Zeitung Heute : Verdammt lang her

Don Alphonso und sein Roman über die New Economy

Kai Kolwitz

Ist das lange her: Eigentlich kann man sich kaum noch vorstellen, dass es eine Zeit gab, in der Internet-Firmen mit lustigen Namen an der Börse mehr wert waren als Deutsche Bank und ThyssenKrupp. In den Wirtschaftsteilen wurde ernsthaft darüber diskutiert, ob die Old Economy der Stahlkocher und Brötchenbäcker nicht ein aussterbendes Modell sei, und irgendwo im Keller musste eine gigantische Gelddruckmaschine stehen, die alle jeden Tag ein bisschen reicher machte.

Ziemlich genau zwei Jahre sind vergangen, als die Blase der New Economy platzte – und mit „Liquide“ liegt jetzt ein Roman vor, der für sich in Anspruch nimmt, ein Sittengemälde dieser Zeit zu sein. Zwei Männer und eine Frau, eher zufällig zusammengespannt, ziehen für einen Millionenerben die Reste seines Kapitals aus maroden Start-ups. Das machen sie mit juristischen und buchhalterischen Tricks, und wenn es sein muss, auch mit Erpressung und taktischen Winkelzügen.

Was sich erst einmal nicht besonders spektakulär anhört, wird zu einer Orgie aus Luxus, Selbstüberschätzung, psychischer Defekte, Gewalt, Sex und Drogen, angesiedelt vor dem Hintergrund einer sterbenden Branche. Der Autor, der unter dem Pseudonym Don Alphonso auftritt, ist ein Insider: Aufstieg und Fall der New Economy hat er als Journalist begleitet und die Details, die zu saftig für einen Zeitungsartikel waren, in unzähligen Postings auf der Website dotcomtod.de verbreitet – nicht ohne die Fakten kräftig in Häme und gepflegten Zynismus zu tauchen.

Auch in „Liquide“ marschiert das komplette einschlägige Figurenkabinett auf, das jeder wiedererkennt, der damals mit der New Economy zu tun hatte: Großkotzige Firmenvorstände, devote PR-Damen, ausgebeutete Praktikantinnen, Journalisten, die jede Pressemitteilung ungeprüft als eigenen Artikel verkaufen. Auch sich selbst lässt Don Alphonso nicht aus. Zum einen taucht er, während die Situation eskaliert und sich irgendwann die Leichen zu türmen beginnen, als Romanfigur „Herr in Schlammgrün“ an den Buffets auf und spielt dort zusammen mit einem Kompagnon ungefähr die Rolle, die die beiden Alten in der Muppetshow innehatten. Zum anderen hat er keine Skrupel, den Roman immer wieder für Kommentare zu unterbrechen, darauf hinzuweisen, bei wem er welche Idee geklaut hat oder einzuräumen, dass diese oder jene Sexszene natürlich spekulativ und für den Fortgang der Handlung absolut unnötig ist.

„Für einen Hype braucht man die richtige Mischung aus Dummheit, Skrupellosigkeit und Lügen. Man braucht Verbrecher, Lügner und Idioten, die ihnen glauben“, meint Don Alphonso zu seinen Erfahrungen. Und auch wenn er betont, das „Liquide“fiktiv ist, das Buch lebt einfach davon, dass es die real existierende Situation treffend porträtiert. Überzeichnet und reißerisch natürlich, aber es handelt sich nun einmal um einen Roman und nicht um ein Sachbuch.

Am Ende hat sich dann zwar der Oberfiesling am Steuer seines Jaguars selbst entleibt, aber Besserung ist trotzdem nicht in Sicht. Oder wie es Don Alphonso erklärt: „Es war eine Epoche, die ich wie die meisten nicht missen möchte. Es war alles sehr offen, liberal, unkompliziert und positiv. Vielleicht hätte es auch eine Erfolgsgeschichte werden können, wenn man die Chancen neuer Technik und Kommunikation umsichtig genutzt hätte. Aber dann kamen diese gierigen Halsabschneider, die nur das schnelle Geld wollten.“

So ist „Liquide“ bei aller Boshaftigkeit ein Buch geworden, dass man gut im Urlaub am Strand weglesen kann. Um sich ein bisschen darüber zu wundern, dass das alles schon so lange her ist.

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