Zeitung Heute : Verführungskünstler

Zwischen Espressomaschine, Irak und Grimme-Preis: Wissensmagazine liegen voll im Trend – auch ihre Moderatoren

Thomas Gehringer

Alle reden vom (diplomatischen) Klima, Wolf von Lojewski vom Wetter. Und doch wird es bei seinem Einstand als Moderator von „Abenteuer Wissen“ (ZDF, 22 Uhr 15) auch um den drohenden zweitten Golfkrieg gehen. Das Aktuelle lässt den ehemaligen „heute-journal“-Chef einfach nicht los. Noch bis zum Sendetag heute sollen die „Abenteuer-Wissen“-Beiträge zum Thema „Duell mit den Wolken – Der Griff nach dem Wetter“ aktualisiert werden. Auch wird von Lojewski seine Texte wieder aktuell schreiben müssen, aber immerhin: „Die Filme vorher zu sehen, mich von ihnen inspirieren zu lassen, das ist ein Luxus, den ich beim ,heute-journal’ nicht hatte.“

Welche Rolle spielt das Wetter im Verlauf der Weltgeschichte? Wie beeinflusst es die militärischen Planungen, zum Beispiel jetzt in der Golfregion? „Abenteuer Wissen“ bemüht sich, ein einziges Thema in jeder Sendung von verschiedenen, sowohl natur- wie geisteswissenschaftlichen Perspektiven zu betrachten. Das zweiwöchentliche Magazin will Zusammenhänge herstellen – und setzt sich damit von der immer größer werdenden Zahl von Wissensmagazinen ab, in denen einzelne Forschungsergebnisse in kurzen Reportagen spannend präsentiert werden sollen.

Besonders erfolgreich ist Pro 7: Der Privatsender füttert das Publikum werktags mit „Galileo“ (19 Uhr 25), einem unterhaltsamen Wissens-Allerlei mit Beiträgen von computergesteuerten Bein-Prothesen bis hin zum Espressomaschinen-Test. Und weil die Zielgruppe das Magazin mit überdurchschnittlichen Marktanteilen belohnt (2002: 14,5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen), darf Moderator Aiman Abdallah ab Freitag ein neues wöchentliches Format präsentieren: „Terraluna“ (20 Uhr 15) zeigt Reportagen über ungewöhnliche Menschen. Zum Auftakt ist ein Beitrag über einen US-Kampfpiloten im Irak geplant. Das verspricht eher Spektakel als Information.

Wissensmagazine boomen im Fernsehen. In den nächsten drei Tagen können sich die Zuschauer an mehr als einem Dutzend Formate rund um die Uhr satt sehen: am Nachmittag bei „Discovery“ (ZDF, 3 sat), „Wunderbare Welt“ (ZDF), „Planet Wissen“ (WDR, SWR) und „Lexi TV“ (MDR); am Vorabend bei „Nano“ (3 sat), dem neuen „N 24 Wissen“, bei „Faszinaton Wissen“ (BR) und „Galileo“; am Abend bei „Abenteuer Erde“ (HR), „Einsteins Erben“ (SFB), „WiesoWeshalbWarum“ (SWR) und „Abenteuer Wissen“ (ZDF). Die Grenzen zu den nicht mitgezählten Natur-Dokus, Service- und Reisemagazinen sind fließend. Und der Erfolg unterschiedlich: Manches Angebot der dritten Programme muss mit 50 000 Zuschauern auskommen.

Auffällig ist, dass vom Virus des „Sciencetainment“ vornehmlich die einstigen Kirch- Sender angesteckt sind. Die RTL-Gruppe hält sich weitgehend raus. Dagegen stehen weitere Wochenend-Formate der Konkurrenz wie „Abenteuer Leben“ (Kabel 1), „Welt der Wunder“ (Pro 7), „Planetopia“ (Sat 1) und „DSF Science“ (donnerstags, 18 Uhr 30).

Die Lieblingswörter lauten Wunder, Wissen, Abenteuer. Das Publikum beeindrucken, es zum Staunen bringen, das ist das Ziel. Ranga Yogeshwar, der in der nächsten Woche für seine phantasievollen Moderationen etwa bei „Quarks“ (WDR) den Grimme-Preis erhält, äußerte jüngst an der Nachhaltigkeit der televisionären Wissensvermittlung seine Zweifel. „Wir möchten, dass die Zuschauer auch nach der Sendung weiterdenken.“

Der Moderator als Verführungskünstler, das ist eine Rolle, die Wolf von Lojewski gefallen dürfte. Der 65-Jährige, der als prominentes Zugpferd den Marktanteilen bei „Abenteuer Wissen“ von neun Prozent auf die Sprünge helfen soll, will als Vermittler zwischen Redaktion und Publikum „nicht schlauer sein als die Autoren der Beiträge“. Er wird seinem Stil treu bleiben. Insofern gibt es nun alle zwei Wochen ein verlängertes „heute-journal“.

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