Zeitung Heute : Verdammtes Havanna

Kubas Hauptstadt ist verloren. Dass hier überhaupt noch ein Haus steht, ist ein Wunder, sagt unser Autor. Eine Abrechnung.

Antonio José Ponte; Fotos: Sven Creutzmann

Welche Stadt sich einmal dort erheben wird, wo heute noch Havanna steht? Eine schwierigere Frage dürfte es wohl kaum geben. Denn während die Experten, die sich jeden Tag den Kopf über Kubas politische Zukunft zerbrechen, unzählige Beispiele aus der Geschichte für ihre Übergangsszenarien heranziehen können – etwa die Transición Spaniens von der Franco-Diktatur zur Demokratie –, ist der Fall Havannas beispiellos. Wo auf der Welt gibt es eine zweite Stadt, die ein halbes Jahrhundert in völliger Erstarrung verbracht hat? Die einzigen Orte, die man heute mit Havanna vergleichen könnte, finden sich in den Annalen des Krieges: Es sind Städte, die von Bomben verwüstet wurden.

Ja, Havanna gleicht heute einer bombardierten Stadt, obwohl es vom Krieg verschont geblieben ist. Und mehr noch: Ein Bombardement ist normalerweise nur eine Episode (womit ich natürlich die architektonischen Verluste meine, nicht die menschlichen), und die Überlebenden gehen mit dem Wunsch daraus hervor, das Leben dort wiederaufzunehmen, wo es von der feindlichen Luftwaffe unterbrochen wurde. Aber eine Attacke von geringer Intensität, die jahrzehntelang andauert, zermürbt. Sie raubt den Menschen die Hoffnung auf einen Neuanfang. Sie ziehen sich zurück, werden gleichgültig und lethargisch, trauen sich nicht mehr aus ihren Verstecken.

Die Regierung Fidel Castros ist während der vergangenen 50 Jahre wie ein unaufhörliches Bombardement gewesen. Man muss nur einen Blick auf das „Modell von Havanna“ werfen – eine für die Öffentlichkeit zugängliche maßstabsgetreue Rekonstruktion der Stadt –, um zu sehen, wie wenig seit 1959 gemacht worden ist. Unterschiedliche Farben im Modell sollen zeigen, wann die entsprechenden Häuser errichtet wurden – die Farbe der Revolution ist so gut wie nicht vertreten. Havanna wurde größtenteils zwischen 1900 und 1960 errichtet. Ein Spaziergang durch die Straßen der Stadt reicht aus, um die Hinfälligkeit der Architektur dieser Jahrzehnte zu erkennen.

Die Zusammenbrüche unzähliger Häuser haben Löcher ins Stadtbild gerissen. Und dennoch haben auch erstaunlich viele alte Gebäude dem Angriff der Zeit widerstanden. Man hat einen Begriff gefunden, um die Beharrlichkeit dieser Bauten zu beschreiben, die nach physikalischen Gesetzen schon längst hätten zusammenbrechen müssen. Man spricht von einem „statischen Wunder“. Es ist einzig diesem Wunder zu verdanken, dass Havanna überhaupt noch existiert. Sogar die offiziellen kubanischen Statistiken, zurechtgebogen wie sie sein mögen, spiegeln die Tragweite der Katastrophe wider. Ein Regierungsbericht vom September 2005 warnt davor, dass 52,5 Prozent der Gebäude des Landes sich in einem fatalen Zustand befänden. Es ist anzunehmen, dass die Mehrzahl dieser Gebäude in Havanna steht, der größten und am dichtesten besiedelten Stadt des Landes.

Während eines halben Jahrhunderts haben die sozialistischen Stadtplaner den Ruf nach Wohnungen für die Bevölkerung ignoriert. Jeden Impuls, etwas Neues zu schaffen, haben sie bekämpft und abgetötet. Und so leben die Einwohner Havannas heute mit der traurigen Gewissheit, dass nichts, was verfällt oder eingestürzt ist, je restauriert werden wird. Zumindest sofern es nicht in der Unesco-Liste auftaucht. Und natürlich mit Ausnahme der kolonialen Altstadt, dem mesopotamischen Havanna.

So ist denn jeder neue Riss in den Mauern Havannas wie der Riss in der Fassade des Hauses Usher, der es schließlich zum Versinken bringt. Aber die Menschen stellen keine Fragen. Und selbst wenn sie es täten: Wann hat die Bevölkerung Kubas jemals Rechenschaft von einer Regierung verlangen dürfen? Man kann sich die Antwort ja ohnehin schon ausmalen. Es wäre die gleiche, die man bekommt, wenn man auf den Mangel an Lebensmitteln und Medizin hinweist; wenn man die fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel anmahnt oder die ständigen Stromausfälle. Schuld haben immer das US-Embargo und alle US-Regierungen seit Kennedy. Kuba sei ein armes Land, wiederholt der offizielle Diskurs wie ein Mantra. Kuba sei ein unterentwickeltes Land, es habe keine Ressourcen, um sein architektonisches Erbe zu erhalten und keine Mittel, um etwas Neues zu bauen. Die größte imperialistische Macht der Welt unterdrücke den Fortschritt auf der kleinen Insel, heißt es.

Man könnte natürlich nachfragen, was für die kubanischen Städte getan wurde, als zwischen 1960 und 1990 die umfangreichen Hilfen aus der Sowjetunion eintrafen. Man sollte wirklich einmal nachforschen, wohin das ganze Geld geflossen ist, denn die gleiche kubanische Führung, die die Invasion in der Schweinebucht abwehrte und später erfolgreiche Bildungs- und Gesundheitsprogramme ins Leben rief, sie scheint den Tod Havannas dekretiert zu haben. Es herrscht kein Zweifel mehr daran, dass die Revolution die Stadt in Ruinen hinterlassen wird. Kubas Hauptstadt ist unwiederbringlich verloren.

Nur eine einzige konstruktive Idee hat die aktuelle Verwaltung gehabt: die Restaurierung der Altstadt Havannas, die Eusebio Leal Spengler, Chef-Historiker der Stadt, betreut. Allerdings verwechselt er auf fatale Weise Konservierung mit Entvölkerung. Dort, wo große Wohnhäuser stehen, die vielen Familien ein Dach über dem Kopf bieten, planen er und sein Team leere Räume: Museen anstelle von Wohnungen, Büros für Bürokraten, Zweigstellen für ausländische Firmen, Schauplätze für historische Filme. Die durch Restaurierung wiedergewonnen Gebäude schließen die Bewohner Havannas aus. Sie sind würdelos, gleichen einem kubanischen Disneyland, Potemkinsche Dörfer.

Und die Mieter? Sie werden in Fertigbauten am Stadtrand gesteckt. Der sogenannte „Masterplan zur umfassenden Wiederbelebung Alt-Havannas“ gibt dem Symbolischen und Monumentalen den Vorrang vor dem Menschlichen. Zu allem Überfluss plant man auch noch Gärten, einer soll Lady Diana gewidmet werden, ein anderer Mutter Teresa. Zu dem Unfug gesellen sich eine griechisch-orthodoxe- und eine russisch-orthodoxe Kathedrale sowie ein Museum für Rum.

Letzteres könnte man im Gegensatz zu den Kathedralen und Gärten ja noch durch die kubanische Kultur rechtfertigen. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob es nicht viel wichtiger wäre, endlich Wohnraum für die Kubaner zu schaffen, die immer noch zusammengepfercht in den staatlichen Notaufnahmen hausen. Laut offizieller kubanischer Statistik lebt heute die Hälfte der Menschen in Miniwohnungen. Aber das Spezialistenteam um Havannas Chefhistoriker vergnügt sich damit, Kirchen ohne Gemeinde und Gedenkstätten für Prinzessinnen und Nonnen zu fabrizieren, die keinerlei Beziehungen zu Havanna und seinen Menschen haben. Eine falsche Symbolik wird geschaffen, der Stadt eine künstliche Erinnerung aufgedrückt.

Die Fälscher machen sogar vor der tatsächlichen Geschichte Havannas nicht Halt. Ihr Versuch, den Glockenturm der ersten Universität Havannas zu reproduzieren, gleicht mehr dem Nachbau des Glockenturms vom Markusplatz, der im Hotel „Venetian“ in Las Vegas steht.

Gärten für Nonnen und Prinzessinnen, Kulissentürme, Tempel für Religionen ohne Gläubige, Alkohol-Museen. Das sind die Ideen derjenigen, die eigentlich Vorschläge zur Wiederbelebung Havannas machen sollten. Sie hätten genauso gut von Privatunternehmen kommen können, denen die Geschichte und Kultur der Stadt gänzlich egal sind.

Ich bezweifle, dass eine sozialistische Regierung (angeführt von wem auch immer, Fidel oder Raúl Castro) die kubanische Hauptstadt noch einmal wiederauferstehen lassen wird. Dazu müsste die seit 1959 andauernde revolutionäre Epoche endlich zu Ende gehen und mit ihr eine Politik, deren Merkmal das Desinteresse am Urbanen ist. Wenn dieser Moment gekommen ist, wird es noch mehr Löcher im Stadtbild und Gebäude im Überfluss geben, die nur noch dank des „statischen Wunders“ stehen. In einigen Vierteln der Stadt müsste man deshalb mutig das Rezept des Pariser Präfekten Georges-Eugène Baron Haussmann aus den 1860er Jahren applizieren: große Alleen durch die Stadt schlagen, ausgehend von den derzeitigen engen Straßen. In kritischen Fällen müsste man architektonische Euthanasie walten lassen. Aber es würde sich dann plötzlich so viel freier Raum auftun, wie ihn der portugiesische Premierminister Marqués de Pombal nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 zur Verfügung hatte. In Havanna hat ein halbes Jahrhundert der Vernachlässigung größere Schäden angerichtet als eine Naturkatastrophe. Doch nun bietet sich wie einst in Lissabon die einmalige Gelegenheit, die kubanische Hauptstadt völlig neu entworfen wiedererblühen zu lassen.

Natürlich ergäben sich daraus dann ganz neue Probleme. Immobilienfirmen und Spekulanten könnten sich die Stadt unter den Nagel reißen und sie regelrecht vergewaltigen. Die Bedrohung ginge dann weniger von den einstürzenden Gebäuden aus, als von denen, die errichtet würden. Und das Havanna der Zukunft könnte sich durchaus in eine Ansammlung architektonischer Grausamkeiten verwandeln, wenn seine Einwohner weiterhin so lethargisch sind. (Immer, wenn ich mir diese Anti-Utopie ausmale, sehe ich den Malecón, die Seepromenade Havannas, vor meinem inneren Auge. Wolkenkratzer gesellen sich in diesem Albtraum zu den seltsamen Gärten und Kathedralen, sie versperren die Sicht aufs Meer und rauben den Straßen dahinter den Atem.)

Doch wie soll man eine Stadt völlig neu denken, die sich jahrelang nur dahingeschleppt hat, ohne sich je weiterzuentwickeln? Wie wird Havanna einmal sein, wo so viel Vergesslichkeit über dieser Stadt liegt? Ich glaube, man sollte in dieser einzigartigen Situation denjenigen vertrauen, deren Beruf es ist, Städte zu entwerfen. Und ich glaube an die unbedingte Notwendigkeit, das Geplante zu diskutieren und zu kritisieren. Eine starke öffentliche Beteiligung ist gefragt: Die Spezialisten wie auch die einfachen Bewohner der Stadt müssen sich einbringen.

Vor allem aber glaube ich, dass Havanna, anders als jede andere Stadt der Welt, erst noch erfunden werden muss.

Aus dem Spanischen übersetzt von

Philipp Lichterbeck.

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