Zeitung Heute : Vergehen: falscher Kunstgeschmack

Der Tagesspiegel

Von Elke Windisch, Moskau

Gegen Personenkult scheint Wladimir Putin nichts einzuwenden zu haben. In Moskauer Läden lächelt er milde von Tellern und T–Shirts. In Gedichten aber ist er noch nicht so häufig verewigt. Als einer der wenigen Lyriker hat sich Michail Anischtschenko seines Präsidenten angenommen. Anischtschenko zählt ganze 23 Jahre und studiert in Tscheljabinsk im südlichen Ural Jura. In Hofdichter- Manier hat er über Putin das „Lied über den Präsidenten“ gereimt:

Sag mir Russland, antworte auf die Frage / warum nur dem Präsidenten du vertraust?/ Und spürst keine Tränen, wenn in die Augen ihm schaust / ist deine Seele mit ihm in leidendem Bunde?

Vertonung und Aufzeichnung will Anschtschenko aus eigener Tasche bestritten haben. Obwohl das Orchester zur Aufnahme in einer Besetzung angetreten war, als sollte Beethovens Neunte gespielt werden. Ein Luxus, den sich nicht mal jede russische Provinzstadt leisten kann. Geschweige denn der aus sehr einfachen Verhältnissen stammende Studiosus.

Korrespondenten, in- und ausländischer Zeitungen bissen sich denn auch an der Geschichte fest, um genau daran den Personenkult um den Herrn des Kremls aufzuspießen. Darunter auch Klaus-Helge Donath, der seit Jahren die „taz“ in Moskau vertritt. Sein Artikel erschien am 7. Juni des vergangenen Jahres. Seither hat er ein Problem: Anischtschenko fühlte sich beleidigt, in seiner Ehre, seiner Würde und seiner Reputation als Autor erniedrigt. Ende des Jahres zog er daher vor ein Moskauer Gericht. Sollte Donath in dem Verfahren, dessen zweite Verhandlung am heutigen Freitag stattfindet, für schuldig befunden werden, droht ihm eine Geldstrafe von 300 000 Rubel (über 22 200 Mark) für den angerichteten „moralischen Schaden“. Außerdem verlangt der dichtende Student den Entzug seiner Akkreditierung und die Ausweisung aus Russland. Und der „taz“, die inzwischen als zweiter Beklagter – entgegen geltenden Gesetze – vorgeladen ist, die Schließung ihres Moskauer Büros.

Besonders erbost zeigte Anschitschenko sich über das von Donath verwendete Wort „Ode“ für das umstrittene Opus. Für den Student ein abwertender Begriff, obwohl der Duden das griechische Lehnwort wertneutral mit „feierlichem Lied“ erklärt. Um seine Forderungen zu begründen, fügte Anischtschenko der Klageschrift eine „linguistische Analyse“ bei, die seltsamerweise nicht etwa den deutschen Originalartikel aus der „taz“, sondern eine Übersetzung ins Russische untersucht. Bei der ersten Verhandlung am 26. Februar, sagt Donath, sei der Jurastudent, der sich selbst vertrat nach einem Kreuzverhör durch die von der „taz“ bestellten Verteidiger schon zu Rückzug und Vergleich bereit gewesen. Doch dann habe die Vorsitzende, Richterin Valentina Misjak, ihm mehrfach dunkel mit Konsequenzen gedroht. Welcher Art, sei dabei offengeblieben, sagt Donath.

Dem Kläger sei inzwischen auch ein hochkarätiger Anwalt beigegeben worden. Allein das ließe darauf schließen, dass man höheren Ortes nicht nur die Ehre und Würde des prozessfreudigen Provinzpoeten gefährdet sähe, sondern von Majestätsbeleidigung ausgehe. Heute geht das Verfahren in die zweite Runde. Russische Medien – durch den Umgang der Macht mit Kritikern extrem vorsichtig geworden – machen um den Fall einen möglichst weiten Bogen.

Um so aufmerksamer verfolgt die Assoziation der Auslandskorrespondenten in Russland den Vorgang. Auch das Auswärtige Amt in Berlin hat ein Auge darauf. Ebenso andere in Moskau ansässige Vertreter deutscher Medien. „Ich versuche, nicht daran zu denken. Aber manchmal formuliere ich jetzt doch schon vorsichtiger“, sagte eine Kollegin. In Anbetracht möglicher Folgen bestand sie auf Anonymität.

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