Zeitung Heute : Vergeltung auf Diplomatisch

Charles Landsmann[Tel Aviv]

Israel droht Syrien mit Angriffen, wenn sich damit Anschläge verhindern ließen. Wie wahrscheinlich wäre solch ein Übergriff und was wären die Folgen?

Israel attackiert Syrien. Zwar hat Ministerpräsident Ariel Scharon den Militärs keinen Angriffsbefehl gegeben, aber der Generaldirektor Ron Prosor vom Außenministerium kündigte eine diplomatische Offensive gegen Israels nordöstlichen Nachbarstaat an. Die konzentriert sich auf die europäischen Staaten und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Das israelische Vorgehen ist die Folge Terroranschlages am Freitag in Tel Aviv. Dieser wurde von einem Selbstmordattentäter des Islamischen Dschihad verübt, der seinen Befehl aus Syrien erhalten haben soll, wie Israel vermutet. Vizeverteidigungsminister Seev Boim drohte Damaskus mit einem Vergeltungsschlag. Doch Israels Luftwaffe wird dieses Mal wohl nicht zuschlagen.

Vor eineinhalb Jahren war das anders. Im Oktober 2003 griffen israelische Kampfflugzeuge zum bisher letzten Mal Syrien an. Die Bomben galten einer Basis des Islamischen Dschihad. Syrien begnügte sich damals mit diplomatischem Protest und befürchtete, die USA würden versuchen, die Schließung aller Büros, Hauptquartiere und Basen der palästinensischen „Verweigerungsfront“ und der islamistischen Extremisten durchzusetzen.

Inzwischen sei genau das geschehen, behauptet Syriens Präsident Baschar al Assad. Wider besseres Wissen, hält Israel dagegen – und sieht sich bestätigt durch die in Damaskus veröffentlichten Erklärungen des Islamischen Dschihad, in denen dieser die Verantwortung für den Terroranschlag vom Freitag übernahm. Folglich wären also die möglichen Ziele eines Vergeltungsschlages in Syrien nach wie vor vorhanden. Warum ist er dennoch eher unwahrscheinlich? Er wäre wohl kontraproduktiv. Denn derzeit steht Assad unter Druck wie nie zuvor. Die USA haben ein kritisches Auge auf ihn, wegen seiner Hilfestellung für die Hisbollah, seine Verbindungen zu Iran und den offenen Grenzen für irakische Gegner der US-Präsenz im Irak. Die libanesische Opposition und Frankreich üben Druck aus zu Gunsten eines syrischen Abzuges aus Libanon. Und überhaupt wird Syrien als Terrorstaat weltweit geächtet.

Assad ist derzeit sogar in der arabischen Welt weitgehend isoliert. Aber eine israelische Bombe in der Nähe von Damaskus könnte den präsidialen Sohn des legendären „Löwen von Damaskus“, Hafes al Assad, im arabischen Raum wieder aufwerten. Sie könnte vor allem – besonders fatal – die syrische Truppenpräsenz im Nachbarland Libanon rechtfertigen mit dem Hinweis auf israelische Agressionen.

Jerusalem lebt also mit der gegenwärtigen Situation ganz gut. Dennoch könnte sie aus israelischer Sicht noch besser sein. Wenn nämlich der über Syrien aus Iran kommende Waffennachschub für die Hisbollah gestoppt würde, wenn die palästinensischen Extremistengruppierungen auch ihren letzten Zufluchtsort in unmittelbarer Nachbarschaft verlieren würden, wenn eine militärisch und politisch hilflose Hisbollah aufhören würde, aus den palästinensischen Gebieten heraus antiisraelischen Terror zu organisieren. All dies kann erreicht werden: Nicht durch Israels Luftwaffe, sondern durch westliche Diplomaten und amerikanischen Druck.

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