Zeitung Heute : Vergessen im Staub der Wüste

Vor 30 Jahren die Flucht, dann Aufnahme im Lager. Da leben sie heute immer noch. Jetzt fand hier ein Marathon statt, um daran zu erinnern, dass es sie noch gibt: die Saharauis aus der Westsahara

Friedhard Teuffel[Rabuni]

Für ihre acht Kinder muss sich Selm Mohamed Embarek Ahmed keine Geschichten ausdenken. Sie erzählt einfach von ihrer Heimat. „Es gibt dort viele grüne Bäume und schöne Häuser.“ Das mag ihren Kindern wie ein Märchen vorkommen. Statt in schönen Häusern wohnt die Familie in einem Zelt und zwei Lehmhütten. Ihre Heimat ist die Wüste, es ist der Teil der Sahara, in dem es keine sanften Dünen gibt, die sich bis an den Horizont schmiegen, und Bäume schon gar nicht. Sondern vor allem Staub und Steine.

Gegen diese Wirklichkeit hilft manchmal ein bisschen Vergangenheit. „Ich erzähle meinen Kindern jeden Tag von der Heimat, und ich werde erst glücklich sein, wenn ich wieder meine Freiheit habe“, sagt Selm Ahmed. Verloren hat sie die schon vor mehr als 30 Jahren. Als die Spanier 1975 als Kolonialmacht die Westsahara verließen, besetzten Marokko und Mauretanien das Land an der Atlantikküste, das auch wegen der wohl größten Phosphatvorkommen der Welt begehrt ist. Die einheimischen Saharauis, ein muslimisches Nomadenvolk, wehrte sich nach Kräften, aber viele wie Selm Ahmed und ihr Mann flohen vor den marokkanischen Truppen. „Tagsüber haben wir uns in den Büschen versteckt, weil die Marokkaner Napalm- und Phosphor-Bomben geworfen haben, nachts sind wir gerannt – mit einem Esel und zwei Schafen“, erzählt die 43 Jahre alte Frau. Gelandet sind sie schließlich in einem der vier Flüchtlingslager auf algerischem Gebiet. Dort leben sie seitdem gemeinsam mit 160 000 anderen saharauischen Flüchtlingen. Ein Volk, vergessen in der Wüste.

Von Zeit zu Zeit kommen Gäste vorbei, um ihre Solidarität auszudrücken. In dieser Woche sind es Marathonläufer, vor allem aus Italien, Spanien und Deutschland. Der Sahara-Marathon ist eine Karawane von Abenteurern aus dem Abendland, die sich mit Funktionstextilien und digitalen Pulsmessern durch die Hitze kämpft. Die meisten Teilnehmer sind gut trainierte Hobbyläufer. Sie bleiben in der Wüste allerdings fast eine Stunde unter ihrer Bestmarke. Sie verlieren Zeit, wenn der tiefe Sand ihre Füße festhält. Alle zweieinhalb Kilometer steht ein Posten mit Wasser. Dazwischen treffen die Läufer vor allem die Einsamkeit. Langsam laufen ist hier beinahe die größere Leistung, denn wer später im Ziel ist, bekommt noch mehr ab von der sengenden Mittagssonne.

Ihre Strecke führt die Läufer von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager. Im Lager Auzert, an dem die Marathonläufer die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht haben, sitzen etwa 50 verschleierte Frauen am Wegesrand, warten und wedeln mit saharauischen Fähnchen, Kinder laufen herum und johlen, als vier junge Männer als Unterhaltungseinlage ein Kamelrennen veranstalten. Ein Keyboard spielt eine Melodie und einen programmierten Rhythmus. Auf einmal rauscht ein Auto heran. Hinter ihm rennen die drei führenden Läufer her und bahnen sich den Weg durch das Spalier, ehe sie wieder im Staub der Wüste verschwinden. Der Sieger, ein Spanier, braucht für den Lauf zwei Stunden und 54 Minuten.

Die etwa 400 Teilnehmer wollen sich ein Bild vom Lagerleben machen und wohnen bei saharauischen Familien. Auch Selm Ahmed hat Gäste aufgenommen, aus Deutschland. Verwandte hätten ihr erzählt, dass die deutsche Hilfsorganisation Medico International den Saharauis sehr geholfen habe. Deshalb entschied sie sich für deutsche Gäste, nicht für spanische, obwohl sie ein bisschen Spanisch spricht. Von den internationalen Organisationen hält sie sonst nicht viel. „Wir bekommen im Monat nur noch drei Kilo Weizen und ein Liter Öl, Zucker gar nicht mehr. Manchmal leben wir von unseren Nachbarn, aber das geht nur für kurze Zeit.“

Was sie an Lebensmitteln erhält, wird aus Rabuni geliefert, dem Verwaltungsort der Saharauis. Das Nahrungsmittellager dort gleicht einer Wagenburg aus Containern. In zwei Geschossen stehen sie übereinander, als sollten sie die Nahrungsschätze vor den Blicken der Bedürftigen schützen. Gesichert ist diese Festung durch ein dünnes Drahtseil, Wache schiebt ein alter Mann, der müde im Sand liegt. Zu holen gibt es hier ohnehin nichts mehr. Die 160 Container sind leer, in einem liegen noch ein paar Kilo Salz, und in der Verladehalle des Welternährungsprogramms der Uno haben Tauben die Paletten mit Kot bedeckt.

Im Gebäude nebenan erzählt Buhobeini Yahia vom Ernst der Lage. Er ist Präsident des Roten Halbmondes der Saharauis und zuständig für die Verteilung der Nahrungsmittel. „So schlimm wie zurzeit war es seit 1986 nicht mehr“, sagt er, „wenn die internationale Gemeinschaft nichts unternimmt, rutschen wir in eine humanitäre Katastrophe.“ Auch die Notrationen hätten sie schon an die Familien verteilt. In den Flüchtlingslagern liegen nun die letzten Reserven an Linsen und Weizen.

Yahia ist ein freundlicher Mann von 42 Jahren, dem wie so vielen das Wüstenleben anzusehen ist: Die Kinder scheinen wegen Ernährungsmängeln jünger, als sie sind, und die Erwachsenen älter. Vor einiger Zeit hätten sie noch 2100 Kilokalorien pro Tag an jeden ausgeben können, inzwischen sind es nur 760. „Die roten Lichter sind schon an“, sagt Yahia.

Das bekommen vor allem Frauen und Kinder zu spüren, die zusammen 80 Prozent der Lagerbewohner ausmachen. Die Männer sind oft in Militärcamps stationiert, das alltägliche Leben in den Lagern organisieren ohnehin die Frauen. „Viele unserer Frauen sind dick, aber wenn man ihnen Blut abnimmt, stellt man Anämie fest“, sagt Yahia. Mehr als 60 Prozent der Frauen und Kinder leiden unter Anämie. Auch die Rate von Diabetes nimmt zu. Die Grundversorgung des Welternährungsprogramms umfasst nur Mehl, Linsen, Öl, Zucker und Salz, keine Früchte, kein Gemüse, kein Fleisch. Einstellen können sich die Familien kaum auf die Lebensmittel, sie wissen nicht, was ihnen zugeteilt wird. Dennoch sind sie abhängig von den Nahrungshilfen, nach Angaben des Welternährungsprogramms sind es 95 Prozent der saharauischen Flüchtlinge.

Wenn Yahia mit internationalen Hilfsorganisationen spricht, muss er immer häufiger feststellen, dass das Interesse am Schicksal der Saharauis abnimmt. „Es geht ums Überleben. Aber wir überleben seit mehr als 30 Jahren.“

Die Flüchtlinge leben in einem seltsamen Stadium. Für ein Flüchtlingslager sind ihre Ortschaften schon zu weit entwickelt, aber für eine ständige Bleibe zu wenig. „Wir haben es mit der einzigartigen Situation zu tun, dass ein Flüchtlingslager auch ein Staat ist“, sagt Kodjo Ketevi aus Togo, der das Büro des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR im algerischen Tindouf leitet und für die Saharauis zuständig ist. Die saharauische Befreiungsbewegung Polisario hat schließlich 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara ausgerufen, die inzwischen von etwa 80 Staaten anerkannt ist, darunter sind die meisten afrikanischen Staaten. Die Exilregierung sitzt in Rabuni, sie hat 20 Minister, und UNHCR-Mann Kodjo Ketevi macht mitunter eine eigenartige Erfahrung: „Wenn ich mit dem Staatspräsidenten rede, ist er manchmal der Staatspräsident. Aber wenn es um bestimmte Themen geht, sagt er: Halt, ich bin Flüchtling.“

Die Flüchtlinge haben in der Fremde einiges aufgebaut. Es gibt einen Radiosender und Zeitungen, und dort, wo am Anfang noch Zelte standen, die aus Frauenkleidern zusammengenäht waren, stehen nun Hütten aus Lehmziegeln. Stabil sind sie nicht. Als im vergangenen Jahr ungeheure Regenfälle über ihr Gebiet hereinbrachen, wurden 50 000 Menschen obdachlos. Vor wenigen Wochen zerstörte dann ein Sandsturm viele Häuser.

Der Lebensmittelpunkt jeder Familie bleibt jedoch das Zelt. Es steht für die Tradition der Saharauis als Nomadenvolk, das zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert aus dem Jemen in die westliche Sahara kam. Und es gibt den Saharauis wohl auch das Gefühl, noch nicht ganz sesshaft geworden zu sein an diesem Ort, den sie sich nicht ausgesucht haben. Selm Ahmed bereitet hier mehrmals am Tag Tee zu, den die Saharauis esslöffelweise mit Zucker süßen. Regelmäßig schauen Nachbarinnen vorbei, um ein Schwätzchen zu halten oder Lebensmittel zu tauschen.

Die Nachbarn sind Ersatz geworden für die Familienmitglieder und Freunde, die die Flüchtlinge in der Westsahara zurückgelassen haben. Erst in jüngster Zeit bekommen die Flüchtlinge über Mobiltelefone wieder Kontakt zu ihnen Familien. Auch ein Besuchsprogramm ist aufgelegt worden. Einmal pro Woche bringt ein Flugzeug 30 Flüchtlinge in die Westsahara und 30 Bewohner von dort in die Flüchtlingslager. 19 000 Saharauis haben sich für das Besuchsprogramm angemeldet.

Um die Verbundenheit zur Heimat auszudrücken, tragen alle vier Lager den Namen einer Stadt in der Westsahara. Am Rand von Smara, dem größten Lager, stehen Ziegenställe, zusammengebastelt aus alten Autotüren und plattgewalzten Ölfässern. Am anderen Ende des Ortes ist eine kleine Kamelzucht entstanden, Fleisch und die Milch der Kamele sind sehr gefragt. Vor den kleinen Drahtställen werden die Kamele gleich geschlachtet, Fell und Knochen bleiben liegen. So gleicht das Gebiet einem Kamelfriedhof, so groß wie ein Fußballfeld.

Als die Saharauis in die Lager kamen, herrschte noch Gleichheit. Es gab kein Geld, alles wurde unter allen verteilt. Inzwischen nehmen die sozialen Unterschiede zu. Sie begannen mit den Geschäften, die sich in manchen Vierteln ausbreiten. In den meisten gibt es ein paar Lebensmittel zu kaufen, in einem anderen, dessen Decke mit Geschenkpapier tapeziert ist, auch Mobiltelefone, Fernseher und andere elektronische Geräte. An die Häuserwand haben die Ladenbesitzer die Namen und Logos von westlichen Handyherstellern gepinselt. Auch drei Cafés haben in den Vierteln aufgemacht, auch wenn dort nur ein Getränk serviert wird – Kaffee.

Die Lehrer beziehen dagegen kein Gehalt, viele von ihnen kommen daher gar nicht mehr zur Schule. Bis zur siebten Klasse können die Saharauis in den Lagern die Schule besuchen. Danach müssen sie nach Algerien, zum Studieren gehen viele nach Kuba oder Europa. In den Schulen findet auch die politische Bildung statt, die Heimatkunde der Westsahara, um unter den nächsten Generationen den Drang zu wecken, in die Heimat zurückzukehren – und notfalls dafür zu kämpfen. Am Nationalfeiertag, einen Tag nach dem Marathon, ziehen Grundschüler in Kampfanzügen durch die Lager und rufen: „Heute sind wir Kinder, aber morgen sind wir Frauen und Männer. Wir ziehen in die Westsahara – egal, um welchen Preis.“

Den Preis bestimmt die Befreiungsbewegung Polisario. Sie vergleicht sich gerne mit dem ANC der Südafrikaner und der PLO der Palästinenser und handelt nach den Prinzipien einer sozialistischen Einheitspartei. Ihr Generalsekretär ist zugleich Staatspräsident. Opposition gibt es nicht. Gegründet hat sich die Polisario schon 1973, um gegen die Kolonialmacht Spanien zu kämpfen. Dann nahm sie es mit Marokkanern und Mauretaniern auf. Die Mauretanier sind 1979 abgezogen, mit den Marokkanern vereinbarte die Polisario 1991 einen Waffenstillstand. Über ihn wacht seitdem eine Uno-Friedensmission. Sie hat allerdings noch eine andere Aufgabe: ein Referendum zu organisieren, in dem über die Zukunft der Westsahara entschieden wird. Nur wird es seit 1992 ständig blockiert, mal von der Polisario, meist jedoch von den Marokkanern. Sie können sich nicht einigen, wer wahlberechtigt ist, denn seit der Besetzung der Westsahara haben sich viele Marokkaner als Siedler dort niedergelassen. Es sollen sogar ein wenig mehr sein als die 170 000 Saharauis, die noch in der Westsahara leben.

Die Marokkaner betrachten die Westsahara aus historischen Gründen als ihr Territorium und haben um große Teile der Westsahara einen 2400 Kilometer langen Sandwall als Befestigung gegen die Polisario errichtet, die immer wieder mit Anschlägen droht. Entlang dieser Grenze sollen 200 000 marokkanische Soldaten stationiert sein. Auf jeden Fall sind die Grenzen verseucht mit Landminen.

Die Saharauis fühlen sich als Geisel der Politik. Die Amerikaner würden das marokkanische Regime stützen, weil sie Angst vor einem islamistischen Umsturz hätten. Die Propagandamaschine läuft auf beiden Seiten. Das Schicksal der Saharauis war am Anfang eine Übergangslösung. Jetzt ist es eine Zwischenlösung. Aber zwischen was? Radikalisierung, Resignation, Rückkehr. Die Lage bleibt immer gleich und verändert sich doch ständig. In den Sommerferien reisen Tausende von saharauischen Kindern in spanische Familien, um der Hitze von 50 Grad zu entkommen und um etwas besser versorgt zu sein. Sie kommen zurück mit anderen Eindrücken und anderen Ansprüchen.

Auch die Kinder von Selm Ahmed waren schon in Spanien. „Es kostet viel Mühe, die Familie zusammenzuhalten“, sagt die Mutter. Sie wird deshalb weitererzählen von grünen Bäumen und schöneren Häusern.

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