Zeitung Heute : Verfallserscheinungen

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Manchmal greift einem die „Schwäch’ von allem Zeitlichen“ (Hofmannsthal) schon mächtig kalt ans Herz. Manchmal merkt man so richtig, wie alt man ist. Und ich meine jetzt nicht den Blick in den Spiegel, das Entsetzen über den genüsslich fortschreitenden körperlichen Verfall, über Falten, Tränensäcke, Besenreiser, chicken wings, Leberflecken und was der Unappetitlichkeiten mehr sind; nein, ich meine die Tatsache, dass ich heute viel weniger von Hofmannsthal halte als früher, und dass ich längst mehr zu Karl Kraus tendiere, dem großen Antipoden, und dass Dinge verschwinden und Lieben eben auch. Und zwar spurlos, als hätte es sie nie gegeben. Als hätte es einen selber nie gegeben. Als existierte man auf Gedeih und Verderb einzig und allein in dieser Tränensäcke und Leberflecken produzierenden Gegenwart. Was natürlich Unfug ist.

Ich kann mich beispielsweise recht gut an das Haus des Dirigenten Joseph Keilberth erinnern, im damals noch idyllisch-dörflichen Grünwald. Mein Schulweg nämlich, so ich es darauf anlegte, führte mich direkt daran vorbei: an der Wacholderhecke, den hohen Tannen und den schmiedeeisernen Fenstergittern. Ich glaube, ich legte es damals sehr oft darauf an, immer in der Hoffnung, eine Musik zu erhaschen, ein paar Skalen auf dem Klavier oder gar eine Sängerstimme. Und immer bestrebt, einen Blick auf das riesige Notenpult zu werfen, das in einem der Fenster thronte. Wenn ich nur inbrünstig genug auf und ab patrouillierte, so dachte ich, während meine Wege den Koglerberg hinauf und die Eierwiese hinunter lang und länger wurden, würde der Maestro sich eines Tages erbarmen. Liebes Fräulein, würde er dann rufen, darf ich Ihnen vielleicht etwas auf der Trompete vorspielen? Denn Keilberth war berühmt dafür, was mich als Erstklässlerin schwer beeindruckte, dass er sich während eines Bayreuther „Parsifal“ unter der Leitung des alten „Kna“ alias Hans Knappertsbusch ins Orchester setzte – und die Trompete blies. Einfach so. Als wollte er, der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und langjährige Chef der Bamberger Symphoniker, am liebsten verschwinden. Als sollte die Musik ihn ganz verschlucken.

Das Schicksal aber wollte es anders. Am 20. Juli 1968 brach der Dirigent während einer „Tristan“-Vorstellung im Münchner Nationaltheater zusammen. Ich war bestürzt, als ich von seinem Tod erfuhr. Noch bestürzter freilich war ich, als man seinem Haus wenig später mit der Abrissbirne zu Leibe rückte. Joseph Keilberth würde dieses Jahr seinen 95. Geburtstag feiern. In Grünwald aber residieren heute die Herren Stars vom FC Bayern. Und der „Mosi“ mit der Daisy.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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