Zeitung Heute : Verführung zum Saitensprung

UWE FRIEDRICHD

Die Gambe war schon immer ein teures Instrument. Im 17. Jahrhundert kosteten Darmsaiten ein kleines Vermögen, und wenn ein Instrument sechs oder sieben Saiten benötigte wie die Gambe statt nur vier wie das Cello, war von vornherein klar: Das musste man sich erst mal leisten können. Deshalb spielten vor allem der Adel und das reiche Bürgertum die kostspieligere Gambe. Eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Gambenvirtuosen hielt sich gegenseitig genau im Blick und versuchte, den anderen mit immer neuen virtuosen Tricks und Kniffen zu übertreffen. Im Grunde ist das bis heute so geblieben, die Szene der wirklich virtuosen Gambisten ist überschaubar und Hille Perl gehört zweifellos zu den wenigen, von denen die Kollegen noch etwas lernen können. „Es gibt schon Stücke, bei denen ich mich erst mal hinsetzen muss, viel übe und überlege, wie ich das hinkriegen soll. Es gibt eine erstaunliche Vielfalt an Stilen, jeder Komponist hatte seine spezifische Handschrift. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts tummelten sich die Virtuosen. Die haben den großen Tonumfang der Gambe bis zum Ende des Griffbretts ausgenutzt. Daran können wir uns heute abarbeiten.“

Beim diesjährigen „Zeitfenster“-Festival, der V. Biennale für Alte Musik, wird nun ein ganzer Themenschwerpunkt die Gambe ins rechte Licht setzen. Seit zweieinhalb Jahren spielt Hille Perl ihre Programme auf einem historischen Instrument, das dem Bozener Geigenbauer Matthias Alban zugeschrieben wird. „Für mich ist es sehr aufregend, dieses alte Instrument zu spielen. Durch den jahrhundertelangen Gebrauch werden diese Instrumente einfach besser“, ist Hille Perl überzeugt. „Ich weiß auch von meinen modernen Nachbauten, dass sie ganz anders, viel reifer klingen, wenn ich sie zehn, zwölf Jahre gespielt habe. Die Instrumente haben dann einfach mehr zu erzählen, sie haben mehr Klangerfahrung. Es scheint dann auch nichts auszumachen, wenn sie zwei- oder dreihundert Jahre auf einem Dachboden rumliegen. Meine Gambe ist dreihundert Jahre alt und kann noch weitere dreihundert Jahre leben, wenn sie gut behandelt wird.“

Während die Instrumente bleiben, ändern sich die stilistischen Vorstellungen vom „richtigen“ Musizieren. Das 19. und 20. Jahrhundert brachte den Typus des Virtuosen, der mit möglichst raffinierter Technik einen großen emotionalen Effekt erreichen wollte. Mit dieser Musizierhaltung funktioniert die Musik des 18 Jahrhunderts nicht, meint Hille Perl. „Wenn man das mit russischer Geigentechnik spielt, ist es einfach bekloppte Musik. Wir wollen diese Musik wieder verständlich machen, auch für ein Publikum, das nicht viel darüber weiß. Wenn wir die Spieltechniken erforschen, machen wir das nicht aus historischem Interesse, sondern weil wir einen künstlerischen Lustgewinn haben wollen. Wir müssen die Regeln genau kennen, um sie geschmackvoll brechen zu können.“

Jahrhundertelang wollten Handwerker die Instrumente immer besser machen, der vermeintlich perfekte Klang war vor allem lauter und ausgeglichen in allen Klangregistern. Dafür wurde der eigenständige Charakter der Instrumente häufig aufgegeben, ein neutraler Klang schien ideal. Doch die Hörgewohnheiten haben sich in den letzten Jahrzehnten wieder geändert. „Auch das Publikum ist abenteuerlustiger geworden. Und selbst wenn ich seit zwanzig Jahren mit einer bestimmten Spieltechnik erfolgreich war, probiere ich gerne mal eine neue Saite aus, auch wenn ich erst mal zwei Wochen üben muss, um einen vernünftigen Ton hinzukriegen. Denn das Ergebnis ist unter Umständen besser, als was ich vorher gemacht habe. So versuche ich, der Musik gerecht zu werden, die uns wundersamerweise überliefert wurde.“UWE FRIEDRICH

Hille Perl (Viola da Gamba) und Lee Santana (Laute): 14.4., 18 Uhr

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