Verbraucherschutz : Schwere Nebenwirkungen

Kinder in China sind durch falsch hergestellte Arzneien erkrankt – EU droht Peking und fordert strengere Produktionskontrollen

Harald Maass[Albrecht Meier] Rainer Woratschka

Die Hintergründe des jüngsten Medikamentenskandals in China sind noch unklar. Die Folgen erinnern jedoch an frühere Fälle, bei denen zum Teil Dutzende Menschen durch fehlerhaft produzierte oder gefälschte Medikamente und Produkte ums Leben kamen. Seit Juli seien Kinder in drei Krankenhäusern in der Provinz Guangxi und in Schanghai mit der Leukämie-Medizin der Firma Hualian behandelt worden, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Die Kinder klagten daraufhin über starke Schmerzen in den Beinen, manche konnten nicht mehr laufen. Eine Untersuchung habe ergeben, dass dem Mittel bei der Herstellung eine falsche Chemikalie beigemengt worden war. Die Fabriken seien inzwischen geschlossen und „die meisten“ der Medikamente zurückgerufen worden, meldete die Staatsagentur weiter.

Normalerweise versuchen Chinas Behörden, Produktskandale wie mit Schadstoffen belastete Kinderspielzeuge und Fälle von fehlerhaften Medikamenten zu vertuschen. Die staatlich zensierten Medien dürfen nur selten darüber berichten. Die Tatsache, dass Xinhua die Erkrankung der Kinder publik machte, lässt deshalb vermuten, dass es sich bei den Hualian-Medikamenten um einen größeren Skandal handelt. Wichtige Fragen, ob das Medikament etwa ins Ausland exportiert wurde, blieben unbeantwortet.

Nur in den seltensten Fällen würden komplette Präparate aus China oder Indien nach Westeuropa importiert, sagte Rolf Hömke, Sprecher des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, dem Tagesspiegel. Wenn überhaupt, handle es sich um Arzneibestandteile, die hier mitverarbeitet würden. Für Sicherheit garantierten in Europa und den USA scharfe Kontrollsysteme und „extrem hohe Standards, was Medikamente enthalten dürfen und was nicht“.

Medikamentenskandale gibt es in China immer wieder. Weil es kaum Kontrollen, aber große Gewinnspannen gibt, werden viele Präparate im industriellen Maßstab gefälscht. Ärzte in Krankenhäusern verdienen sich etwas hinzu, in dem sie nachgemachte Tabletten und Medizin verabreichen, die in Hinterhöfen zusammengemischt wurden. Die Zentralregierung in Peking ist machtlos. Zwar gibt es längst Sicherheitsvorschriften und Produktionsnormen, die bei Medikamenten besonders streng sind. Die Gesetze werden in Provinzen jedoch oft ignoriert.

Zehn Prozent aller weltweit gehandelten Medikamente sind Fälschungen, schätzen Branchenexperten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezifferte den jährlichen Umsatz mit gefälschter Medizin im vergangenen Jahr auf 32 Milliarden US-Dollar. Ein Teil dieser Fälschungen stammt aus China. Auch wenn die Gefahren für deutsche Verbraucher gering sind – die meisten gefälschten Medikamente werden in Schwellen- und Entwicklungsländern verkauft –, gelangen diese Produkte durch Internethandel oder mit gefälschten Papieren manchmal auch in den Westen. In Apotheken in den USA und Großbritannien wurden bereits gefälschte Blutdruckmedikamente und andere lebenswichtige Arzneien sichergestellt. Vor zwei Jahren fingen US-Zollbeamte in San Francisco Pakete aus China mit gefälschten Tamiflu-Tabletten ab, die damals gegen die Vogelgrippe eingesetzt wurden.

Gefälschte Medikamente seien in mehreren EU-Mitgliedstaaten über das Internet vertrieben worden oder auf Straßenmärkten aufgetaucht, bestätigte auch Ton van Lierop, der Sprecher von EU-Industriekommissar Günter Verheugen, dem Tagesspiegel. Im vergangenen Frühjahr gab Verheugen eine Studie in Auftrag, von der sich die Brüsseler Behörde detaillierte Angaben über den Handel mit gefälschten Arzneimitteln in Europa verspricht; die Ergebnisse der Untersuchung sollen voraussichtlich im kommenden Jahr vorliegen. Zunächst setzt die EU-Kommission aber auf das Prinzip offener Märkte und die Selbstkontrolle betroffener chinesischer Firmen, die gesundheitsgefährdende Produkte von sich aus vom Markt nehmen: „Es ist nicht so, dass wir alle Produkte verbieten wollen“, sagte van Lierop.

Gleichzeitig droht die EU allerdings auch mit Einfuhrverboten für einzelne chinesische Produkte. EU-Verbraucherkommissarin Meglena Kuneva erklärte in der vergangenen Woche vor dem Europaparlament, für einige Güter aus China könnte ein solcher Importbann verhängt werden, wenn nicht bis Oktober die geltenden EU-Gesundheitsstandards eingehalten würden. Im Juli hatten die chinesischen Behörden der Brüsseler Kommissarin zugesichert, bis zum kommenden Monat einen umfassenden Bericht darüber abzuliefern, wie strengere Produktkontrollen in die Praxis umgesetzt werden. Schon dreimal hat Peking einen solchen Bericht über die Gesundheits- und Sicherheitsstandards der heimischen Produkte bei der Europäischen Union abgeliefert – ohne die Bedenken der Europäer aus der Welt schaffen zu können.

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