Zeitung Heute : Verlassen werden

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Mein Onkel Claus wohnte am Schlesischen Tor, direkt an der Mauer. Damals war die DDR noch nicht Kult, sondern ein Land, und West-Berlin war eine geheimnisvolle Insel. Claus schlug sich als Architekt durch, hauste in einer dubiosen WG und kannte alle Klubs und Kneipen von Kreuzberg. Ich habe ihn sehr bewundert.

Eines Nachts hat er dann an der Bar eine Dame aus seinem Heimatkaff kennen gelernt. Sie wohnen jetzt zusammen in jenem Nest, haben zwei Kinder und sind sehr glücklich. So glücklich wie man in Ettlingen eben sein kann. Was für ein Loser, der Claus.

Wenige Wochen nach meinem Berlin-Umzug habe ich eine charmante Goldschmiedin aus meiner Heimatstadt Basel kennen gelernt. Wir waren im Basler Zolli, haben im Rhein gebadet und verbrachten auch sonst sehr angenehme Stunden.

Sicher wären F. und ich sehr, sehr glücklich geworden. Aber: „Der Starke ist am stärksten ganz allein“, heißt es bereits in Schillers Wilhelm Tell. Ich brauchte meine Freiheit und habe daher die Notbremse gezogen.

Naja, so ähnlich ist es gelaufen. Eigentlich war es eher F., die die Notbremse gezogen hat. Und warum, verstehe ich noch immer nicht ganz.

Unterm Strich kann man sagen: Es traten Probleme auf bei unserer Distanzbeziehung. Daher fuhr ich neulich nach Basel runter, um sie aus dem Weg zu räumen. Erster Tipp: Kaufen Sie auch in solchen Extremsituationen immer ein U-Bahn-Ticket (die Fahrkarte Berlin-Basel kostete 36,40 Euro, die Reise Gneisenaustraße-Bahnhof Zoo 40 Euro). Zweiter Tipp: Beim Erwerb von Fish & Chips nie die Gabel in den Dreck fallen lassen (ist anspruchsvoll und für die Kleidung verhängnisvoll, den ölig-mayonnaisigen Brei aus der Verpackung zu saugen). Dritter Tipp: Erwerben Sie als Mitbringsel kein Kinderüberraschungs-Ei, bloß weil am Basler Bahnhof morgens kein Blumengeschäft offen ist (das geht nur, wenn keine Probleme aus dem Weg zu räumen sind).

Obwohl ich mal wieder alles falsch gemacht habe, hatten es F. und ich sehr schön zusammen. Wie immer. Trotzdem will sie nicht mehr mit mir zusammen sein. – Versteh einer die Baslerinnen! – Am Ende haben wir beide lange geweint. Dann bin ich zurück nach Berlin gefahren.

Berlin riecht längst nicht so gut wie F. Dafür sagt Berlin aber auch nie Dinge wie: „Ich bin mir einfach nicht sicher genug, dass meine Gefühle für dich stark genug sind.“ Und zum Glück kam ich gerade noch rechtzeitig zur CD-Taufe der Gruppe Britta an. Das Konzert war traurig und schön, und die Text-Zeile „Trennen kann man sich ja praktisch immer. Theoretisch“ fand ich treffend. Leider ist mir dann wieder eingefallen, dass ich persönlich mich zur Zeit von niemandem mehr trennen kann.

Immerhin hat mein Freund Walter auf Haiti neulich einen Zombie getroffen. Der war ebenfalls beerdigt worden und er ist nach einer Weile einfach wieder aus dem Grab gekraxelt. Zombies sind cool! Die lassen sich nicht unterkriegen. Manchmal stelle ich mir heimlich vor, dass F. und ich eines Tages eine Zombie-Beziehung führen könnten.

Die neue CD von Britta heißt „Lichtjahre voraus“. Weiteres unter: www.flittchen.de .

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