Zeitung Heute : Vergrämt

Der Tagesspiegel

VON TAG ZU TAG

Von Christian van Lessen

Tauben müssen nicht immer hässlich sein, mit schlecht geputztem Gefieder vor Imbissbuden und Mülleimern herumlungern und sich als Flugratten beschimpfen lassen.

Es gibt auch sehr viel edlere Großstadttauben mit Sinn für Ambiente und gute, einzigartige Wohnlagen. Es ist alte Taubenweisheit, dass klassische Sandsteinbauten mit ihren vielen Simsen und Nischen besonders attraktive Anflug-, Brut- und Schlafplätze bieten. Ältere Tauben mögen sich wehmütig an das Brandenburger Tor erinnern, das mit seinen Simsen und Nischen als Domizil geschätzt und heiß umkämpft wurde. Es war zwar nicht unbedingt ruhig, aber es hatte Stil, hier zu schnäbeln, zu schlafen, zu brüten und ein wenig zu verdauen. Dann kam die große Abdeckplane, und es war aus mit dem Brandenburger Tor als Taubenparadies.

Das Paradies scheint für immer verloren. Eine Firma hat wissen lassen, dass sie für die „effektive Taubenvergrämung am wichtigsten Wahrzeichen Berlins“ zuständig ist. Mit Netzen und Anflugsperren werde man künftig die „Schadvögel“ abschrecken und verhindern, dass ätzender Kot das Tor schädige.

Gut, dass Tauben nicht lesen können. Dann wären sie nicht nur jetzt schon vergrämt, sondern bekämen auch neidisch mit, dass heute der Tierschutzverein ein Wesen würdigt, das auf der Achtungsskala ebenso weit unten angesiedelt ist. Enthüllt wird am Berliner Tierheim das Mahnmal für die unbekannte Ratte, zum Gedenken an Millionen Versuchstiere.

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