Zeitung Heute : Verbranntes Geld

In Deutschland wird über ein Rauchverbot diskutiert. Was kosten Raucher den Staat und die Gesellschaft?

Sarah Kramer

In aller Öffentlichkeit genussvoll am Glimmstängel ziehen – die Ära der qualmenden Freizügigkeit scheint langsam, aber sicher zu Ende zu gehen. Bisher argumentierten die Gegner des Rauchens vor allem mit den möglichen gesundheitlichen Konsequenzen des blauen Dunstes. Die Studie der Volkswirtin Ulrike Günzel von der Universität Hamburg könnte ihnen nun neue Argumente liefern: Günzel hat nicht nur die sozialen Folgen des Rauchens untersucht, sondern auch die langfristigen Kosten berechnet. Das Ergebnis: Die Schachtel Zigaretten kommt den einzelnen Raucher langfristig teuer zu stehen. Vier Euro muss er in Deutschland zurzeit für eine Packung Kippen ausgeben. Ein Preis, der laut Günzel in Wirklichkeit aber sehr viel höher liegt: Nach ihren Berechnungen kostet eine Schachtel Zigaretten Raucher, Staat und Gesellschaft fast 40 Euro.

Diese Summe setzt sich zusammen aus externen Kosten (6,43 Euro), für die Gesellschaft und Staat aufkommen müssen, und privaten Kosten (33,56 Euro), die jeder Raucher selbst trägt. Letztere summieren sich im Laufe eines durchschnittlichen Raucherlebens auf 144 318 Euro. Dazu gehören beispielsweise die Ausgaben für Zigaretten sowie die Kosten für durch das Rauchen verursachte körperliche Behinderungen und medizinische Behandlungen. Für diesen Posten schlagen in Günzels Studie im Laufe eines Raucherlebens rund 16 300 Euro zu Buche. Die Autorin geht dabei von der Annahme aus, dass sich die Lebenserwartung eines Rauchers im Vergleich zu der eines Nichtrauchers um bis zu zehn Jahre verkürzt.

Der Wert dieser verlorenen Lebenszeit wird in der Studie mit 22,10 Euro pro Packung veranschlagt. Dabei greift die Hamburger Untersuchung auf eine Methode aus der amerikanischen Forschung zurück. Dort haben Wissenschaftler Raucher befragt, was ihnen ein verlorenes Lebensjahr wert ist – und so eine durchschnittliche Summe von 100 000 Euro errechnet.

Die durchschnittlichen Ausgaben für Zigaretten – Günzel veranschlagt pro Glimmstängel einen Preis von 20 Cent – fallen dagegen mit knapp 8400 Euro bei den privaten Kosten des Rauchens kaum ins Gewicht. Bemerkenswert: Die Folgekosten des Rauchens sind bei weiblichen Rauchern im Vergleich zu den Männern geringer. „Ein Grund hierfür liegt darin, dass deutsche Frauen durchschnittlich weniger und für eine kürzere Zeit rauchen als die Männer“, sagt Professor Michael Adam vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Uni Hamburg.

Aber auch Gesellschaft und Staat zahlen für jeden einzelnen Raucher. So fallen beispielsweise für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall mehrere Millionen Euro pro Jahr an. Das macht pro Packung Zigaretten laut Günzels Berechnungen rund 1,40 Euro aus. Die Tatsache, dass der Staat durch die verkürzte Lebenszeit der Raucher weniger Geld für Rentenzahlungen ausgeben muss, sind in der Studie ebenfalls einkalkuliert worden. Auch wurden auf der Habenseite des Staates die Einnahmen aus der Tabaksteuer berücksichtigt. Würden diese Einnahmen wegfallen, lägen die Kosten für eine Zigarettenpackung laut Günzel sogar noch einmal um 2,18 Euro höher.

„In der Wissenschaft wurden bislang in der Regel nur die medizinischen Kosten des Rauchens berücksichtigt“, sagt Professor Adams über die Studie. Die meisten Untersuchungen beleuchteten das Thema zudem vor allem aus einer kurzfristigen Perspektive. „Dass die Kostenentwicklung mit Blick auf ein ganzes Leben betrachtet wird, ist neu“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler aus Hamburg. Ulrike Günzel kommt zu dem Schluss, dass der „volle Preis“ des Tabakkonsums dem deutschen Raucher nach wie vor verborgen bleibe. Auch sei die zurzeit vom Staat veranschlagte Tabaksteuer für den Verbraucher zu niedrig, um sämtliche Konsequenzen seiner Entscheidung für das Rauchen berücksichtigen zu können. Wer sich für das Rauchen entscheide, so schreibt Günzel in der Studie, sei im Begriff, „eine der kostspieligsten Entscheidungen des Lebens zu treffen“.

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