Zeitung Heute : Vergangen, nicht vorbei

C. Marschall[Washington] Barbara Junge[B]

Der „Bremer Taliban“ Murat Kurnaz behauptet, er sei vor vier Jahren in einem US-Gefängnis in Kandahar von deutschen Soldaten gefoltert worden. Warum hat er bisher geschwiegen?


Ein Start in ein neues Leben – das sollte Murat Kurnaz sein erstes Interview ermöglichen, das er nach seiner Entlassung aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo geben wollte. Einen finanziell abgesicherten Start nach viereinhalb Jahren Haft ohne Anklage, ohne Rechte und ohne die Sicherheit, wirklich jemals wieder ein Leben jenseits des Stacheldrahts führen zu können. Über die Modalitäten seines ersten Presseauftritts haben die Anwälte deshalb recht lange mit verschiedenen Medien verhandelt – von einer fünfstelligen Summe ist nun die Rede.

Einer der Gründe für Kurnaz, erst jetzt über eine angebliche Misshandlung durch deutsche Soldaten in Kandahar und mehrere Vernehmungen durch deutsche Verfassungsschützer in Guantanamo zu berichten, könnte daher ein ganz einfacher sein: Er hatte sich bisher öffentlich gar nicht geäußert, während seine Anwälte über ein Exklusiv-Interview verhandelten. Nun hat er geredet, in einem Gespräch mit dem „Stern“.

Es stellt sich trotzdem die Frage, warum er nicht wenigstens mit seinen Anwälten über die Folter und die Verhöre gesprochen hat? Er hätte sich zum Beispiel seinem US-Anwalt Baher Azmy anvertrauen können. Der hatte ihn mehrfach im Lager Guantanamo auf Kuba besucht und auch in deutschen Medien ausführlich über Kurnaz berichtet. Von Misshandlung durch uniformierte Deutsche in Kandahar war dabei aber nicht die Rede. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel bestätigt Baher Azmy zwar, dass Kurnaz bei ihren Begegnungen dort nie solche Vorwürfe erhoben hatte. Das mindere aber nicht die Glaubwürdigkeit seines Mandanten. Es passe vielmehr ins Bild. „Ich bin nicht überrascht“, sagt Azmy.

Der Juraprofessor der Seton-Hall-Universität in New Jersey sagt, Kurnaz habe auch ihm erst kürzlich erzählt, er sei von uniformierten Deutschen bei Verhören in Kandahar misshandelt worden. Dieses Gespräch habe nach Kurnaz’ Entlassung aus Guantanamo auf der Heimreise nach Deutschland stattgefunden. Generell habe Kurnaz nicht von sich aus berichten wollen, wie er behandelt worden sei, womöglich aus Scham. Auch die Informationen über die Haft in Guantanamo habe er aus ihm herausfragen müssen. „Er sagte immer: Das ist nicht wichtig, das ist Vergangenheit.“ Als Anwalt habe er ihm zu erklären versucht, dass es juristisch sehr wohl wichtig sei, zu wissen, wie man ihn behandelt habe. In dem, was er preisgegeben habe, sei Kurnaz zuverlässig gewesen, sagt Azmy.

Der Anwalt wirft der Bundesregierung vor, sie trage eine Mitschuld daran, dass Kurnaz so viele Jahre unschuldig in Guantanamo gefangen gewesen sei. „Hätte die Bundesregierung oder die Türkei sich früher gekümmert, wäre er früher frei gekommen“, sagt Azmy. Ernste Anstalten habe es erst unter Kanzlerin Angela Merkel gegeben.

Dabei wüssten die USA und Deutschland schon seit langem, dass Kurnaz unschuldig sei, betont Azmy. Das ergebe sich aus den Akten der amerikanischen Geheimdienste, die er habe einsehen können und die auch US-Medien in Auszügen veröffentlicht hatten. „Es gibt keinen Beweis, dass Kurnaz zu Al Qaida oder den Taliban gehörte oder in Afghanistan gekämpft oder ein Ausbildungslager besucht hat“, sagt Azmy. Die von den Geheimdiensten erhobenen Vorwürfe, Kurnaz sei in Bremen unter den Einfluss islamischer Extremisten geraten und habe mehrfach erklärt, er wolle in den heiligen Krieg ziehen, hätten strafrechtlich keine Bedeutung.

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