Zeitung Heute : Vergessen unmöglich

Flugzeuge rasten ins World Trade Center – morgen ist es vier Jahre her. Wie bedrohlich ist der Terrorismus heute?

Frank Jansen

Welche Macht hat Al Qaida heute – vier Jahre nach den Anschlägen in den USA – über die islamistische Terrorszene?

Bei einem Geheimtreffen im März 2004 in der westpakistanischen Provinz Wasiristan, in der sich vermutlich Osama bin Laden versteckt hält, sollen Al-Qaida-Kader über große Attentate gesprochen haben. Im Irak kämpft der Jordanier Abu Mussab al Sarkawi als eine Art Statthalter von Al Qaida gegen die amerikanischen und heimischen Sicherheitskräfte. Der extrem brutale Terrorfeldzug Sarkawis wird allerdings von ihm allein geleitet. Wie auch bei Anschlägen in anderen Teilen der Welt ist Osama bin Laden offenbar vor allem eine Quelle der Inspiration und Al Qaida mehr ein Markenname. Ein Beispiel: Vor einer Woche strahlte der arabische TV-Sender Al Dschasira ein Video aus, in dem einer der Attentäter der ersten Anschlagsserie in London und dann die Nummer zwei von Al Qaida, Aiman al Sawahiri, zu Wort kommen – obwohl Al Qaida vermutlich mit der Vorbereitung der Attentate nichts zu tun hatte.

Wie hat der 11. September 2001 die westliche Gesellschaft verändert?

In vielen Ländern wurden Sicherheitsstandards deutlich erhöht und manchmal Freiheitsrechte beschnitten. Das härteste Beispiel liefern die USA mit dem Gefangenenlager Guantanamo und dem Endlos-Gewahrsam für „prominente“ Terroristen, die selbst der eigenen Justiz nicht als Zeugen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem hat die US-Regierung mit dem Heimatschutzministerium eine neue, gigantische Behörde geschaffen, die sich der Terrorabwehr widmet. Jüngste Entwicklung in anderen Staaten: Frankreich plant schärfere Strafen für Terroristen, Australien will künftig Verdächtige „in einer Terrorismus-Situation“ 48 Stunden festsetzen – und Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) denkt laut über das vorbeugende Wegsperren von Islamisten nach, die als gefährlich gelten.

Inwiefern verändert der Irakkonflikt den islamistischen Terrorismus?

Die Situation im Irak ist neben den Konflikten in Palästina, Tschetschenien, Afghanistan und Kaschmir eines der großen Themen bei Muslimen weltweit. Der oft als Demütigung empfundene Einsatz der Amerikaner, verstärkt noch durch den Folterskandal von Abu Ghraib, scheint militanten Widerstand zu legitimieren. So erhalten die islamistischen Terroristen im Irak Zulauf von ausländischen, kampfeswilligen Muslimen. Als herausragende Figur der militanten Szene gilt Abu Mussab al Sarkawi, der den Irak offenbar als Labor für den Test brutaler Methoden und ihrer Wirkung in der Weltöffentlichkeit betrachtet. Ein Beispiel ist das spektakuläre Verschleppen von Ausländern, die später enthauptet wurden. Sarkawi führt außerdem vor, wie das Internet für die Verbreitung militanter Propaganda genutzt werden kann.

Warum ist Deutschland bisher Anschlägen islamistischer Terroristen entgangen?

Rechtzeitige Festnahmen haben offenbar in drei Fällen Attentate verhindert. Im April 2002 hob die Polizei eine Zelle der Terrorbewegung Al Tawhid aus und kam damit Attentaten auf jüdische Einrichtungen zuvor. Im März 2003, zu Beginn des Irakkrieges, fasste die Polizei in Berlin den Tunesier Ihsan G., der offenkundig jüdische und amerikanische Einrichtungen angreifen wollte. Im Dezember 2004 nahm die Polizei in Berlin, Stuttgart und Augsburg drei Iraker fest, die einen Anschlag auf den damaligen irakischen Premier Ijad Allawi geplant haben sollen. Der Zugriff erfolgte wenige Stunden vor dem Besuch Allawis in Berlin.

Der Fall könnte allerdings auch in anderer Hinsicht aufschlussreich sein: Einer der potenziellen Attentäter soll, wie das Magazin „Spiegel“ berichtet, einem V- Mann gesagt haben, in Deutschland und Frankreich dürften eigentlich keine Anschläge verübt werden – weil beide Länder sich nicht am Irakkrieg beteiligt hätten. Die Attentatspläne des Tunesiers Ihsan G. lassen jedoch das Gegenteil vermuten. Außerdem hat die Nummer zwei Al Qaidas, Aiman al Sawahiri, erst kürzlich allen Ländern gedroht, die sich in Afghanistan engagieren. Dort ist auch die Bundeswehr im Einsatz. Im Juni 2003 verlor sie vier Soldaten bei einem Anschlag in Kabul.

Welche Städte sind in Zukunft gefährdet?

Der französische Untersuchungsrichter Jean-Louis Bruguière, einer der größten der europäischen Strafverfolger, hat Ende August fernöstliche Finanzzentren als potenzielle Ziele genannt. Es gebe „Informationselemente“, die Planungen für Terrorangriffe auf Tokio, Singapur und Sydney vermuten ließen, sagte Bruguière der britischen Zeitung „Financial Times“. Anschläge in diesen drei Metropolen wären für Al Qaida „symbolisch wichtig“. Hinzu kommt, dass Soldaten aus Japan und Australien im Irak an der Seite der Amerikaner stehen. Außerdem würden Anschläge in den Finanzzentren die Wirtschaft in Fernost schädigen – mit globalen Folgen. Das passt zur Al-Qaida-Strategie, eine Art Weltkrieg gegen „Ungläubige“ zu führen.

Welcher Gefahr sind Touristen ausgesetzt?

Die im Juli im ägyptischen Badeort Scharm al Scheich verübten Anschläge zeugen von der Doppelstrategie der Terrorszene, den wichtigen Wirtschaftszweig eines Landes und die als sündig geltenden, ungläubigen Touristen zu treffen. Gefährdet sind aber auch Urlauber auf See. Anfang August verhinderte die türkische Polizei einen Anschlag auf israelische Kreuzfahrtschiffe. Der Syrer Luai Sakra, ein Gefolgsmann Sarkawis, wollte mit einem Schnellboot voller Sprengstoff in einen der Luxusliner rasen.

Sind Anschläge mit ABC-Stoffen denkbar?

Ein Anschlag mit radioaktiven, chemischen oder biologischen Stoffen ist nach Ansicht der Sicherheitsbehörden nur eine Frage der Zeit. Gefürchtet wird vor allem der Einsatz einer „schmutzigen Bombe“, einem mit nuklearen Abfällen gespickten Sprengsatz. Die Sorge gilt nicht nur den zu erwartenden direkten Schäden nach einer Explosion, sondern mehr noch den Auswirkungen auf die Psyche der Bevölkerung. Die Detonation einer Atombombe mit unkalkulierbarer Strahlung würde Massenpanik und große Fluchtbewegungen auslösen. Damit hätten die Terroristen über die Explosion hinaus der Infrastruktur und der Wirtschaft immensen Schaden zugefügt.

Was bedeutet die Katastrophe in New Orleans für mögliche Terrorszenarien?

Wie wenig die US-Behörden auf ein Katastrophenszenario vorbereitet sind, zeigen die Bilder aus New Orleans. Bei der Explosion einer schmutzigen Bombe und der folgenden Massenflucht wäre das Chaos noch größer. Die Hilflosigkeit der amerikanischen Behörden nach dem Hurrikan „Katrina“ sei ein „gefährliches Signal“ für Terroristen, warnte jetzt der Vizesekretär des russischen Sicherheitsrates, Nikolai Spasskij. Und er mahnte die Welt, sich auf Anschläge mit Massenvernichtungswaffen vorzubereiten. Das werde „früher oder später Realität“. Fotos: ddp, P-A/dpa

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