Zeitung Heute : Verbotener Staat

China geht ungewöhnlich hart gegen die Kritiker in Tibet vor – obwohl nur sechs Millionen von 1,3 Millarden Einwohnern in China Tibeter sind. Warum ist Tibet für China so wichtig?

Harald Maass[Peking]

Die Unruhen in Tibet sind nicht nur Ausdruck des Freiheitswillens eines Volkes. Neben der politischen Botschaft der Proteste, die sich gegen die Fremdbestimmung durch die Chinesen wendet, steckt hinter den gewaltsamen Unruhen auch ein Rassenkonflikt. Deutlich wurde dieser Konflikt bei den Massenunruhen in Lhasa, als Tausende Tibeter offen Jagd auf Han-Chinesen und Hui-Muslime machten und deren Geschäfte und Autos von Einwanderern verbrannten. Dabei wurde nach Berichten auch die Moschee der Stadt teilweise zerstört. Für Pekings Führer, die gerne von der „großen Einheit aller Völker der ganzen Nation“ sprechen, sind die ethnischen Gewalttaten mindestens genauso gefährlich wie die politischen Demonstrationen der Mönche. Wahrscheinlich erklärt sich dadurch auch die Härte, mit der die kommunistische Führung jetzt auf die Unruhen in Tibet reagiert.

China ist mit 56 offiziell anerkannten ethnischen Gruppen ein Vielvölkerstaat. Die Han-Chinesen – ihr Name leitet sich von der früheren Han-Dynastie ab – stellen mit 90 Prozent die deutliche Mehrheit der 1,3 Milliarden Chinesen und sie dominieren alle wichtigen Positionen in Politik und Wirtschaft. Die Minderheiten der Tibeter, der Mongolen und der muslimischen Uiguren in der Westprovinz Xinjiang besiedeln allerdings flächenmäßig riesige Gebiete, die durch ihre Grenzlage und wegen der Rohstoffvorkommen strategisch von enormer Bedeutung sind. Besonders Tibet gilt wegen seiner Nähe zu Indien und Russland als militärisch wichtig. Das tibetische Hochland ist auch Quellgebiet vieler Flüsse, aus denen die Ballungsräume Chinas mit Wasser versorgt werden.

Der Umgang mit den Grenzvölkern spielt seit jeher eine herausragende Rolle in Chinas Politik. Der Gründervater der chinesischen Republik, Sun Yat-sen, sprach einst von der „Union der fünf Nationalitäten“ – und meinte damit die Volksgruppen der Han, Mandschu, Mongolen, der muslimischen Hui sowie der Tibeter. Der Revolutionär Mao Zedong ließ sich während des Langen Marsches (1934/35) von vielen Minderheiten helfen und versprach diesen im Gegenzug weitreichende Selbstbestimmungsrechte. Nach der Gründung der Volksrepublik 1949 merkte Mao jedoch sehr schnell, dass das neue China auf den Zusammenhalt der verschiedenen Völker angewiesen war. Zwar erklärte Mao Tibet, Xinjiang (der Name heißt übersetzt: „Neue Grenze“), die Innere Mongolei und mehrere Dutzend kleinere Gebiete offiziell zu autonomen Regionen. In der Praxis sind diese Minderheitengebiete jedoch bis heute fest in chinesischer Hand.

In Tibet tritt der tibetische Gouverneur nur bei offiziellen Empfängen auf, die eigentliche Macht hat der chinesische Parteisekretär der KP. Ebenso sind alle anderen zentralen Posten in den Minderheitengebieten von Han-Chinesen besetzt. Dahinter steckt der Han-Chauvinismus: Trotz aller Rhetorik halten sich die Han technisch und kulturell gegenüber den Minderheitenvölkern für überlegen. Sie sehen ihre Aufgabe darin, diese Volksgruppen zu „zivilisieren“ – konkret heißt das: Tibeter, Uiguren und Mongolen müssen die Lebensweise der Han-Chinesen übernehmen. Außerdem begründet die Kommunistische Partei ihren Führungsanspruch damit, dass sie es als erste politische Macht in China geschafft hat, das Riesenreich über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten. Eine Abspaltung Tibets würde aus dieser Sicht wie eine ideologische Niederlage der kommunistischen Führung aussehen.

Die Unruhen in Tibet verdeutlichen allerdings das Scheitern dieser paternalistischen Politik. In den vergangenen Jahren gab es in Tibet immer wieder Anfeindungen und gewaltsame Ausschreitungen gegen die Hui, die von den Tibetern als Helfer der Han und Wegbereiter der chinesischen Kultur gesehen werden. Bei den Protesten in Lhasa kam es nun erstmals zu pogromartigen Rassenunruhen. Selbst wenn es Peking gelingen sollte, die Lage in Tibet wieder zu stabilisieren. Die Sprengkraft der ethnischen Konflikte wird noch lange bestehen bleiben.

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