Zeitung Heute : Verführung zum Protest

KOMISCHE OPER Die Komponistin Olga Neuwirth wirft in „American Lulu“ einen neuen Blick auf die schillernde Frauenfigur.

UWE FRIEDRICH

Lulu ist eine Männerfantasie. Eine furchterregende Frau, die für ihre Verführungskraft schließlich bestraft wird. Erst verfallen ihr alle Männer und Frauen, dann wird sie von Jack the Ripper kurzerhand gemeuchelt. Diese Geschichte wollte die Komponistin Olga Neuwirth endlich einmal aus weiblicher Perspektive neu und anders erzählen. Dazu nahm sie den zweiaktigen Torso von Alban Bergs Oper, schrieb einen völlig neuen dritten Akt und instrumentierte das gesamte Werk für Jazzband. Damit macht sie sich angreifbar, das ist ihr vollkommen klar: „Alban Bergs Musik ist perfekt. Wenn ich schon einen neuen dritten Akt schreibe, musste das auch Konsequenzen für die anderen beiden Akte haben. Mein Vater ist Jazzmusiker, mein Onkel Musikwissenschaftler, und zwar Spezialist für die zweite Wiener Schule, zu der auch Alban Berg gehörte. ‚Lulu’ war immer anwesend in diesem Haushalt und wir saßen alle vor dem Fernseher, als 1979 die Premiere der vervollständigten Fassung übertragen wurde. Da schien es mir nur konsequent, Bergs Musik mit der Klangwelt des Jazz zu verbinden, da diese schon in seiner Partitur unter der Angabe Jazzband angelegt ist.

Den dritten Akt mit dem eher zufällig rächenden Jack the Ripper fand schon die junge Olga Neuwirth albern. Nun hat sie endlich die Gelegenheit, Lulu und ihr Umfeld aus weiblicher Sicht neu zu interpretieren. Die beiden vollendeten Akte sind in Deutschland urheberrechtlich nicht mehr geschützt, können also frei verwendet werden. Auf Bergs dritten Akt durfte Neuwirth sich allerdings nicht beziehen, weil die Rechte beim Komponisten Friedrich Cerha liegen. „Ich habe mich deshalb entschieden, einen völlig neuen dritten Akt mit neuem Text und neuer Musik zu schreiben. Ich erzähle die Geschichte als Rückblick der gealterten Lulu. Es kommt durch meine Neuinstrumentierung ja zu einer Klangverzerrung, und deswegen war die Rückblende der Lulu nur der konsequente Schritt daraus.“ Das notwendige Selbstbewusstsein für diesen Eingriff in die Musik bringt Olga Neuwirth mit, sie betont jedoch gleich, dass sie diesen mutigen Schritt nur wagt, weil die Partitur nicht als abgeschlossenes Werk vorliegt. An den Bruchstellen findet sie Ansatzpunkte für eine neue Interpretation des hergebrachten Stoffs. „Die Komponisten der Zweiten Wiener Schule haben ja auch häufig Werke anderer Komponisten bearbeitet. Und in diesem Fall liegt alles vor mir und ich habe bloß herausgeschabt, was in der Partitur schon inhärent vorliegt.Ich war mit diesem Bild der Lulu seit jeher unzufrieden und habe jetzt versucht, etwas anderes damit zu machen.“

Schnell stand für Olga Neuwirth fest, dass sie das Ende anders lösen wollte als im Schauspiel und in der Oper. „Schon wie sie ihre erotische Anziehungskraft – bewusst oder unbewusst – einsetzt, um alle Männer und Frauen von ihr abhängig zu machen, ist mir nicht gerade sympathisch. In der Vorlage wird angedeutet, dass sie mit 12 Jahren sexuell missbraucht wurde, dass also versucht wurde, ihr die Identität zu nehmen. Ich verstehe die Figur der Gräfin Geschwitz, die bei mir Eleanor heißt, fast wie eine Zwillingsschwester der Lulu. Dadurch möchte ich darauf hinweisen, dass Personen mit einem ähnlichen Schicksal unterschiedliche Konsequenzen daraus für ihr Leben ziehen können. Ich möchte zeigen, dass man sich immer zwischen verschiedenen Optionen entscheiden kann. Auch wenn man durch Leidenschaft abhängig wird, muss man sich davon nicht zerstören lassen.“

Bei Olga Neuwirth bewegen sich Lulu, Gräfin Geschwitz und Schigolch in einer rassistisch weißen Gesellschaft der 50er Jahre, und ihr Leben wird vor dem Hintergrund der amerikanischen „civil-rights“-Bewegung erzählt. Lulu ist Nobelprostituierte in New York und erinnert sich an ihre frühen Jahre in New Orleans. Auch Neuwirths Lulu wird schließlich ermordet, doch bei ihr bleibt der Mordfall ungeklärt. Jeder hat ein Motiv, die so faszinierende wie schreckliche Lulu zur Strecke zu bringen, nicht nur der Lustmörder. UWE FRIEDRICH

Premiere 30.9., 19 Uhr

Weitere Vorstellungen 6. und 10.10., jeweils 19.30 Uhr

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