Zeitung Heute : Verbrecherjagd in Nadelstreifen

Missmanagement und Betrug gibt es überall – eine Berliner Hochschule bildet Experten aus, die dagegen kämpfen sollen

Lars Törne

Das große Erwachen kommt meist erst, wenn es zu spät ist. Wie bei den Fällen, mit denen sich Betrugsermittlerin Birgit Galley in letzter Zeit beschäftigt hat. Der Fall einer kirchlichen Organisation zum Beispiel, in der ein Betrüger das Geld der gutgläubigen Mitglieder verspekuliert hatte. Oder jenes Unternehmen, das hohe EU-Subventionen für Bauprojekte bekam, die nie realisiert wurden. Oder auch beim Kulturbau Tempodrom, bei dem Galley zwar nicht selbst ermittelt hat, dessen Fall sie aber ebenfalls für symptomatisch dafür hält, wie ein Projekt wegen mangelnder Kontrolle, fehlenden Unrechtsbewusstseins und Informationsdefiziten außer Kontrolle geraten kann, ohne dass einer der vielen Mitwisser die Notbremse zieht.

Diese und andere Fälle sind es, die Birgit Galley und ihr Kollege Henning Herzog zitieren, wenn sie erklären, was sie antreibt und was sie ändern wollen. Deswegen haben die beiden Experten für Korruptionsbekämpfung und Unternehmensführung eine Institution mit ins Leben gerufen, die Missstände wie Korruption und Wirtschaftskriminalität wissenschaftlich fundiert bekämpfen soll: das „Institute Risk & Fraud Management“ an der renommierten privaten Steinbeis-Wirtschaftshochschule, das nach eigenen Angaben erstmals in Europa den Abschluss Master of Business Administration (MBA) mit dem Schwerpunkt Risikomanagement und Korruptionsprävention anbietet. Noch laufen die letzten Vorbereitungen und das offizielle Genehmigungsverfahren, im Spätsommer soll das neue Institut im Steinbeis-Haus in Berlin-Friedrichshain den Lehrbetrieb aufnehmen.

„Unternehmen, Verwaltung und Staatsanwaltschaft sind in den letzten Jahren mit immer komplexeren Fällen konfrontiert, mit deren Bewältigung sie oft überfordert sind“, sagt Birgit Galley, die in den USA eine Ausbildung zur Betrugsermittlerin gemacht hat und seit mehr als zehn Jahren als selbstständige Korruptionsprüferin arbeitet. Für Unternehmen und Management werde es immer wichtiger, Risiken und Gefahren frühzeitig zu erkennen und ihnen präventiv zu begegnen. „Es gibt eine große Expertise am Markt, aber bislang noch keine Form, die Probleme interdisziplinär anzugehen“, sagt Henning Herzog, der seit mehr als zehn Jahren Unternehmen bei strategischen und operativen Fragen berät.

Die beiden Gründungsdirektoren sowie ihr Geschäftsführer Rainer Gehrung sehen das Institut als Kern eines Netzwerkes, an dem viele Experten mitwirken sollen. Dafür steht der Beirat, der sich aus namhaften Fachleuten zusammensetzt, die bei der Erstellung des Lehrplans mitgearbeitet haben und zum Teil auch als Lehrkräfte auftreten wollen, gemeinsam mit dem Personal der Steinbeis-Hochschule.

Professor Jürgen Marten ist darunter, Gründungsmitglied und Ethikbeauftragter der Anti-Korruptionsvereinigung Transparency International. Auch Professor Ulrich Sieber, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, sitzt in dem Beratungsgremium. Dazu kommen Praktiker wie der frühere Europol-Chef Jürgen Storbeck, Fraunhofer-Abteilungsleiter Professor Kurt Sandkuhl, der Bundestagsabgeordnete Michael Meister, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Finanzen der CDU/CSU, sowie eine Reihe anderer Fachleute.

„Unser Institut soll eine Plattform sein, auf der wir Unternehmen und Institutionen Impulse geben, wie sie erkennen, dass etwas nicht sauber läuft“, sagt Birgit Galley. Als Beispiele nennt sie spektakuläre Betrugsfälle wie die Schneider-Affäre, den Flowtex-Skandal oder den Berliner Bankenskandal: „In allen Fällen zeigte sich früh, dass etwas schief läuft, aber niemand hat etwas dagegen unternommen.“ Weitere Kompetenz von außen soll neben den Beiratsmitgliedern auch von der Schweizer Hochschule für Wirtschaft in Luzern und von der Jönköping-Universität in Schweden kommen, mit denen das Institut kooperiert.

Als Vorbild nennen die Gründungsdirektoren den Verein Transparency International. Die inzwischen weltweit anerkannte Institution zur Korruptionsbekämpfung habe klein angefangen und ist langsam groß und einflussreich geworden, sagt Galley: „So wollen wir es auch machen.“ Transparency-Mitbegründer Jürgen Marten, der im Beirat des Instituts sitzt, gibt dem Vorhaben dementsprechend viele Vorschusslorbeeren: „In vielen Unternehmen fehlt für die interne Korruptionsbekämpfung die Kompetenz“, sagt Marten. „So eine Ausbildung ist in Deutschland dringend nötig.“ Der Lehrplan des neuen Instituts, an dem er mitgearbeitet hat, sei „ausgewogen und der Sache angemessen“.

Auch Johann Graf Lambsdorff, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftstheorie an der Universität Passau, der im Auftrag von Transparency International regelmäßig einen internationalen Korruptionsindex erstellt, attestiert dem neuen Institut, das richtige Thema zur richtigen Zeit anzupacken: „Es gibt einen großen Bedarf an wissenschaftlicher Behandlung des Themas Korruption, aber Forschung und Lehre befinden sich gerade erst am Anfang.“ Seitens Politik und Verwaltung verbindet sich mit dem Institut die Hoffnung, dass Korruptionsbekämpfung künftig nicht mehr alleinige Aufgabe der Justizbehörden ist, wie der Sprecher von Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS), Christoph Lang, sagt: „Das Angebot des Instituts klingt sehr sinnvoll und ist hochinteressant für Behörden und Unternehmen.“ Eine fachübergreifende Ausbildung könnte helfen, damit sich alle Betroffenen künftig besser abstimmen.

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