Zeitung Heute : Verführen lernen

Heute ist Rekordverkaufstag. Trotzdem steckt der Einzelhandel in der Krise. Ein Blick in zwei Häuser des Karstadt-Konzerns

Moritz Döbler[Wismar Berlin]

Herrenanzüge liefen einfach nicht. Also weg damit, raus aus dem Sortiment. Zu wenige in Wismar brauchen einen dunklen Einreiher. Aber das erste Kaufhaus am Platz ohne Herrenanzüge? Ausgerechnet das Karstadt-Stammhaus, das vor bald 125 Jahren als „Tuch-, Manufaktur- und Confectionsgeschäft“ eröffnete? Das ist trotz allen Renditedrucks schlecht vorstellbar, daher durften die Anzüge bleiben – sie kriegen jetzt sogar einen besseren Platz, und die Marke Pierre Cardin kommt dazu. Für Bücher und Schreibwaren jedoch gab es keine Gnade. Die sind Geschichte.

Der Einzelhandel krebst seit Jahren vor sich hin, in Wismar wie in ganz Deutschland. Karstadt-Quelle, mit einem Marktanteil von 40 Prozent Marktführer bei Warenhäusern, hat es in der Krise der Branche besonders hart getroffen, der Konzern steckt mitten in einem harten Sanierungsprozess.

Doch in diesen Tagen herrscht das Prinzip Hoffnung. Immer schon waren die Adventssamstage die stärksten Tage, aber der heutige vierte Adventssamstag ist der Auftakt für einen ungewöhnlich langen – und dringend nötigen – Endspurt. Heiligabend fällt diesmal auf einen Samstag, und deswegen hat die letzte Woche vor Weihnachten sechs Einkaufstage. „Das sind die Tage, an denen die meisten Geschenke gekauft werden. Das wird dieses Jahr besonders gut, das bringt noch mal kräftig was“, sagt Enrico Wallborn, der Geschäftsführer des Hauses in Wismar.

Das ist bei ihm im ältesten und kleinsten Karstadt-Haus nicht anders als im größten und feinsten Warenhaus des Konzerns: dem Kaufhaus des Westens in Berlin, das allerdings nicht den Namen Karstadt trägt. „Unsere Einschätzung ist, dass das nochmal eine hervorragende Woche wird“, sagte Patrice Wagner, der 38-jährige gebürtige Franzose an der Spitze des KaDeWe. „Das Weihnachtsgeschäft läuft sehr gut, deutlich besser als letztes Jahr. Wir haben ein gutes Plus.“

Auch im KaDeWe steht das gesamte Sortiment auf dem Prüfstand. Genau wie in Wismar werden jene Produkte gestärkt, die Umsatz bringen. Da gibt es neuerdings einen Luxusboulevard im Erdgeschoss, auf dem Cartier goldene Uhren und Louis Vuitton Lederkoffer präsentieren, da werden drei Stockwerke zu Fashion-Etagen mit Dior, Armani und wie sie alle heißen. Mitte 2007 wird das 100-jährige Jubiläum gefeiert, bis dahin soll der schon seit bald zwei Jahren laufende Umbau das Haus noch näher an die Weltspitze heranrücken.

So ambitioniert die Pläne sind, für Verkäuferin Dorit Durst in der Herrenkonfektion hat sich das Sortiment kaum geändert. „Früher mussten die Krawatten hängen, nach Firmen geordnet. Heute liegen sie, und alles ist nach Farben sortiert“, erzählt sie. Aber die Kunden, die sind anders als früher. „Der Kunde ist König. Das war immer so. Aber heute spielen sie das aus.“

Einzelhandel ist das Leben der resoluten Berlinerin. Anders als ihre jungen Kolleginnen kann sie eine Smoking-Schleife perfekt binden und jedes Hemd – samt Pappe und Nadeln – so zusammenlegen, dass man es noch verkaufen kann. Im dunklen Hosenanzug, die blonden Haare kurz, gibt sie den Ton an in ihrer Abteilung. 1960 hat sie ihre Lehre bei dem inzwischen eingegangenen Herrenkonfektionshaus Girndt in Berlin-Zehlendorf begonnen und 40 Jahre ohne Pause in der Branche gearbeitet – bis sie im Jahr 2000 ziemlich plötzlich aufhörte. „Ich konnte mit den Kunden nicht mehr.“ Also verkaufte sie Kaffee bei Eduscho, aber das war es auch nicht. Nach einem Jahr ergab sich eine Möglichkeit beim KaDeWe.

Wallborn, der Kaufhaus-Chef in Wismar, ist zwar nur 36 Jahre alt und erst 20 Jahre in der Branche. Allerdings dürfte er noch mehr Wandel erlebt haben als Dorit Durst in Berlin. Als er kleiner Verkäufer für Unterhaltungselektronik und Schallplatten im Centrum-Warenhaus in Magdeburg war, brach die DDR zusammen und zog der Kapitalismus ein. Verkäufer, das wollte er von Anfang an sein. Noch heute hat er die Preise von damals im Kopf. 7300 Mark kostete der Sharp-Videorekorder, den es zum 40. Jahrestag der DDR gab, und 4900 Mark waren für den Colormat-Farbfernseher fällig, wenn man einen bekam. Die Hits von Tina Turner kamen wie alle Lizenzschallplatten an einem Dienstag heraus und kosteten 16,10 Mark. „Ich möchte die Zeit nicht missen. Aber das hat mit dem heutigen Verkaufen nichts zu tun. Das war pures Verteilen“, erinnert sich Wallborn. „Verkäufer waren nicht die, die auf Montagsdemonstrationen mitmarschiert sind. Verkäufer kamen an alles ran.“

Nach der Wende fiel Centrum in Magdeburg an Karstadt. Wallborn, der schon zu DDR-Zeiten eine Abteilungsleiterschulung absolviert hatte, lernte bis heute zehn Häuser des Konzerns kennen. Von Magdeburg ging es nach Limburg an der Lahn, dann über Berlin-Wedding, Bielefeld, Braunschweig, Berlin-Spandau, Garbsen, Hannover, Mölln bis nach Wismar. „Karstadt hat eine ganz besondere Luft. Das kann man schon riechen, wenn man reinkommt.“

Von seinen zehn Häusern sind acht Teil des Karstadt-Konzerns geblieben, Garbsen und Mölln wurden verkauft und müssen den Namen spätestens 2009 abgeben. Beinahe hätte es auch in Wismar nicht nur Schreibwaren und Bücher, sondern das ganze Kaufhaus getroffen. Eigentlich wäre es wie 74 andere Häuser und mehr als 170 Fachgeschäfte im August an deutsche, britische und amerikanische Finanzinvestoren verkauft worden. Knapp eine halbe Milliarde Euro brachte der Deal dem Konzern. Die Zentrale in Essen hatte entschieden, dass alle Filialen mit weniger als 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche abgestoßen werden. Denn der neue Vorstandschef Thomas Middelhoff trimmt Karstadt-Quelle auf bessere Renditen. Bis aufs Cover von „Newsweek“ hat er es damit schon geschafft.

Weg von der Trutschigkeit, lautet die Losung. Und es ist ja wahr: Die meisten Karstadt-Filialen hatten zwar alles, was man so braucht – Erlebniswelten aber waren sie nicht. Künftig soll Einkaufen vor allem Spaß machen. Und die Häuser sollen verkaufen, was Gewinn bringt. Da passt das KaDeWe gut, aber Hertie in Neukölln eben nicht. Erst in letzter Minute hatte Middelhoff ein Einsehen mit Wismar. Ausgerechnet er, der mit der Wirtschaftswunderzeit des Konzerns brach, besann sich auf die Geschichte. Denn Wismar hat zwar nur gut 3000 Quadratmeter mit einem Jahresumsatz von rund 7,5 Millionen Euro, aber es ist eben das Gründungshaus, und deswegen bleibt es wie das 20-mal größere Hauptstadt-Flaggschiff unter dem Konzerndach.

Im Mai wird der 125. Geburtstag des „Tuch-, Manufaktur- und Confectionsgeschäfts“ groß gefeiert, im Februar der 150. Geburtstag des Gründers Rudolph Karstadt, der den Einzelhandel seiner Zeit revolutioniert hat. Bei ihm musste bar bezahlt werden, und er hatte Festpreise. Anschreiben oder schachern war nicht möglich. Mit einem Möbelwagen voll Waren und 1000 Talern fing er an. Drei Jahre später eröffnete er das nächste Geschäft in Lübeck, und dann ging es Schlag auf Schlag so weiter.

300 000 Artikel und 212 Filialen waren es, als Middelhoff kam. Bei Bertelsmann war der Star der New Economy gescheitert, weil die Eigentümerfamilie Mohn aus Gütersloh sich nicht mehr für die hochfliegenden Träume vom weltumspannenden Medienimperium begeisterte. Er heuerte bei der Private-Equity-Gesellschaft Investcorp in London – einer Heuschrecke – an und stieg durch die Hintertür bei Karstadt-Quelle ein: als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Auf sein Drängen räumte der Vorstandsvorsitzende das Feld, Middelhoff ließ einen Nachfolger suchen und nicht finden. Von den kleinen Klitschen hat er sich getrennt, die Immobilien sollen für drei Milliarden Euro verkauft werden; nun plant er große Luxuskaufhäuser in aller Welt.

Ob das eine Antwort auf die Krise des Einzelhandels ist, muss sich noch zeigen. Karstadts erster Tresor steht jedenfalls noch in Wismar, ein holzvertäfeltes Ungetüm mit der handschriftlichen Notiz des Gründers: „Erst buchen, dann geben.“ Im Halbdunkel eines staubigen Gangs unter dem Dach stößt man auf ein Plakat mit den „Hausstandards“. Der Kunde stehe im Mittelpunkt. Und: „Schön, wenn jemand meine Wünsche verstehen will.“

Aber das mit dem Wünsche verstehen ist nicht so einfach. Wismar, die schmucke Hansestadt an der Ostsee, zählt zwar zum Weltkulturerbe der Unesco, aber wie in vielen Städten in Ostdeutschland ist jeder Fünfte arbeitslos und liegt die Kaufkraft 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Multimedia, Damenwäsche und Parfums laufen am besten. „Es hat keiner mehr eine Grundversorgung nötig. Man kann nur punkten, wenn man den Kunden verführt“, sagt Geschäftsführer Wallborn. Zur Damenwäsche zählt er auch besonders Damenstrümpfe. „Da sind wir absoluter Platzhirsch. Die Bürgermeisterin kommt zweimal die Woche.“ Und im Sommer ist Sandspielzeug ein ernst zu nehmender Umsatzträger. Wegen der Touristen.

Wie das KaDeWe hat sich auch das Haus in Wismar einen aufwändigen Umbau vorgenommen. Im Jubiläumsjahr will man gerüstet sein, zumal H&M um die Ecke eine Filiale plant. Was keinen Umsatz bringt, fliegt raus oder zieht um, und was viel bringt, wird stärker herausgestellt. So müssen die Schuhe vom exponierten Erdgeschossplatz in den ersten Stock, dafür kommt die Damenwäsche nach unten. Ein Experiment hat Wallborn in der Vorweihnachtszeit gewagt: Glaswaren von Kosta Boda aus Schweden gab es in zwei Buden auf dem Marktplatz und im Kaufhaus. „Das ist was ganz Erlesenes, das gibt’s sonst nur im KaDeWe“, sagt Wallborn. „Wir haben das mal probiert, und im Haus ist es auch ganz gut gelaufen.“

Auch mit der Geschichte kann man ein wenig Umsatz machen. So gibt es einen blau-weißen „Stammhaus-Gästeschirm“ zu 9,90 Euro und Postkarten – wahlweise Tages- oder Nachtansicht – für 40 Cent. Stadtführer halten vor dem Eingang, um Touristen einen Einblick in die Ursprünge des deutschen Einzelhandels zu geben. Manchmal dürfen sie auch den Tresor im alten Kontor bestaunen.

Die Zukunft des Wismarer Hauses – zu DDR-Zeiten hatte es 500 Beschäftigte, heute sind es 54 und fast nur Frauen – scheint gesichert. Das hat auch Laura Senst angezogen. Die 16-Jährige mit Brille und rot getönten Haaren hat ihre Lehre erst im September begonnen. Leise erzählt sie davon, dass sie mit Menschen zu tun haben wollte. Krankenschwester klappte nicht, Verkäuferin schon. Jetzt ist sie in der Damenoberbekleidung, jederzeit würde sie am Sonntag arbeiten. „Damit hätte ich kein Problem. Das finde ich sogar gut. Es gibt viele, die unter der Woche nicht einkaufen können.“

Ob sie bei dem Beruf bleibt, wird sich zeigen – vielleicht kommt nach der Lehre auch das Abitur. „Ich hätte das jetzt schon machen können. Aber eine Lehrstelle ist ja heute wie ein Sechser im Lotto.“ Der Hauptgewinn, das sind 40-Stunden-Woche und im ersten Ausbildungsjahr 540 Euro Monatsgehalt. Ihre Eltern leben getrennt, sie wohnt bei ihrer arbeitslosen Mutter, zum Vater hat sie wenig Kontakt. „Ich könnte mir vorstellen, weg zu gehen. Überall hin.“

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