Zeitung Heute : Verflochtene Liebe

Fred Jacob ist Korbmacher – doch seine wahre Leidenschaft sind Skulpturen

Die junge Kundin ist gerade erst in der Welt aus Korb angekommen, und zwischen dem Paravent, den Sesseln und Garderoben ein wenig verunsichert: „Repariert ihr mir auch diesen Griff, oder ist das zu Pillepalle?“, fragt sie den Experten, und deutet auf den mitgebrachten Korb. „Pillepalle machen wir auch“, antwortet Fred Jacob trocken und wendet sich dann wieder der Sitzfläche eines alten Stuhls zu, die er gerade repariert. Über ihm hängen an handelsüblichen Haken, an denen man auch Handtücher aufhängen können, noch weitere Stühle.

Der zierliche Jacob flicht vor einer mintgrün angestrichenen Wand in seinem Laden in der Winsstraße in Prenzlauer Berg, und er erzählt. Von seinem Großvater, Vater und großen Bruder, die alle auch schon Korbmacher gewesen sind; von der Tochter, die den Beruf ebenfalls gelernt hat, heute aber einen anderen Job macht. Und davon, dass er das Material Korb gerne von einem Klischee befreien möchten: „Korb muss nicht immer einen Nutzen haben, Korb kann auch Kunst sein“, sagt er ernst. Das sei ihm sehr wichtig. Sich noch mehr mit Kunst zu beschäftigen, würde ihm am meisten Spaß machen – aber damit sei eben nicht viel Geld zu verdienen.

Eine mächtige Demonstration dieser Sicht ist die 2,30 Meter hohe korpulente Rattan-Dame, die in seinem Fenster steht, eine andere die Fotos, die einige Skulpturen zeigen, die Jacob dem Künstler Henry Moore nachempfunden hat. An der fülligen Frau hat Jacob sechs Wochen lang geflochten. Rattan ist mittlerweile sein Lieblingsmaterial. „Obwohl das natürlich objektabhängig ist.“ Mit Rattan könne man Skulpturen einfach besser formen, während Weide schneller breche.

Er ist 42 und schon mehr als sein halbes Leben Korbmacher: „In der Ausbildung fängt man mit Reparaturarbeiten an“, erklärt er. Und dann fange man an, Körbe zu flechten. Bis der dann wirklich schick sei, dauere es aber einen Weile: „Wenn du das kannst, dann bist du in zwei Stunden mit so einem Korb fertig.“ Wenn nicht, dann sitze man an einer solchen Arbeit zwei Tage lang. „Und dann kannst du sie immer noch in die Tonne schmeißen.“

Anfängern könne es auch passieren, dass nach ein paar Stunden Blut auf das Korbmaterial tropfe. „Das Material, mit dem wir arbeiten, ist sehr rau.“ Dadurch werde die Haut an den Fingerspitzen abgerieben. Irgendwann wachse dann zwar Hornhaut drüber. „Die geht aber immer wieder weg.“

Zu DDR-Zeiten hat Jacob häufig das Material für seine Arbeit gefehlt. „Und nach der Wende wollten die Menschen erst mal das Billigzeug aus Taiwan.“ Das Bewusstsein habe sich aber wieder gedreht: „Inzwischen wissen die Menschen auch den alten Stuhl von Oma wieder zu schätzen.“

„Krank bin ich eigentlich nie gewesen“, sagt Fred Jacob. Krank gebe es nicht. Und auch Urlaub ist nicht so sein Ding. „Das letzte Mal wollte ich eine Woche machen, war dann am Donnerstag aber doch wieder im Laden.“ Wahrscheinlich muss man so zäh und ausdauernd sein, um in einem alten Handwerk wie diesem zu bestehen. „Ich bin in Berliner der einzige Korbmachermeister mit eigener Produktion.“

2001 hat er mit dieser Ausdauer eine wichtige Auszeichnung gewonnen, den „Landespreis Handwerk“. Seine Skulpturen sähe er gerne in einer Galerie. Zu den ganz dünnen Exemplaren gehören Adam und Eva, zwei Äste, denen er eine Art Hülle geflochten hat. „Die beiden haben keine Arme mehr, weil ich denke, dass die Menschen in der Zukunft keine Arme mehr brauchen“, sagt er. Die quatschten ja nur noch noch und arbeiteten nicht mehr. „Obwohl, dann gibt es ja auch keine Korbmacher mehr, und das wollen wir doch nicht.“

Jacobs hat sein Geld immer mit seinen Armen verdient. Für die Autoausstellung in Genf hat er einen riesigen Hut geflochten, sieben mal zweieinhalb Meter. Gearbeitet hat er auch schon für verschiedene Opernhäuser und Theater. In Schlachtensee hat er für Lutter und Wegner einen ganzen Raum beflochten – statt Tapete sozusagen. Für die Zukunft wünscht er sich, dass eine Galerie Platz für seine Figuren schafft.

www.flechtwerkberlin.de

Nach der Wende wollten die Menschen erst mal das Billigzeug aus Taiwan. Inzwischen wissen die Menschen aber auch den alten Stuhl von Oma wieder zu schätzen.“

Fred Jacob, Korbmacher

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