Verlags-Insolvenz : Aufbaus Abbau

Davongeschlichen habe er sich, bei Nacht und Nebel. Ein Verräter sei er. Das sagen die, die der Verleger Bernd Lunkewitz zurückgelassen hat. Doch es ist vielleicht nur die halbe Wahrheit.

Gerrit Bartels
Lunkewitz
Nach 17-jährigem Kampf mit der früheren Treuhand und dem Finanzministerium hat Lunkewitz einen Schlußstrich unter seine bisherige...Foto: dpa

Der Schriftsteller Thomas Lehr sieht blass und erschöpft aus, als er am Montagmittag in den Räumen das Aufbau-Verlags am Hackeschen Markt Stellung beziehen soll. Das mag am warmen Berliner Wetter liegen, noch mehr aber wohl an der für ihn völlig überraschenden, neuen Situation im Verlag und der damit für ihn verbundenen ungeklärten Zukunft als Aufbau-Autor. Der Verlag – seine Geschäftsführer – hatten am Freitag Insolvenz angemeldet.

Als „Suhrkamp des Ostens“ bezeichnet Lehr den Aufbau-Verlag, so habe er sich hier auch behandelt gefühlt, die Tradition des ehemals größten DDR-Verlags und auch ein nach der Wende gutes Klima hätten ihn hier gern Autor sein lassen.

Um etwas mehr Licht ins Aufbau-Dunkel zu bringen, haben die Geschäftsführer René Strien und Tom Erben mit dem Betriebsrat und vor allem dem vom Landgericht Charlottenburg eingesetzten Insolvenzgutachter und -verwalter, dem Rechtsanwalt Joachim Voigt-Salus, zu einer Pressekonferenz geladen. Vor gut sichtbar in Regalen aufgereihten Bestsellern des Verlages wie Winfried Glatzeders Lebenserinnerungen oder Fred Vargas neuestem Krimi sitzen die fünf Herren und verströmen bis auf den skeptischen Thomas Lehr Optimismus.

Vorerst seien keine Arbeitsplätze in Gefahr, sagt Strien, und alle neuen Bücher würden in diesem Herbst wie geplant erscheinen. Und Insolvenzverwalter Voigt-Salus sieht realistische Chancen für eine Sanierung des Verlags, wobei er jedoch mehrmals darauf hinweist, dass Aufbau als eher kleines Haus mit einem Umsatz von zuletzt 14,2 Millionen Euro nicht um einen neuen „strategischen Partner“ umhinkomme, sprich: um einen großen Verlag, der bei Aufbau einsteigt.

Was dem Ganzen nicht dienlich ist, das betont Voigt-Salus gleich mit, seien in der Öffentlichkeit ausgetragene Zwistigkeiten mit dem ehemaligen Verleger Bernd F. Lunkewitz, der Freitag früh für alle Verlagsmitarbeiter völlig überraschend erklärt hatte, dem Verlag kein Geld mehr aus seinem Vermögen zukommen zu lassen und so der Insolvenz anheimzugeben. Was Lunkewitz sogleich folgen ließ, war die Kündigung der Verlagsräume in dem ihm gehörenden Gebäude am Hackeschen Markt – für Strien, Erben und auch den Insolvenzverwalter der Beweis dafür, es hier mit keiner Bauchentscheidung von Lunkewitz zu tun zu haben.

So fuhr Strien, tief enttäuscht von einem Mann, mit dem er jahrelang freundschaftlich verbunden war, gleich schwere verbale Geschütze gegen Lunkewitz auf, in Form eines am Montag in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten offenen Briefes. Bei Nacht und Nebel habe Lunkewitz sich neulich aus dem Verlag geschlichen, so beginnt Strien. Er wirft ihm dann vor, ihm sei das Schicksal seiner Mitarbeiter egal, er hätte die Solidarität seiner Partner missbraucht und das Engagement seiner journalistischen Begleiter nur zur eigenen Gewinnmaximierung zu nutzen getrachtet. Und weiter: „Nein, verkauft haben Sie ihn (den Aufbau-Verlag) nicht, Sie haben ihn verraten, genauso wie Sie die übrigen Werte verraten haben, die einmal Ihr Leben ausgemacht haben: Idealismus, Geradlinigkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft.“

Lunkewitz wiederum hat in einem Interview am Sonntagabend mit dem Online-Branchenmagazin buchmarkt.de geäußert, sich alles sehr gründlich überlegt zu haben: „Der aktuelle Grund ist das Verhalten des Bundesfinanzministers. Er deckt und unterstützt bis heute die kriminelle Vorgehensweise der Treuhand. (...) In den vergangenen 17 Jahren habe ich einen großen Teil meines Lebens, meiner Kraft und meines Vermögens in den Aufbau-Verlag gesteckt, obwohl die Bundesregierung mich betrogen hat. Noch mehr von mir zu verlangen ist unbillig und darüber hinaus auch undankbar.“

Hintergrund all dessen ist Lunkewitz’ Kampf gegen die Treuhand, deren Nachfolgerin BvS und die für sie verantwortliche Bundesregierung: 1991 hatte die Treuhand Lunkewitz den Aufbau-Verlag widerrechtlich verkauft – drei Jahre später „fiel ich fast vom Stuhl“, so Lunkewitz. Da erfuhr er, dass sein Verlag rechtswirksam nicht zum DDR-Volkseigentum gehört habe, sondern juristisch immer noch der einstigen DDR-Organisation Kulturbund – beziehungsweise deren Nachfolger, dem Kulturbund e.V. – gehöre. Lunkewitz erwarb den Verlag dann 1995 ein zweites Mal. „Ich saß in einem geklauten Auto, dass mir nicht gehörte“, sagte Lunkewitz in Interviews. Seitdem prozessiert er gegen Treuhand und Bundesregierung „wegen arglistiger Täuschung“ und fordert Millioneninvestionen in den Verlag zurück.

Schon vor einem Jahr: Müdigkeit, erste Andeutungen

Dabei vermittelt er aber den Eindruck, als sei ihm sein Kampf gegen die Bundesregierung inzwischen wichtiger als der Verlag, dem er so lange vorstand. Als könnte er sich seiner Obsession nicht mehr erwehren, als würde er tatsächlich den Verlag opfern, um irgendwann als Sieger dazustehen: „Den Aufbau-Verlag in seiner bisherigen Form wird es nicht mehr geben“, sagte Lunkewitz in dem Interview mit buchmarkt.de, „das ist eine traurige Entwicklung, die aber nur die Bundesregierung zu verantworten hat.“

Umso leichter fällt es jedoch nun auch, in Lunkewitz einmal mehr nur den ehemaligen Immobilienmakler aus Frankfurt am Main sehen. Einen, der zwar einst erklärter Revolutionär und Kommunist war, dann aber mit Immobilien Millionen verdiente und sich mit dem Aufbau-Verlag ein neues Betätigungsfeld suchte – damit aber mehr wie mit einem Spielzeug umzugehen schien als ihn mit dem Anspruch zu führen, mit Leib und Seele etwa in die Fußstapfen eines Mannes wie Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld zu treten. Zahlreich sind die Bilder, die ihn als Zigarren rauchenden, Rotwein trinkenden Lebemann zeigen, selbst wenn er mit dem Rauchen seit der Geburt seiner Tochter vor drei Jahren aufgehört hat; üppig die Buchmessenpartys in den Räumen seiner neoklassizistischen Villa in Frankfurt.

Allerdings zeigte Lunkewitz schon vor einem Jahr Amtsmüdigkeit, nicht zuletzt mit dem Hinweis auf sein Privatleben, und suchte nach einem neuen Partner für den Verlag. Die Krise des Buchmarkts in den Jahren 2002/2003 war auch an Aufbau nicht vorübergegangen. Verhandlungen mit der Verlagsgruppe Random House aber zerschlugen sich.

Bis Anfang der nuller Jahre gedieh der neue Aufbau-Verlag unter Lunkewitz, vom „Aufbau-Wunder“ schrieb gar der „Spiegel“. Lunkewitz agierte streng marktwirtschaftlich, verbuchte mit den Tagebüchern von Victor Klemperer einen Riesenerfolg, nicht zuletzt mit dem Verkauf der Klemperer-Lizenzen in die USA, und übte den Spagat zwischen Boulevard und anspruchsvoller Literatur: Er verlegte Bücher für den Massengeschmack wie die Erinnerungen von Stefan Effenberg genauso wie solche von Autoren wie Richard Wagner, Thomas Lehr oder Tanja Dückers. Wer ihn beim Arbeiten, beim Einsatz für seinen Verlag erlebte – knurrig, mit Tunnelblick, sein Gegenüber scheinbar nicht wahrnehmend, aber streng bei der Sache, bei seiner Sache, glaubte ihm sofort den Satz: „Ich bin doch kein Spaßmacher.“ Und tatsächlich: Nachdem der Aufbau-Verlag nach der Wende am Boden gelegen hatte – von 15 Millionen DDR-Mark vor der Währungsunion 1990 sank der Jahresumsatz auf 30 000 Mark, zwei Drittel der Belegschaft von 180 Mitarbeitern (darunter 60 Lektoren) mussten gehen –, stellte ihn Lunkewitz auf solide Beine, wohlwissend um seine Tradition und das Kapital, dass diese darstellt.

Gegründet wurde Aufbau 1945 von Heinz Willmann, Kurt Wilhelm und Gregor Gysis Vater Klaus Gysi, dem späteren DDR-Kulturminister, als Sprachrohr des Kulturbunds „zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Aufbau geriet zum Auffangbecken für zurückkehrende Emigranten, verlegte Bücher von Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Anna Seghers, aber auch von Hans Fallada, Gerhart Hauptmann und Ernst Niekisch. Als „Staatsverlag der DDR“ bezeichnete ihn Thomas Mann einmal. Doch Aufbau geriet oft mit der DDR-Obrigkeit aneinander, etwa 1956, im Jahr des Ungarnaufstands, als Verlagsleiter Walter Janka verhaftet wurde und jahrelang hinter Bautzener Gittern verschwand. Unter der Zensur stetig leidend, machte Aufbau sich mit wohledierten Klassikerausgaben einen Namen, verlegte Titel aus dem Westen, veröffentlichte Regimekritisches, Unbequemes, Bücher von Irmtraud Morgner und Elke Erb oder in der Reihe „Aufbau – die andere Reihe“ solche von Bert Papenfuß, Peter Brasch und Jan Faktor.

Die Rechte verstorbener und aktueller Autoren sind dann auch eine der wichtigsten Streitsachen zwischen Lunkewitz und seinem einstigen Verlag. Die Aufbau-Verlagsgruppe verfüge über alle Rechte, die seit Beginn der 90er Jahre erworben wurden, „und damit über den Großteil aller wirtschaftlich relevanten Verlagsrechte“, so Geschäftsführung und Insolvenzverwaltung. Lunkewitz dagegen wähnt sich im Besitz aller Rechte – genauso wie im Besitz der Marke Aufbau, auch das sieht man auf Aufbauseite natürlich ganz anders.

Die Geschäftsführung ist an diesem Nachmittag hoffnungsvoll, die Sache zu einem verträglichen Ende zu führen, in einer Mischung aus Kampfeslust und dem Gefühl, moralisch und rechtlich auf der richtigen Seite zu stehen. Da appelliert Tom Erben auch schon mal an die Solidarität aller: „Wir brauchen Ihre Unterstützung. Und: Kaufen Sie Aufbau-Bücher!“ Dass an dem querschlägernden Lunkewitz kein Weg vorbei führt, wissen alle, ein Treffen mit ihm stellt Insolvenzverwalter Voigt–Salus für das Wochenende in Aussicht.

Thomas Lehr aber macht sich keine Illusionen. Er ist sich sicher, bei allem Respekt, niemals mit oder unter Lunkewitz mehr arbeiten zu wollen: „So wie ein Schriftsteller immer ein Schriftsteller ist, egal, was kommt, muss ein Verleger immer ein Verleger sein. Das Vertrauen ist zerstört.“

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