Zeitung Heute : Vergessen

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Aus dem Augenwinkel nur sieht man sie, sie wirken separiert, man hätte sie genauso gut ganz übersehen können. Fischchen mit orange-schwarz-weißen Streifen. Clownfische. Nemos.

NEMOS! Was wurde geschrien und gequietscht, als „Findet Nemo“ 2003 ins Kino kam. Der niedliche Fisch, das drollige Abenteuer. Lieb, toll, süß, so lustig. Nemo hier und da. Als T-Shirtaufdruck, Schlüsselanhänger, Computerspiel. Zoohandlungen machten Rekordumsätze, Tierschützer warnten, Kinder tobten, Fische wurden gekauft und später ins Klo geworfen, Eltern weinten. Alles vorbei.

Im Licht einzelner Lampen schwimmen die Nemos im ersten Stock des Zoo Aquariums umher, und kein Schwein guckt. Außer mir. Im Angesicht der anmutig und bescheiden ihre Runden drehenden Orange-Ringel-Anemonenfische aus der Familie der Riffbarsche kam mir der Mensch besonders abscheulich vor. Erst trampelig-verliebt, anmaßend in seinem Habenwollen, dann schnell genervt und herzlos in seiner Vergesslichkeit. Stumm bat ich die Nemos um Verzeihung dafür, wie der Mensch mit ihren Artgenossen umgesprungen war, da gellte eine Stimme durch die Gänge, die nur durch bläuliches Licht aus den Bassins erhellt werden – und ich musste weiter. Aufgeregt hüpfte mein Neffe vor einem Fenster auf und ab. Ein Zitteraal. „DER MACHT STROM!“, schrie er, und ich sagte: So ein Quatsch. Dann las ich, dass der Zitteraal drei Organe zur Elektrizitätserzeugung hat und es auf 500 Volt bringt. Aber wenigstens ist der Zitteraal kein Aal. Sondern ein karpfenartiger Messerfisch. Ich wollte mich erklären, doch der Neffe war schon weg. Nächstes Fenster. Tropischbunte Kleinfische. Er sagte: „Farbenfroh ist die Welt der Tiere.“

Später verlor er sein Portemonnaie, und während ich ihn noch schalte, setzte sich der Zug in Bewegung, der ihn nach Hause bringen sollte. Nur, dass sein Fahrschein noch in meiner Tasche steckte. Da dachte ich, die Nemos müssten das mit der Vergesslichkeit doch nicht so tragisch nehmen.

Unvergesslich dagegen ein Besuch im Zoo Aquarium, Budapester Str. 32, Charlottenburg

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