Verena Bentele : Der vergoldete Traum

Einmal zu den Paralympics, niemals auf die Ersatzbank: So begann die Erfolgsgeschichte der Verena Bentele. In Kanada hat die blinde Athletin bereits drei Goldmedaillen gewonnen – und es sollen noch mehr werden.

Anne Balzer
Bentele
Das Strahlen der Siegerin. Die blinde Biathletin und Langläuferin Verena Bentele holt das erste Gold für Deutschland. -Foto: Thilo Rückeis

Nach diesem Erfolg wollte Verena Bentele ihren Begleitläufer Thomas Friedrich gar nicht mehr loslassen – so gut tat die Umarmung nach dem Gewinn der Goldmedaille zu Beginn der Paralympics in Whistler. Die blinde Langläuferin und Biathletin aus Tettnang feierte am ersten Tag der Spiele ihren Sieg in der Verfolgung über drei Kilometer der Biathleten – obwohl sie sich drei Fehlschüsse leistete. Am Montag dann jubelte Verena Bentele zum zweiten Mal. Auch die Goldmedaille über die 20 Kilometer lange Cross-Country-Strecke gehörte ihr.

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16.03.2010 12:02Alles ist möglich. Bei den Paralympics in Vancouver zeigen die Sportler unglaubliche Leistungen - jeder für sich auf ganz...


Mit 28 Jahren kann Verena Bentele nun bereits zehn paralympische Goldmedaillen für sich verbuchen. Ihr Erfolg ist hart verdient. Morgens und abends sind bei ihr Joggen und Krafttraining angesagt. Doch wann immer es im Winter möglich ist, stürzt sie sich nach draußen in den Schnee. Manchmal allein mit ihrem Begleitläufer Thomas Friedrich, manchmal mit der ganzen Mannschaft. Friedrich aber ist nicht wegzudenken.

Verena Bentele besuchte in ihrer Kindheit die Blindenstudienanstalt Marburg. Seit der Grundschule ging sie ins Internat, nur am Wochenende war sie zu Hause. Ganz schön hart für ein kleines Mädchen. „Heute würden mich meine Eltern sicher auch auf eine Regelschule schicken, aber damals war das noch nicht so gang und gäbe“, erzählt sie. „Außerdem sind wir auf dem Land groß geworden, da gab es einfach nicht so viele Möglichkeiten.“ Auch für die Eltern war dieser Umstand schwer zu ertragen, doch die Förderung durch den Sport dürfte für einiges entschädigt haben. In einer Regelschule hätte Bentele eben nie diese guten Bedingungen gehabt. Dort werden Kinder mit Behinderung in der Regel vom Sportunterricht befreit, statt sportlich gefördert .

Ob Judo, Leichtathletik, die Pflege ihres Ponys oder Ski alpin mit ihren Eltern, Verena Bentele hat sich nie auf die Ersatzbank schieben lassen, sie war immer aktiv. Schon als Kind war sie extrovertiert und immer offen für Neues – dass Bentele irgendwann an einem Langlaufschnupperkurs teilnahm, war da nicht verwunderlich. Diese Sportart, draußen im Kalten, im Schnee, hatte es ihr sofort angetan. Und schnell zeigte sich, dass sie sehr viel Talent hatte. Mit 13 Jahren nahm Verena Bentele an ihrer ersten Meisterschaft teil. Sie war eine der Jüngsten im Team. Das habe sie motiviert, erzählt sie. „So hatte ich immer tolle Vorbilder, ich wollte dahin, wo die anderen schon standen.“

Irgendwann einmal an den Paralympics teilnehmen – das war fortan ein Traum, der sie nicht mehr losließ. Das ist jetzt 15 Jahre her, eine aufregende und spannende Wettkampfzeit für Verena Bentele. An Motivation mangelte es ihr nie. Ehrgeizig verfolgte sie ihre Ziele. 1998 holte sie bei den Paralympischen Spielen in Nagano Gold, zwei Mal Silber und einmal Bronze. Die folgenden Spiele 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin waren ein einzigartige Erfolgsserie für die junge Athletin.

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17.03.2010 13:05Angekommen. Am Flughafen von Vancouver wird das deutsche Team der Paralympics Zeitung freundlich begrüßt. -


Biathlon und Langlauf, diese beiden Sportarten bestimmen seit langem ihr Leben. Die berufliche Ausbildung kommt dabei aber nicht zu kurz. Bentele paukte neben dem Sport für die Schule, machte 2002 ihr Abitur mit dem Schwerpunkt Wirtschaftslehre. Anschließend studierte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Aber die Magisterarbeit für das Literaturstudium muss warten – bis nach den gerade laufenden Paralympics.
 
Kurz vor dem Abflug nach Vancouver fuhr sie noch einmal zum Trainingslager ins österreichische Toblach. Um sich den „letzten Schliff“ zu holen, wie sie sagt. Denn es gebe immer etwas zu verbessern. „Ich bin einfach kein Mensch, der sich leicht zufrieden gibt. Ich versuche immer etwas zu verbessern.“ Vor jedem wichtigen Wettkampf sei sie nervös. Selbstkritisch sagt sie: „Ich geh jetzt hart auf die 30 zu, da wird sich das auch nicht mehr ändern.“

Die vielen Zuschauer, die Sportler in den verschiedenen Disziplinen aus unterschiedlichen Ländern, die einzigartige paralympische Atmosphäre – das gefällt der Medaillenfavoritin gut. Insgesamt geht sie in der Wettkampfwoche fünfmal an den Start, immer mit dem Ziel, Medaillen nach Hause zu bringen. Eine goldene hat sie nun schon gewonnen, aber sie sagt auch: „Wenn du alles gibst, dann reicht das.“
 
Verena Bentele ist aber nicht nur die erfolgreiche Sportlerin, Topathletin, Paralympicssiegerin. Sie ist auch eine junge Frau und Studentin mit vielseitigen Interessen. Inlineskaten und Radfahren gehören dazu, und Bentele liebt es, ins Theater zu gehen, Konzerte zu besuchen, lange zu telefonieren und mit Freunden zu quatschen. Und sie liest gerne. Stieg Larsson, Milan Kundera, Hermann Hesse. Wenn sie über Bücher spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Gerade hat sie sich mit Jostein Gaarders „Kartengeheimnis“ auf eine philosophische Reise begeben. „Stieg Larssons Krimis habe ich verschlungen und als Literaturstudentin kann man auch Hermann Hesse mögen“, sagt Verena Bentele. Lesen, die große Leidenschaft. Lesen? „Naja, eigentlich höre ich die Bücher“, antwortet Bentele verschmitzt. Bücher in Blindenschrift seien viel zu unpraktisch, viel zu dick, um sie zu den vielen Sportwettbewerben mitzunehmen.

Eröffnung der Winterparalympics
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13.03.2010 09:39Magisch. Viel Grün im Publikum und jede Menge Ahornblätter auf der Bühne. Kanada heißt die Paralympics willkommen. -


Verena Bentele ist Optimistin. Einiges ihrer vielen Erlebnisse, ihrer fröhlichen Art und ihrer Lebenseinstellung gibt sie in Seminaren weiter. Ihre Erfahrungen aus dem Sport lassen sich auf viele Lebensbereiche übertragen, weshalb sie immer wieder von Firmen für Vorträge angefragt wird. Da gebe es ganz verschiedene Themen, sagt Bentele. Teambuilding, Stressbewältigung oder das Erkennen eigener Stärken sind nur einige Beispiele aus ihrem Seminarrepertoire. Mal arbeitet sie mit ganz kleinen Gruppen, ein anderes Mal sind es bis zu einhundert Zuhörer. Das ist etwas, was ihr viel Spaß macht. Und wenn es weiter so gut läuft, möchte Verena Bentele nach dem Studium gern in der Personalentwicklung oder im Sport und in der Sportorganisation arbeiten. Was tatsächlich kommt, weiß sie allerdings noch nicht, sagt sie.
 
Sicher ist dagegen, dass die blinde Sportlerin auch bei den Spielen von Vancouver wieder im Mittelpunkt steht. Schon vor der ersten Goldmedaille wurde sie von den kanadischen Tageszeitungen als Star der Paralympics gefeiert. Für Verena Bentele selbst wird es aber erst einmal kein großes Fest geben. Denn sie hat bei diesen Paralympics noch zu viel vor. „Ich habe noch drei Rennen, in denen ich Gold gewinnen kann“, sagte Bentele nach ihrem zweiten Triumph von Whistler, der sie zur bisher erfolgreichsten Athletin der Spiele macht.   

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