die in Verbindung mit der Sekte Falun Gong steht. In der chinesischen Delegation dürfte es Verwunderung darüber gegeben haben, dass Wang dennoch zu dem Termin zugelassen wurde. In den USA wäre es jedoch undenkbar, dass die Religion bei Entscheidungen über Zugangsmöglichkeiten für Journalisten eine Rolle spielt. Der Glaube gilt als Privatsache.

Bush entschuldigte sich später beim so genannten Vier-Augen-Gespräch im Oval Office für den Zwischenfall. Spontan ließ er auch die Sitzordnung beim Diner ändern: Hu wurde statt seiner Frau neben ihm platziert. Von einem angeregten Gespräch war später die Rede.

In China, wo man traditionell Wert auf Formalitäten und Ansehen legt, dürfte die Panne trotzdem so schnell nicht vergessen werden. Zwar verhinderte die staatliche Zensur, dass die Chinesen überhaupt etwas von dem Protest mitbekamen. Doch Pekings Führer, die im eigenen Land keine Demonstrationen dulden, reagieren auf Kritik sehr empfindlich. Im Ausland erwarten sie, dass ihre Gastgeber sie davor beschützen. Besonders gestört fühlte sich einmal der einstige Ministerpräsident Li Peng, der das Massaker auf dem Tiananmenplatz mitverantwortet hatte. Bei einem Besuch 1994 in Deutschland ließ Li den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, alleine vor dem Brandenburger Tor stehen, weil in der Nähe Demonstranten standen. Li ließ damals die Wagenkolonne wieder abdrehen und fuhr davon.

Dass die US-Regierung den Zwischenfall provoziert haben könnte, wird jedoch auch in Peking kaum jemand glauben. Die Falun-Gong-Bewegung agiert seit Jahren mit medienwirksamen Aktionen gegen Pekings Führer. Wegen ihres kultartigen Charakters wird sich aber keine Regierung gerne mit ihr identifizieren. Das Weiße Haus hat wohl auch kaum Interesse, Staatsgäste bloßzustellen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar