Zeitung Heute : „Verdammt, wieso ich?“

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Fortsetzung des Interviews von Seite S1

Herr Beltrametti, der deutsche CDUPolitiker Wolfgang Schäuble sitzt nach einem Attentat im Rollstuhl. Seine Frau hat im „Stern“ einmal von der schwierigen Anfangszeit der Rehabilitation erzählt. Schäuble habe sie damals gefragt: „Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?“

Ich kann das nicht nachvollziehen. Für mich war das nie ein Gedanke: Lieber tot sein als gelähmt. Ich wusste, ich habe überlebt, ich bin noch da – das war wie ein Sieg für mich.

Von Anfang an?

Ja. Ich bin im Krankenhaus aufgewacht und hinter mir sah ich ein Mädchen, 14 Jahre alt und so gelähmt, dass es die Arme nicht mehr bewegen konnte. In so einem Moment fängst du nicht an zu hadern. Da läuft vielmehr ein Film im Kopf ab: Hey, denke jetzt nicht an das, was du nicht kannst. Sei dankbar, dass es nicht schlimmer ist. Du kannst das noch und das noch… Sei glücklich. Das war mein Motto in der Reha-Zeit, das hat mir Kraft gegeben. Für viele schien das unglaublich, die haben sich gefragt: Nimmt der Medikamente, oder was ist los?

Und?

Es gab keine Drogen. Ich war wirklich so positiv eingestellt.

In einer Schweizer Illustrierten war später zu lesen: Der Bursche strahlt so einen Optimismus aus, ist das nur Fassade?

Ich habe das auch zu spüren bekommen, von meinen eigenen Leuten. Für die war der erste Schritt ans Spitalbett ja schwieriger als für mich. Die haben sich vorher überlegt: Wie gehe ich auf ihn zu? Kommen mir die Tränen? Vor ein paar Tagen habe ich ihn noch als Fußgänger gesehen, und jetzt liegt er da, der muss doch bedrückt sein. Die waren dann auch überrascht, dass ich sie anstrahlte. Ich habe die Gespräche in die Hand genommen und positive Energie verschenkt. Jeder von denen, die mich das erste Mal gesehen haben, fühlte sich nachher besser. Ich glaube, mir hat die Mentalität eines Sportlers sehr geholfen. Es gab die zwei Möglichkeiten: ins Mitleid zu versinken oder zu kämpfen. Und ich wusste genau, was mehr bringt.

Konnten Sie die Unsicherheit der Freunde verstehen?

Oh ja. Im ersten Moment meint jeder: Du kannst nicht mehr Skifahren, ein Leben im Rollstuhl ist das Schlimmste. Wenn ich früher unterwegs war und habe einen Rollstuhlfahrer gesehen, dachte ich: Mein Gott, das könnte ich nie! Da würde ich lieber nicht mehr leben. Und als ich dann tatsächlich im Spitalbett lag, haben mich ganz andere Sachen beschäftigt. Ich wollte so schnell wie möglich wieder selbstständig sein, vom ersten Tag an. Also kümmere dich um die neuen Herausforderungen! Zum Beispiel, ein T-Shirt anziehen. Das ging nicht mehr…

…Sie hatten einen Bruch zwischen dem sechsten und siebten Brustwirbel mit einer Verschiebung um vier Zentimeter, der Wirbelkanal ist völlig unterbrochen…

…und ich musste erst lernen, mich aufzurichten, mit beiden Händen das Gleichgewicht zu halten, ich habe ja keine Rumpfmuskulatur mehr, die das steuert. Also sagte ich: In drei Tagen schaffe ich das, Schritt für Schritt. Das hilft einem mehr, als traurig zu sein.

Abfahrtsläufer sind Kraftpakete mit einem feinen Gefühl fürs Gleichgewicht…

…und das hat mir natürlich geholfen. Am Anfang war ich auch ratlos: Wie komme ich jetzt vom Bett auf den Rollstuhl da rüber? Ich habe die Krankenschwester gefragt, wie lange brauche ich dazu? Drei Monate, war die Antwort. Nach zwei Wochen habe ich es gekonnt. Solche Erfolge tun gut. Ich bekam auch sofort Besuch von zwei Spitzenathleten, die im Rollstuhl sitzen: Schau, haben die gesagt, du wirst wieder alleine Auto fahren. Das macht Mut, wenn man sich solche Visionen aufbauen kann. Und als Sportler weiß ich, wie ich darauf hinarbeite.

Im Archiv von Schweizer Zeitungen steht über einen Sportler dieses: „Vollblutrennfahrer“, „größter Hoffnungsträger der Skischweiz“, „Liebling der Nation“, „ein herrlicher Kerl“. Er wurde bereits als „künftiger Weltmeister und Olympiasieger“ angekündigt. Erkennen Sie den?

Ja, sogar gut. Aber das mit Hoffnungsträger und Liebling und Topstar, das war ein wenig übertrieben! Ich spürte selbst, dass mir das Talent fürs Skifahren in die Wiege gelegt worden war. Ich wusste, ich kann mit den Besten in diesem Sport mithalten. Ich war ein zielstrebiger junger Kerl, und die Schweiz steckte seit Ende der 80er in einem tiefen Loch. Es gab keine Siege, keine Medaillen mehr. Natürlich habe ich Erwartungen geweckt. Natürlich wurde so geredet: Jetzt kommt einer, der wird was…!

Die berühmte Skifahrer Bernhard Russi nannte Sie „ein Jahrhunderttalent“.

Wenn ein Russi so etwas sagt, das hat mich schon geehrt. Das macht stolz, und das Selbstvertrauen wächst. Auch ich habe mein Talent gespürt. Aber niemand kann voraussagen, ob ich Weltmeister oder Olympiasieger geworden wäre.

Für normale Menschen ist ein Abfahrtsrennen etwas Unvorstellbares. Geschwindigkeiten von 150 Kilometern, bretterharte Pisten, Sprünge von 60 Metern und…

…das ist jetzt ein bisschen übertrieben. Die Weite ist auch gar nicht das Schlimme, es ist die Höhe. Man fliegt in zehn oder 15 Metern überm Boden durch die Luft, das ist hoch, oder? Die Weite, wenn so ein Sprung 50 Meter geht, die merkt man gar nicht groß.

Die Abfahrtslegende Karl Schranz hat gesagt: „Wer auf der Streif aus dem Starthäuschen guckt, für den beginnt die Angst.“

Angst ist das falsche Wort. Wer Angst hat, kann kein Rennen fahren. Da braucht es keine zurückhaltenden Typen, man muss ein Draufgänger sein. Vor Ort ist so eine Piste ja viel beeindruckender als im Fernsehen. Ein Gefälle von 70 Prozent, die Kurven, eine unruhige Piste, die extra vereist wurde, weil zu wenig Schnee liegt, brutale beinharte Bodenwellen. Wenn Sie da oben am Hang stehen, müssen Sie einfach sagen: Hey, das hab ich drauf! Hey, ich kann das! Es braucht ein fast übernatürliches Selbstvertrauen. Wobei, es ist halt unser Beruf. Wenn ich einen Bergsteiger ohne Seil in einer Wand sehe, denke ich auch: unvorstellbar! Und so ähnlich reden Sie eben vom Abfahrtski.

Keine Angst? Ganz ehrlich?

Nein. Es braucht schlussendlich Mut und Überwindung, das schon. Die Abfahrt heißt nicht umsonst Königsdisziplin. Vielleicht wird man mal nervös und bekommt das Gefühl, ist es doch zu schwierig, hier am Limit runter zu fahren? Und Respekt braucht es, weil, wenn der Respekt nicht mehr da ist, fängt man an zu spielen. Bei Tempo 120 oder 150 ist das nicht gut.

Verletzungen sind alltäglich im Skizirkus, auch schwere Verletzungen. Ein Jahr vor Ihrem folgenschweren Unfall sind Sie am Lauberhorn gestürzt und haben sich Halswirbel gebrochen. Und zwar genau in jenem Ziel-S, in dem der Österreicher Gernot Reinstadler zehn Jahre vorher tödlich verunglückte. Kam Ihnen da nicht der Gedanke: Das war eine Warnung, jetzt ist Schluss!

Nein, der Gedanke kam mir nie. Denn ich habe dieses Rennen analysiert und ganz klar gesehen: Es war ein Fahrfehler. Und der würde mir nicht mehr passieren. Diese Strecke saugt einem den letzten Saft aus den Knochen, ich hatte auf den letzten Metern keine Kraft mehr, und Kraft lässt sich trainieren. Außerdem lehrt einen die Routine, während eines Rennens Kraft zu sparen.

Die Eltern haben damals nicht gesagt: Bub, hör auf.

Mein Vater und meine Mutter waren sehr nervös vor den Rennen. Mein Vater ist der Emotionalste in der Familie, er rief mir vor jeder Abreise hinterher: „Junge, komm gesund wieder nach Hause!“ Ich merkte, ein Zuschauer leidet wahrscheinlich mehr als der Skifahrer, er sieht die Stürze und weiß, jetzt kommt der eigene Sohn. Für den Vater ist es sicher besser, dass ich den Sport nicht mehr ausübe. Aber gesagt hat er nie etwas.

Und wenn?

Es wäre nicht gut für mich gewesen.

Weil es Sie irritiert hätte? Oder hätten Sie aufgehört zu fahren?

Nein, ich hätte gesagt: Hör mal, es kann mir überall etwas passieren, ich bin jeden Winter mit dem Team Tausende von Kilometern auf der Autobahn unterwegs, von Rennen zu Rennen, dieses Risiko auf der Straße ist für mich größer. Auf der Piste habe ich alles unter Kontrolle.

Sie haben das Risiko verdrängt.

Die Risiken waren mir schon bewusst. Ich weiß auch, dass ein Abfahrtsrennen riskanter ist, als auf einem Bürostuhl zu schaffen. Aber genau das ist ja die Challenge, die Herausforderung reizt.

Der österreichische Olympiasieger Patrick Ortlieb sagt: „Nachdenken darfst ned.“

Das stimmt auch. Ein Sportler muss fokussiert sein. Negative Gedanken sind hinderlich. Aber klar, jeder hat im Leben nun mal negative Gedanken. Nur dürfen die nicht dann kommen, wenn du am Start stehst, trotz aller Nervosität. Sie müssen sich mal dieses Gefühl vorstellen, zu wissen, die nächsten zwei Minuten entscheiden. Es ist einem klar: Ich kann alles verlieren. Und dann steht man da, schließt die Augen, geht in Gedanken noch einmal den ganzen Lauf durch, macht die Bewegungen mit – und sieht sich stürzen! Vielleicht kommt dieser Blitzgedanke daher, weil beim Besichtigen der Strecke eine schwierige Stelle war und man dachte: Wenn ich hier einen kleinen Fehler habe, hänge ich schnell im Netz. Solche Gedanken musst du wegpuschen.

Sie mussten auch wie jeder andere die Athletenerklärung des Weltverbandes FIS unterschreiben, darin heißt es unter Absatz 1: „Ich bin mir der Gefahren voll bewusst, wie zum Beispiel die durch die Schwerkraft bewirkten. Ich akzeptiere, dass mit der Ausübung eines solchen Wettkampfsports Leben und körperliche Sicherheit gefährdet sein können.“

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern.

Oder ist es so: Spitzenfahrer müssen an ihre Unverletzlichkeit glauben, sonst funktionieren sie nicht?

Das muss man nicht, nein. Aber auf der Strecke selbst fühlt man sich sicher. Jeder Fehler ist der eigene Fehler. Die Kontrolle liegt bei mir. Beim Autofahren kann mir jemand plötzlich entgegenkommen, das kann ich nicht beeinflussen.

Der Unterschied ist: Skifahrer haben keine Knautschzone.

Richtig. Aber wenn ich als Aktiver solche Gespräche geführt hätte wie wir jetzt gerade, dann braucht man nicht mehr zu starten. Könnte dies oder das geschehen, könnte ich im Rollstuhl sitzen? Nein, da sagt man: Ich bin einer der Besten, zack, ich fahr jetzt runter. Und zwar mit Leidenschaft!

Tempo heißt Speed, und „Speed“ ist eine Droge. Macht die Raserei süchtig?

Es gibt schon die Erotik des Geschwindigkeitsrausches. Wenn es im Sprung über einen Hügel geht und du spürst, du hast das im Griff, da könntest du eigentlich in der Luft hinausschreien vor Glück. Diese Freude, in einer brutalen Passage die richtige Linie zu finden… Das sind so Schübe, die da inwendig im Körper ausgelöst werden, aber man kann sie nicht genießen, weil schon in der nächsten Sekunde die nächste Kante kommt, und die Konzentration darf nicht weg gehen. Unten im Ziel, da fühlst du das Adrenalin. Und es macht auch stolz zu wissen, das kann nicht jeder.

In alten Zeitungen lässt sich nachlesen, wie die psychologische Situation am Tag Ihres Unfalls in Val d’Isere war: Die Ski-Nation Schweiz wollte dringend einen neuen Helden. Seit zwölf Jahren hatte der Erzrivale Österreich die Nationenwertung gewonnen. Es sollte Ihr Tag werden, Ihr erster Sieg im Weltcup. Haben Sie das so realisiert?

Ich fühlte mich fantastisch. Ich wurde am Vortag Dritter im Super-G und wusste, in der Abfahrt bin ich stärker. Ich war nach den Zeiten im Training der Favorit. Es ist eine Saison gewesen, wo ich merkte, du bist bei den Besten dabei, all der Schweiß und das harte Training der letzten fünf, sechs Jahre zahlen sich aus – jetzt bist du so weit. Aber ich war nicht übermotiviert, das wird jeder bestätigen, ich stand ganz ruhig am Start.

Ihr Trainer sagte der „Neuen Zürcher Zeitung“ nach dem Super-G tags zuvor, er hätte Ihnen geraten, nicht so aggressiv zu sein, aber nach dem Start hätte es Sie „fast zerrissen vor Ehrgeiz“.

Sobald man unterwegs ist, spürt man, was geht und was nicht. Ich bin vielleicht manche Passage direkter gefahren als vorgesehen, aber ich fühlte, ich kann das halten, da habe ich Gas gegeben. Außerdem sah mein Fahrstil immer etwas wilder aus, ich sage nicht, dass ich wilder gefahren bin. Auch in der Abfahrt lief es gut, ich hatte als Nummer 14 die besten Zwischenzeiten, und dann hat eine Sekunde alle meine Träume, Ziele und Visionen zerstört.

Selbst wenn man sich die Szene auf Video mehrfach anschaut, es ist nicht zu begreifen, was da geschah. So schnell geht alles.

Dieser Tag war wohl in meinem Lebenskalender angestrichen, etwas sollte passieren. Es war ja ein Fahrfehler, letztendlich. Aber das Netz hat mich nicht auf die Piste zurückgeworfen. Ich bin durch das Netz durch ohne jede Tempoverminderung, ungebremst, dann mit dem Kopf gegen einen harten Gegenstand geprallt und mit dem Rücken auf einen Stein. Wenn ich diese Puzzleteile zusammensetze, sehe ich nur eins: Schicksal.

Ihr Trainer war rasch bei Ihnen, und Sie sagten zu ihm: „Ich bin gelähmt.“

Eine stichhaltige Diagnose konnte ich nicht geben. Aber nach jedem Sturz setzt ein Mechanismus ein: Mal schauen, ob ich verletzt bin? Ich wollte als erstes die Füße bewegen, habe ich ein Bein gebrochen, spüre ich das Knie? Es ging nichts. Ich habe die Hände genommen und die Beine angefasst, ich spürte nichts. Ich musste mit den Augen schauen, um mich zu vergewissern, dass ich die Beine überhaupt mit den Händen berührte. Die Gefühlswelt war weg. Um die Brust drückte es wie ein fester Gurt. In dem Moment kam es mir: Querschnitt, dein Rückenmark ist durchtrennt.

Sie lagen fast eineinhalb Stunden, weil die großen Rettungshubschrauber an der Stelle nicht landen konnten.

Es war ein langer Kampf ums Überleben. Ich hatte viel Blut in der Lunge und wurde müde. Ja, die schönen Augenblicke vergehen immer wie im Flug, und die Momente, in denen man mit Schmerzen leidet, dehnen sich endlos. Man kann alle zwei Minuten auf die Uhr schauen und denkt, eine halbe Stunde ist um. Gut, dass ich mit dem Trainer und dem Mannschaftsarzt zwei Vertrauenspersonen da hatte. Der Dieter hat ständig auf mich eingeredet: Halte durch! Kämpfe! Und ich hatte auch nie das Gefühl, ich schaffe es nicht. Vielleicht in den zwei Minuten, als ich alleine in der Schale lag und mit der Winde zum Helikopter hochgezogen wurde. Ich wusste, jetzt bist du zwei Minuten ganz auf dich alleine angewiesen, du darfst nicht einschlafen in diesen zwei Minuten, sonst bis du…

Sie haben Gott sei Dank überlebt. Sagen Sie: Was ist vor diesem Unfall für Sie Glück gewesen, und was ist es heute?

Ich war auf den Sport fixiert, und Glück hatte mit Ski fahren zu tun. Der Gedanke, zuoberst zu stehen vor einer Menschenmenge und die Nationalhymne zu hören – das war Glück. Heute kommt Glück für mich aus der Zufriedenheit. Weil ich spüre, ich kann auch im Rollstuhl zufrieden sein, dann bin ich glücklich. Das ist für viele nicht vorstellbar, wie kann ein Querschnittgelähmter glücklich sein? Und doch bin ich es.

Sie hatten viel Zeit zu grübeln.

Ich versuche, nicht in der Vergangenheit zu stochern. Das gelingt nicht immer, und da waren schon mal die Gedanken präsent: Warum? Was, wenn ich krank gewesen wäre und hätte nicht starten können? Es wird nie eine Antwort darauf geben. Auch jetzt sitze ich noch manchmal in der Natur, schaue hoch, balle die Faust und sage: Verdammt, wieso ich? Und wieso das?

Wen fragen Sie?

Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich merke ja, von irgendwo her kriege ich Kraft und Energie. Ich habe auch früher im Ziel schon mal gedacht: Hey, ich hab das gut gemacht, aber du hast mich gut gesteuert.

Und trotzdem wollen Sie partout nicht in den Behindertensport. Viele dachten, jetzt holt er dort Medaillen.

Es hat einen Schnitt in meinem Leben gegeben, und zur Frage nach dem Warum gehört auch die Frage nach dem Sinn dieses Schicksals. Der Sinn liegt darin, eine neue Aufgabe zu bekommen. Der Sport hat mir viel gegeben, ich habe enorm viel gelernt. Jetzt soll ich mehr meinen Kopf benutzen. Ich will Neues erforschen. Das Niveau im Sport der Behinderten ist gewaltig. Soll ich wieder sieben Stunden am Tag trainieren, an der Technik feilen, mich mental fokussieren? Nein.

Herr Beltrametti, Sie haben die Reha im Rekordtempo absolviert, in 133 Tagen. Sie haben den Führerschein gemacht und fahren Auto. Sie haben den Jagdschein gemacht und gehen ins Gelände. In Ihrer Heimatgemeinde sind Sie frisch gewählter Gemeinderat. Wir sitzen zusammen im Büro einer Sportagentur, für die Sie Sponsoren besorgen und Events organisieren. Es war richtig schwierig, einen Termin mit Ihnen zu finden.

Und zweimal in der Woche gehe ich zur Abendschule, um eine kaufmännische Ausbildung nachzuholen. Aber ich habe nicht so viele Termine wie ein Staatspräsident. Ich mache nur so viel, dass ich nicht überlastet bin. Ich will vieles ausprobieren, wie ein Kind, das alles neu anfängt. Jede Bewegung, jede Arbeit, jede Sportart ist neu für mich. Ich bin gerne alleine in der Natur, im Sommer fahre ich dreimal die Woche abends ins Jagdgebiet mit dem Quadtöff…

Ein Schweizer Wort für ein Motorrad mit vier Rädern.

…und beobachte Tiere. Im September war ich drei Wochen mit Freunden in der Jagdhütte, und Sie werden mich auch künftig im September nie bei der Arbeit sehen. Dafür nehme ich mir Zeit, auch Ski fahren habe ich nicht einfach so gekonnt.

Sie fahren wieder?

Ja, mit dem Monoskibob.

Und?

Also wenn Sie beide nicht sehr gut mit den Ski unterwegs sind, fahre ich Ihnen sicher um die Ohren. Dabei habe ich im Oktober bei Null angefangen. Zwei Meter gefahren – bamm! – umgefallen. Ab zum Babylift. Wieder umfallen. Ich brauchte jedesmal jemanden, um mich hochzuziehen, das schmerzt dann schon im Inneren. Aber diese Skibobs funktionieren super. Nach zwei Tagen bin ich zum ersten Mal allein einen Lift hoch. Und an Weihnachten konnte ich locker mit meinen Freunden mithalten. Ich wollte nicht, dass die immer auf mich warten müssen, das sind ja alles gute Skilehrer.

Sie lassen es auf der Piste krachen?

Im Schnee ist das Kribbeln da. Ich war Sportler! Ich kann da nicht einfach gemächlich runterfahren. Ich genieße es auch, wenn jemand mit zwei Skiern anhält und mit großen Augen staunt. Das gibt mir Anerkennung. Ich hatte auch schon wieder einen anständigen Sturz. Die Nase war ein bisschen blau, und hier am Mund sehen Sie den Schnitt, wo genäht werden musste.

Erschrecken Sie nicht wahnsinnig, wenn Sie fallen?

Doch, doch. Weil ich nicht mehr alleine aufstehen kann, weil ich hilfloser bin als früher. Aber es macht Spaß.

Haben sich eigentlich Ihre Träume verändert?

Früher sah ich mich im Traum manchmal auf dem Siegerpodest, wie man mir eine Medaille umhängt. Das ist normal, denn der Olympiasieg war ja ein realistischer Traum. Die Strecke in Salt Lake City…

…wo im Februar 2002 Olympische Winterspiele stattfanden…

…war wie auf mich zugeschneidert. Kurz nach dem Unfall träumte ich oft, wie ich gehe oder Ski fahre. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht und dachte am nächsten Morgen, was träumst du da für einen Seich? Doch seit einem halben Jahr habe ich mir nicht mehr als Spitzensportler gesehen. Nur zwischendurch mal träumte ich mich als Fußgänger und auch schon mal im Rollstuhl. Jetzt macht es mir nichts mehr, wenn ich mich im Traum zu Fuß sehe, ja, ich kann es sogar genießen, wenn ich davon aufwache.

Sie sind zehn Monate nach dem Unfall mit dem Helikopter zurück nach Val d’Isere zur Unglückstelle. Ein Dokumentarfilmer hat…

…ich bin nicht für diesen Film dahin, sondern für mich selber. Es war mein eigener Wunsch. Es war riskant, denn ich wusste nicht, welche Emotionen da hochkommen. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an den Unfall gedacht habe – oft mit Wut oder Hass. Ich hatte den Drang, diesen Stein zu sehen, ich wollte schauen, wo genau ich gelegen habe. Alles sollte noch einmal Revue passieren. Deshalb wollte ich meinen Trainer dabei haben, er konnte genau sagen, wo die Stelle war, wir gingen den Sturz noch einmal durch, den Fehler, das Netz, der Aufprall, tack! Dann wollte ich Frieden schließen mit diesem Ort.

Das ging?

Ich glaube schon. Es war eine große Trauer da, als die Gedanken zu dem Sturz zurückgingen, zum Kampf ums Leben. Ich habe das Gespräch gesucht mit dem lieben Gott da oben, aber die Worte, die da gefallen sind, wird niemand erfahren. Mir kamen die Tränen, ja, ich habe die Faust geballt und sagte, die Wut ist weg, das ist abgehakt. Manchmal ist sie immer noch da, die Wut, aber sie geht nach und nach.

Sie strahlen einen ungeheuren Optimismus aus, man fühlt Ihre Zuversicht regelrecht. Der Spitzenathlet Christian Wenk, der auch im Rollstuhl sitzt, hat jedoch geklagt, er erlebe die Welt aus der Perspektive eines Kindes: „Du wirst nicht ernst genommen.“

Ich habe nur Probleme, in einer Stehbar lange Diskussionen zu führen. Dann recke ich die ganze Zeit den Hals nach oben. Auch wenn ich in ein Büro komme, und alle stehen. Das schmerzt irgendwann im Nacken und auch psychisch. Eine blöde Situation, unangenehm. Denn du bist den anderen einfach nicht gleichgestellt. Ich traue mich aber schon zu sagen: Kommt runter, setzt euch hin!

Sie fühlen sich respektiert.

Ich fühle auch die Blicke, wenn ich durch die Stadt rolle. Wie die Leute traurig gucken, sie wollen einem ihr Mitgefühl zeigen. Das brauche ich nicht, was ich brauche, ist Anerkennung. Mitleid tut weh.

In der Kurzbiografie auf Ihrer Webseite steht „Gewicht: 82 Kilo (mit Rollstuhl 96 Kilo)“.

Das ist ein kleiner Gag, nur die Zahl stimmt nicht mehr ganz. Als Spitzensportler wog ich 93 Kilo, aktuell sind es 78. Und der Rollstuhl hat 14 Kilo. Es fragen mich so viele, wie schwer ich bin, ehe sie mich eine Treppe hochhieven müssen. 92 Kilo sind es, sage ich dann. Weil er lupft ja mich und den Rollstuhl mit dazu.

Herr Beltrametti, Wolfgang Schäuble galt lange Zeit als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Könnte ein Rollstuhlfahrer das?

Ja sicher. Warum denn nicht?

Schäuble selbst hat vor Jahren die Öffentlichkeit mit so einer Frage provoziert und dabei sogar das Wort „Krüppel“ benutzt.

Ich würde das so nie sagen. Ich sehe mich nicht als Krüppel, sondern als Menschen, der, um sich fortzubewegen, nur noch ein Drittel seines Körpers einsetzen kann. Und Herr Schäuble kann fliegen, Autofahren geht, er kommt überall hin. Für solch ein Amt ist der Geist entscheidend, und der funktioniert doch. Für politisches Gespür und gute Ideen benötigt man die Füße nicht.

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