Zeitung Heute : Vergnügen mit Folgen

Wir büßen heute die Sünden der 60er Jahre, meinen Hautärzte – und warnen vor den Risiken der Sonne besonders für Kinder

Adelheid Müller-Lissner

Der kleine Clown Zitzewitz ist ratlos: Was soll er bei der Hitze bloß mit einem Hut und einem T-Shirt? Und warum schmeckt die Sonnenmilch, die er durstig trinkt, so überaus scheußlich? Doch sein Freund Zottelfloh kann ihm da weiterhelfen: Er flüstert dem Sonnenanbeter noch rechtzeitig ins Ohr, wofür man diese Requisiten braucht – und wie man sie korrekt anwendet. „Sonnenmilch, Sonnenschirm, Sonnenbrille, Sonnen-T-Shirt und Sonnenhut. Gut!“ Das lernt nicht nur der kleine Clown, sondern mit ihm lernen es Kids im Kindergartenalter, für die diese Geschichte gedacht ist (nachzulesen unter www.unserehaut.de).

Für Kinder ist es besonders schön und wichtig, viel Zeit im Freien zu verbringen. Wenn es warm ist, am liebsten leicht bekleidet. Andererseits ist ihre Haut besonders empfindlich, nicht zuletzt gegenüber UV-Strahlen. Bei Säuglingen hat sich der hauteigene Schutzmechanismus noch gar nicht vollständig entwickelt. Die direkte Sonne ist für sie tabu. Der Buxtehuder Dermatologe Eckhard Breitbart von der Arbeitsgemeinschaft „Dermatologische Prävention“, die zusammen mit der Deutschen Krebshilfe jedes Jahr zu Beginn der Saison mit einer Kampagne vor den Gefahren der Sonnenstrahlen warnt, nennt es sogar „fahrlässige Körperverletzung“, wenn Erwachsene ein Baby in die Sonne legen. Die heilsamen Kräfte der Sonne, ohne die der Körper kein Vitamin D bilden kann, entfalten sich auch, wenn ihre Strahlen nicht direkt auf die Haut prallen.

Auch wenn die Kinder keine Babys mehr sind, heißt der wichtigste Schutz weiterhin: Schatten. Sie müssen auch beim Spielen in der Sonne geschützt sein, mit einer Kopfbedeckung und mit einem T-Shirt, das die empfindlichsten Zonen bedeckt. In vielen Textilien wird heute ein UV-Protektionsfaktor angegeben, er sollte bei über 30 liegen.

Die Sonnenschutzmittel, die auch Clown Zitzewitz schließlich richtig anwendet, sind ein heikles Thema. Denn einerseits schützen sie vor Sonnenbrand, deshalb sind sie wirklich nützlich. Andererseits verleitet ihre Anwendung aber leicht dazu, sich länger in der Sonne aufzuhalten. Man fühlt sich „geschützt“, schon der Name legt das schließlich nahe. Doch vor dem am meisten gefürchteten langfristigen Schaden, den das UV-Licht an der Haut anrichten kann, vor Hautkrebs nämlich, schützen die Mittel nicht, wie Studien in den letzten Jahren zeigten. Auch ohne Sonnenbrände erhöht übermäßige UV-Bestrahlung in Kindheit und Jugend das Krebsrisiko. „Auch die chronischen Lichtschäden, die sich meist erst in höherem Alter bemerkbar machen, müssen vermieden werden“, mahnt Michael Landthaler, Leiter der Hautklinik an der Uni Regensburg.

Eine Gefahr stellen nicht allein die UV-B-Strahlen dar, die die Rötung der Haut bewirken. Bei einer Untersuchung von Gewebeproben von Hautkrebspatienten fanden US-Forscher kürzlich heraus, dass auch die langwelligen UV-A-Strahlen die Erbsubstanz schädigen. Bisher lastete man ihnen „nur“ Faltenbildung und Hautalterung an.

Die gefährlichen Folgen zeigen sich, wenn die Urlaubsbräune längst verflogen ist. An einem Melanom, dem „Schwarzen Hautkrebs“, erkranken in der Bundesrepublik jedes Jahr 8 000 bis 10 000 Menschen neu. Vor 25 Jahren lag das Risiko, im Lauf des Lebens an Hautkrebs zu erkranken, noch bei eins zu 1500, heute erkrankt einer von 75 Bürgern im Lauf seines Lebens. Experten halten das für das Ergebnis allzu sorgloser Sonnenbäder während der Wirtschaftswunder-Jahre: „Wir büßen heute die Sünden der 60er Jahre“, mahnte schon vor einigen Jahren der Freiburger Dermatologe Erwin Schöpf.

Dass sich das Verhalten vieler Sonnenanbeter inzwischen geändert hat, lässt eine Infratest-Erhebung vermuten, deren Ergebnisse im letzten Jahr veröffentlicht wurden. Sie zeigt, dass man sich heute etwas besser schützt als in früheren Jahrzehnten: 73 Prozent der Befragten nutzen Kleidung als Sonnenschutz, 62 Prozent meiden die Mittagssonne, ebenso viele verwenden Sonnenschutzmittel. Obwohl Bräune immer noch in ist und mit Gesundheit und guter Erholung assoziiert wird, geht man heute nicht mehr ganz ohne Verstand an den Strand. Für die Jüngsten, die am meisten gefährdet sind, weil sie noch das längste Leben vor sich haben und weil ihre Haut besonders empfindlich ist, müssen Eltern und Erzieher ihn mitbringen.

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