Zeitung Heute : Verirrte Hirten

Kinderpornografie im Netz, Sex- und Saufgelage in St. Pölten. Österreichs Kirche hat einen neuen Skandal

Markus Huber[Wien]

Es begann mit drei Schnappschüssen, die Österreich einen „pastoralen Supergau“ beschert haben. So jedenfalls formuliert es Paul Zulehner, Pastoraltheologe der Universität Wien. Eines der Bilder zeigt zwei Männer, beide mit kurzem, modischen Haarschnitt, einer trägt eine Drahtbrille. Der eine umklammert mit den Händen die Schultern des anderen, dieser wiederum streckt die Arme in freudiger Erwartung weit von sich. Auf einem zweiten Bild sieht man zwei Männer, die sich küssen mit halb geöffnetem Mund. Die beiden Männer tragen Soutanen, sie sind Priester der römisch-katholischen Kirche. Der Mann mit der Brille ist sogar der stellvertretende Leiter des St. Pöltener Priesterseminars.

Seit knapp einer Woche kursieren in Österreichs Zeitungsredaktionen diese Bilder, die von einem anonymen Informanten per E-Mail verschickt worden waren. Auch ein drittes Bild war anonym versandt worden – darauf ist der Leiter des St. Pöltener Priesterseminars zu sehen, wie er seine linke Hand auf die Genitalien eines bekleideten Mannes legt. Das Wiener Nachrichtenmagazin „Profil“ hat alle drei Bilder am Montag abgedruckt – womit die römisch-katholische Kirche in Österreich wieder einmal einen veritablen Sexskandal hat – mit womöglich ähnlichen Auswirkungen wie die Affäre um den Wiener Erzbischof Kardinal Hermann Groer. Der musste Mitte der 90er Jahre zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er sich an Minderjährigen vergangen hat. Damals trat Paul Zulehner in der Öffentlichkeit als Hauptankläger auf, jetzt fordert er den Rücktritt des Bischofs Kurt Krenn, des Leiters der Kirchengemeinde St. Pölten – dieser sei „nicht mehr in der Lage, solche Vorkommnisse zu verhindern“. Auch Egon Kapellari, Bischof von Graz und prominenter Gegenspieler Krenns, meinte nach der Veröffentlichung der Fotos, St. Pölten sei ein „Sumpf, der endlich trockengelegt werden muss“.

Wie tief dieser Sumpf ist, haben Ermittlungen wegen des Verdachts auf Kinderpornographie im St. Pöltener Priesterseminar gezeigt. Nach dem Bericht von „Profil“ wurde ein Computer beschlagnahmt, über den häufig auf polnischen Sexseiten gesurft wurde, Seiten, auf denen auch Minderjährige zu sehen waren. Fast 40000 Fotos stellten die Ermittler sicher, auf manchen waren Priesterstudenten in einschlägigen Situationen, teilweise auch mit ihren Vorgesetzten, zu sehen. Außerdem fanden sie zahlreiche Filme mit zum Teil abartigen Sexualpraktiken in den Zimmern angehender Priester.

Im Zuge ihrer Ermittlungen erfuhr die Polizei auch von Vorgängen, die zwar nicht strafbar, aber für die katholische Kirche undenkbar sind. So haben die beiden Priesterschüler, die auf den Fotos zu sehen sind, mehrere Monate in einer abgelegenen Propstei bei ihren beiden Ausbildern verbracht. Was dort passierte, musste so offensichtlich und vor allem laut gewesen sein, dass der örtliche Pfarrgemeinderat eine offizielle Protestnote an den St. Pöltener Bischof verfasste. Krenn verbot daraufhin allen Seminaristen, in der Propstei zu übernachten.

Doch auch im Seminar zu St. Pölten soll es bis zuletzt nicht sittsamer zugegangen sein. Sex- und Saufgelage seien dort an der Tagesordnung gewesen, auch Naziparolen sollen gegrölt worden sein, berichtet „Profil“. Das soll sogar dazu geführt haben, dass nicht involvierte Priesterseminaristen sich im Erdgeschoss zum Schlafen auf den Boden gelegt hätten – weil es überall sonst im Haus zu laut war. Außerdem soll es im Seminar von St. Pölten ein homosexuelles Ehepaar gegeben haben, über dessen Existenz die römischen Kirchenbehörden informiert worden waren. Im Juni 2003 soll dem Vernehmen nach der auf einem der Fotos abgebildete Regens zwei Priesterseminaristen eine Art „Sakrament der Ehe“ erteilt haben.

Der Ruf der St. Pöltener Priesterausbildung war schon vor diesen Vorfällen nicht gut. Auf ausdrücklichen Wunsch von Bischof Krenn war die Ausbildung in seiner Region der Kontrolle der österreichischen Bischofskonferenz entzogen worden. Krenn nahm Priesteraspiranten nach eigenem Gutdünken auf – das waren dann vor allem eben jene Männer, die in den anderen Bistümern wegen „moralischer Bedenken“ abgelehnt worden waren. Kurt Krenn ist der Inbegriff der Reaktion in Österreich, sogar innerhalb der Bischofskonferenz – weil er sich allen modernen Strömungen der Amtskirche widersetzt und seine Messen am liebsten auf Latein halten würde. Doch Krenn, der Homosexualität stets als „Krankheit“ bezeichnet hatte, kann an den Fotos nichts Verwerfliches finden: Er bezeichnete sie als „Bubendummheiten“, die bei einer Weihnachtsfeier passiert seien. Der stellvertretende Seminarleiter ist auch sein persönlicher Sekretär.

Österreichs Amtskirche ist über die Vorgänge schockiert, aber nach dem Kirchenrecht sind nur zwei Stellen befugt, für Aufklärung zu sorgen: Das Bistum St. Pölten selbst – oder der Heilige Stuhl. Der Vatikan selbst war bislang aber noch zu keiner Stellungnahme bereit. St. Pöltens Bischof Kurt Krenn betrachtet den Fall als abgeschlossen, nachdem die beiden betroffenen Leiter des Priesterseminars ihre Arbeit niedergelegt haben.

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