Zeitung Heute : Verknotungen

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Zum Stichwort "Kultur" fischt einem die Suchmaschine Google in 0,14 Sekunden 5,6 Millionen Webseiten aus dem Internet. Das ist nicht nur viel, sondern auch mehr als zu "Politik" (4,18 Millionen) oder "Wirtschaft" (4,15 Millionen) angeboten wird. Belegt schon diese Zahl die gesellschaftliche Relevanz von Kultur? Beweist sie gar Förderungswürdigkeit?

Die von Hilmar Hoffmann herausgegebene Aufsatzsammlung "Kultur und Wirtschaft. Knappe Kassen - Neue Allianzen" stellt das schwierige Verhältnis von Kultur, Wirtschaft und Politik auf weniger als 5,6 Millionen Seiten dar; es ähnelt der Suchmaschine jedoch insofern, als hier alle gleichberechtigt, quasi unverknüpft zu Wort kommen: die Politiker, die Sponsoren, die Künstler, die Kulturfunktionäre und, mit dem Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz, auch die Kommentatoren.

Hoffmann versucht gar nicht erst die unterschiedlichen, und sich mitunter widersprechenden Ansichten zum Umgang mit der Kultur zu ordnen. Wie im Internet steht das "Kultur für alle" eines Hans Eichel gleichberechtigt neben der These Julian Nida-Rümelins, dass gerade diese egalitäre Idee verblasst sei; die Feststellung des Unternehmers und Kunstförderers Reinhold Würth, dass Kunst und Kommerz eine Symbiose bilden, neben der Warnung des Münchner Museummanns Christoph Vitali vor den kulturfremden Interessen eines Wirtschaftsunternehmen; die Forderung nach mehr Stiftungen (Graf Strachwitz) neben der, vermehrt auf "kompetente, sensible Sponsoringbeauftragte" zu setzen (Klaus Siebenhaar).

Das Ergebnis ist die eindrucksvolle Dokumentation eines Knotens, den zu entwirren wahrscheinlich schon gar keiner mehr in der Lage ist. Mehr Privatwirtschaft oder mehr Staat? Größere Museumsshops und so eine neue "Kultur für alle"? Auf eines weist der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Kulturrates, Andreas Johannes Wiesand, dabei beiläufig hin: Während die öffentlichen Aufwendungen für die Kultur in den letzten zwanzig Jahren gleichgeblieben oder gesunken sind, hat sich im gleichen Zeitraum der Anteil der professionellen Kulturknoter, der Kulturverwaltung nämlich, verdoppelt. Die sind wahrscheinlich damit beschäftigt, sich neue Internet-Links zu "Kultur" auszudenken.

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