Zeitung Heute : Verkannter Jobmotor

Jeder achte Arbeitsplatz hängt vom Gesundheitsbereich ab

Fred Winter

Wenn es um die medizinische Forschung in Berlin geht, dann ist in der Regel von zu hohen Kosten und Überkapazitäten die Rede. Dieses einseitige Bild geht offenbar völlig an den Realitäten vorbei, wie eine aktuelle Erhebung zeigt. „Unsere Studie, die wir im Auftrag der Berliner Industrie- und Handelskammer erstellten, hat gezeigt, dass jeder achte Berliner Arbeitsplatz mit dem Gesundheitswesen verbunden ist“, berichtet Jonas Schreyögg, Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe für Finanzwissenschaft und Gesundheitsökonomie der TU Berlin.

Die AG wird von dem TU-Ökonomen Klaus-Dirk Henke geleitet, ihr gehört auch die Volkswirtin Birgit Mackenthun an. Gemeinsam rechnete das Trio aus, dass rund zehn Prozent der Berliner Bruttowertschöpfung in den Krankenhäusern, in der Medizintechnik oder bei den Krankenversicherern erwirtschaftet werden.

Ein wichtiges Zugpferd für den Berliner Gesundheitsmarkt sind dabei die zahlreichen Forschungsinstitute, die Land und Bund in der Stadt angesiedelt haben. „Allein die Charité oder das Benjamin Franklin Klinikum spielen private Forschungsmittel in dreistelliger Millionenhöhe ein“, so Jonas Schreyögg. Die Großstadt Berlin mit ihrer ausgezeichneten medizinischen Versorgung strahlt deshalb auch nach Brandenburg und in die anderen Bundesländer aus.

Etliche Patienten im Herzzentrum kommen sogar aus dem Ausland. Aber auch viele Patienten an der Charité oder am Universitätsklinikum „Benjamin Franklin“ in Steglitz bringen das Geld über ihre Versicherungen von außen in die Stadt. Hinzu kommt: Berlin weist bundesweit den höchsten Krankenstand bei HIV und Tuberkulose auf. Die Folge: Apotheken im Umkreis von auf HIV spezialisierten Arztpraxen setzen erhebliche Summen um, da die Medikamente sehr teuer sind.

Nach den Ergebnissen dieser ersten Studie sei jedenfalls klar: „Die Gesundheitsbranche zeigt sich relativ stabil gegenüber konjunkturellen Schwankungen. Wir rechnen damit, dass auch in den nächsten Jahren ein deutliches Wachstum zu verzeichnen ist. Vorausgesetzt, dass Land und Bund die richtigen Rahmenbedingungen setzen“, so Wirtschaftsexperte Schreyögg.

Sogar der Abbau von Betten und die Schließung ganzer Krankenhäuser in Berlin wurde durch den Zuwachs anderer Sektoren der Branche kompensiert. Jonas Schreyögg nennt einige Ursachen: „Zurzeit sprießen in Berlin private Dienstleister aus dem Boden, die von der einmaligen Dichte der Versorgungseinrichtungen und Forschungsinstitute profitieren, etwa durch Angebote im Internet, um den Patienten die Arztwahl zu erleichtern.“

Klaus-Dirk Henke und seine Mitarbeiter haben in ihrer Studie einige Ziele zur weiteren Öffnung des Berliner Gesundheitsmarktes formuliert. Demanch soll Berlin verstärkt als Zentrum der medizinischen Forschung vermarktet werden. Für weitere Schritte zur Umsetzung der Ziele haben Klaus-Dirk Henke und die IHK Berlin eine Expertenkommission einberufen, in der auch die Senatsverwaltung vertreten ist.

Mehr Infos im Internet unter:

http://finance.ww.tu-berlin.de

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