Verena Becker : Es haftet an ihr

Verena Becker war entlastet. Nun deuten neue DNS-Spuren darauf hin, dass sie doch am Buback-Mord vor 32 Jahren beteiligt war. Welche Konsequenzen hat dies?

Frank Jansen Kai Kupferschmidt
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Grafik: Anna Kroupa

Am Morgen des 7. April 1977, kurz nach neun Uhr, fallen in Karlsruhe Schüsse. Ein schweres Motorrad vom Typ Suzuki GS 750, auf dem zwei behelmte Personen sitzen, hat auf der Linkenheimer Landstraße rechts neben dem Dienstwagen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback gestoppt. Der Soziusfahrer auf dem Motorrad legt mit einem halbautomatischen Gewehr auf den Wagen an und gibt mehr als 15 Schüsse ab. Buback und sein Fahrer Wolfgang Göbel sterben noch am Tatort, der auch im Wagen sitzende Polizeibeamte Georg Wurster erliegt am 13. April seinen Verletzungen. Am selben Tag bekennt sich für die Rote Armee Fraktion (RAF) ein „Kommando Ulrike Meinhof“ zu dem Anschlag, der die Bundesrepublik schockt.

Auch heute noch, 32 Jahre danach, ist der dreifache Terroristenmord ein schmerzliches Thema. Denn es bleibt vieles unklar. Wer geschossen hat, ist noch immer nicht ermittelt. Nun hat sich offenbar der von Bubacks Sohn Michael schon lange gehegte Verdacht gegen die ehemalige RAF-Frau Verena Becker verstärkt. An Bekennerschreiben zum Anschlag von Karlsruhe wurden DNS-Spuren gefunden, die zumindest teilweise der Ex- Terroristin zuzuordnen sind. Becker hatte zehn Umschläge angeleckt, wie die Kriminaltechniker des Bundeskriminalamts im Februar herausfanden. Außerdem entdeckte das Institut für forensische Genetik in Münster im Mai Spuren an den Schreiben selbst. Am Donnerstag hat die Polizei Beckers Wohnung durchsucht und Computer beschlagnahmt. Außerdem soll ihr Telefon überwacht worden sein. Eines der schrecklichsten Politverbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik kommt möglicherweise doch noch der Aufklärung näher.

Wie kam es zu den neuen Ermittlungen?

Verena Becker und der RAF-Mann Günter Sonnenberg wurden am 2. Mai 1977 nach einer Schießerei in Singen (Baden- Württemberg) von der Polizei überwältigt. Ende 1977 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Becker wegen der Schüsse auf die Polizisten zu lebenslanger Haft – der Anschlag auf Buback war ausgeklammert. Das Verfahren gegen Becker in diesem Fall stellte die Bundesanwaltschaft 1980 ein. Als Täter wurden Günter Sonnenberg, Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt festgestellt. Sie erhielten, bis auf Sonnenberg, lebenslange Haft, auch wegen weiterer Anschläge. Gegen Sonnenberg wurde das Verfahren aus gesundheitlichen Gründen eingestellt, er hatte in Singen einen Kopfschuss erlitten.

Im November 1989 kam Becker frei, nachdem der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sie begnadigt hatte. Erst im April 2008 nahm die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Becker wieder auf. Der Verdacht lautet: Mittäterschaft bei der Ermordung Bubacks, seines Fahrers und des Polizisten. Der Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Becker ging im Jahr 2007 eine kampagnenartige Kritik Michael Bubacks an den früheren Ermittlungen voraus. Buback stützte sich auf Informationen, die er vom Ex-RAF-Mitglied Jürgen Boock bekommen hatte. Boock belastete allerdings nicht Becker, sondern den ehemaligen RAF-Terroristen Stefan Wisniewski. Er soll der Todesschütze auf dem Motorrad gewesen sein. Die Bundesanwaltschaft begann Ermittlungen gegen Wisniewski, doch der Verdacht ließ sich nicht erhärten. Dann geriet Becker ins Visier der Behörden. Obwohl bekannt wurde, dass Becker ebenfalls Wisniewski genannt hatte – als sie Anfang der 80er Jahre aus der Haft heraus mit dem Verfassungsschutz in Kontakt getreten war und viel über die RAF erzählte. Die geheimen Gespräche, denen damals keine neuen Ermittlungen folgten, wurden erst 2007 publik. Womöglich hatte Becker beim Verfassungsschutz Wisniewski als Mörder Bubacks genannt, um sich zu entlasten.

Gab es Pannen bei den Ermittlungen?

Es erscheint seltsam, dass 1980 die Ermittlungen gegen Becker eingestellt wurden, obwohl sie und Sonnenberg bei der Festnahme in Singen die Tatwaffe des Anschlags auf Buback dabeihatten, eine Heckler & Koch 43. Außerdem hatte ein Augenzeuge berichtet, die Person auf dem Rücksitz des Motorrads sei zierlich gewesen. Warum Polizei und Justiz beide Indizien nicht stärker gewichtet haben, bleibt offen.

Wie haben die Spuren 32 Jahre überdauert?

„Jeder kleinste Kontakt mit den nackten Händen reicht aus, um Hautschuppen zu übertragen“, sagt Carsten Hohoff vom Institut für forensische Genetik in Münster, wo die Briefe untersucht wurden. Je länger und je fester man ein Stück Papier gehalten habe, umso wahrscheinlicher sei es, dass die Schuppen auch über viele Jahre an dem Blatt haften. „Außerdem verlieren wir beim Sprechen feinste Speicheltropfen, die sich auf dem Briefpapier ablegen können“, sagt Hohoff. Im Speichel sind Zellen der Mundschleimhaut enthalten. Aus ihnen kann ebenso wie aus den Hautschuppen menschliches Erbgut für einen genetischen Fingerabdruck gewonnen werden. Bei Briefumschlägen ist es noch einfacher: „Früher hat man die Briefmarke ja meist angeleckt, da sind dann jede Menge Zellen zur Untersuchung vorhanden“, sagt Hohoff.

Dass diese Spuren auch nach 32 Jahren verwertbar sind, überrascht nicht. Die Haltbarkeit des Erbgutes hat vor allem mit äußeren Umständen zu tun. „Nach dem Tsunami in Südostasien zum Beispiel konnte bei vielen Leichen schon nach einigen Stunden, aber spätestens nach einigen Tagen kein Erbgut für genetische Untersuchungen mehr gewonnen werden“, sagt Lutz Roewer, Leiter der forensischen Genetik im Berliner Institut für Rechtsmedizin. Schuld seien Fäulnisbakterien, die sich bei Leichen, die bei Hitze im Wasser liegen, schnell bilden. Die Bakterien zerschneiden dann das Erbgut in kleine Stücke, die für einen genetischen Fingerabdruck nicht mehr brauchbar sind. „Wenn man Material aber kühl, dunkel und trocken lagert, kann man auch nach vielen Jahrzehnten noch DNS isolieren“, sagt Roewer. „Sie können auch bei Briefen eines längst verstorbenen Großvaters, die 80 Jahre lang in einem Schrank aufgehoben wurden, häufig noch DNS isolieren, um eine Verwandtschaft zu testen.“ Inzwischen ist es Forschern durch einige besonders gut erhaltene Exemplare sogar gelungen, das Erbgut ausgestorbener Tierarten wie Mammut und Beutelwolf zu entschlüsseln.

Wie sicher ist ein genetischer Fingerabdruck?

Bei einem genetischen Fingerabdruck werden kurze „Stotter-Stücke“ des menschlichen Erbguts untersucht. An diesen Stellen wiederholt sich eine Abfolge von vier Buchstaben einige Male. Bei manchen Menschen kommt das kurze Stück nur dreimal vor, bei anderen fünf- oder 20-mal. Für einen genetischen Fingerabdruck werden in Deutschland in der Regel zwölf solcher Stellen untersucht. Die Anzahl der Wiederholungen an diesen zwölf Orten ergibt für jeden Menschen ein individuelles Muster, seinen Fingerabdruck. „Man rechnet grob, dass jede dieser untersuchten Stellen die Sicherheit um eine Zehnerpotenz erhöht“, sagt Roewer. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person ein bestimmtes DNS-Profil, also eine Kombination dieser zwölf Merkmale trägt, wäre demnach eins zu einer Billion. Entsprechend erdrückend ist auch die Beweislast des genetischen Fingerabdruckes. „Vor Gericht ist das ein sogenannter faktischer Beweis“, sagt Roewer. Bei der Verteidigung würden zwar immer neue Strategien verwendet, den Test in Zweifel zu ziehen, indem man zum Beispiel darauf hinweise, dass die Spur auch von einem Zwilling kommen könne oder dass die Spur auch gefälscht sein könnte. „In der Regel kommt es aber eh nicht hart auf hart im Gerichtssaal“, sagt Roewer. Meist führe der genetische Fingerabdruck in den Ermittlungen zu einem Verdächtigen, der dann angesichts der Beweislast gestehe.

Wie viele DNS-Stellen im Fall von Verena Becker genau untersucht wurden, ist unklar. Bei älteren Spuren kann das Erbgut schon in kleinere Fragmente zerfallen sein. Dann können manchmal nur einige der üblichen Stotter-Stücke analysiert werden. Im Gutachten zu den untersuchten Briefumschlägen heißt es, es bestehe kein Zweifel, dass Verena Becker „die Verursacherin der Anhaftungen“ ist. Roewer geht daher davon aus, dass mindestens sieben Stellen untersucht wurden. „Sonst kann man das eigentlich nicht mit dieser Sicherheit sagen.“

Muss der Fall Buback nun noch einmal

völlig neu aufgerollt werden?

Nicht nur mit Blick auf Verena Becker ist eine Neubewertung nötig. Geklärt scheint lediglich, dass Günter Sonnenberg das Motorrad fuhr und Brigitte Mohnhaupt als eine zentrale Figur der zweiten RAF-Generation die Vorbereitung des Mordes steuerte. Andererseits bleibt die Rolle von Knut Folkerts fraglich, da er sich womöglich zum Zeitpunkt der Tat in Amsterdam aufhielt. Unklar ist auch, in welchem Maße Christian Klar beteiligt war. Mitschuldig seien aber alle, sagt ein Sicherheitsexperte. Die RAF habe im Kollektiv entschieden, wer getötet werden sollte. Eine endgültige Klärung erscheint nur möglich, wenn alle Tatbeteiligten reden. Doch die meisten der früheren RAF- Terroristen schweigen eisern.

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