Zeitung Heute : Vergessene Macht

Die Commons ist ein vernachlässigter Sektor des Wohlstands, eine alternative Art der Ressourcenverwaltung, die großes Potenzial hat.

Bisher nahmen Ökonomen und Politiker an, dass es eigentlich nur zwei Sektoren für die Wertschöpfung und für die allgemeine Verwaltung gibt – den Markt und den Staat. Märkte gelten als Mittel des wirtschaftlichen Fortschritts, während der Staat sich um das Regieren und alles andere kümmert. Es wird jedoch immer deutlicher, dass es einen dritten Sektor gibt – die Commons – der mindestens ebenso bedeutsam für unser Leben und unser Wohlbefinden ist. Die Commons besteht aus vielen Ressourcen, die wir gemeinsam nutzen – die Atmosphäre, das Wasser, öffentliche Orte, das Internet, die Wissenschaften, kulturelle Errungenschaften und vieles mehr – sowie aus den gesellschaftlichen Systemen und Regeln, mithilfe derer wir diese Ressourcen in fairer, nachhaltiger Weise nutzen.

Jahrzehntelang herrschte die ökonomische Lehrmeinung, dass eine Allmende unweigerlich im Raubbau der entsprechenden Ressource endet – der sogenannten „Tragik der Commons“, wie sie durch den berühmten Aufsatz des Biologen Garrett Hardin aus dem Jahr 1968 bekannt wurde. Die kürzlich verstorbene Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat diese Meinung über Jahrzehnte hinweg widerlegt. Sie dokumentierte, wie durch selbstorganisierte Commons Ackerland, Fischereigewässer, Wälder, landwirtschaftliches Nutzwasser und andere Ressourcen effektiv und nachhaltig verwaltet werden können. Inzwischen ist klar geworden, dass die Commons auch der Grund für den Erfolg von Open-Source-Software, Wikipedia, wissenschaftlicher Forschung, Blutbanken und Gemeinschaftsgärten ist.

Eines der großen, unausgesprochenen Probleme unserer Zeit ist es, dass unzählige Commonsgüter nach und nach in Handelswaren umgewandelt werden – in einem Prozess, der auch als Markteingrenzung bekannt ist. Der Preis wird dann unverrückbar zum obersten Wertmaß, welches qualitativere, weniger greifbare Maße aussticht, die ökologischer, sozialer oder nachhaltiger Natur sein können.So stürzen sich derzeit globale Investoren mit der Hilfe von den dortigen Staaten auf Millionen von Hektar Ackerland, Weiden und Wasserwegen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Nach der Marktlogik ist dies ein immenser Fortschritt, denn so werden „Einöden“ produktiv für den Markt genutzt und das Bruttoinlandsprodukt gesteigert. Doch für die betroffene Bevölkerung bedeutet die Übernahme der Commonsflächen durch den Markt nichts weniger als Enteignung. Von den verheerenden Folgen für die Umwelt ganz zu schweigen. Die Logik der Eingrenzung ist in vielen Bereichen anzutreffen. Etwa, wenn sich Disney Markenrechte an Figuren aus der Folklore sichert, oder wenn Biotechnologiefirmen Saatgut patentieren lassen, das seit Jahrhunderten von unterschiedlichen Völkern genutzt wird.

Die Commons ist keine „Tragödie“, sondern eine alternative Art der Ressourcenverwaltung und der Wertschöpfung. Es ist an der Zeit, diesen fürsprachelosen Systemen zur Verwaltung gemeinsamer Ressourcen und zur Förderung unserer gegenseitigen gesellschaftlichen Verantwortung ihren gebührenden Platz einzuräumen.

Der Autor ist Aktivist, Blogger und unabhängiger Wissenschaftler; Mitbegründer und Direktor der Commons Strategy Group; und Bosch Public Policy Fellow. Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh

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