Zeitung Heute : Verlauf der Geschichte

Der Buback-Mord: Der Schütze könnte ein anderer sein als gedacht. Wie glaubwürdig sind die neuen Hinweise?

Axel Vornbäumen

Klaus Pflieger hat schon wegen seines Lebenslaufs ein, wie er sagt, „historisches Interesse“ daran, Licht ins Dunkel der „bleiernen Zeit“ zu bringen – jener „Terroroffensive 77“, die am 7. April vor 30 Jahren mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback in Karlsruhe begann. Pflieger selbst gehörte früher zu den RAF-Ermittlern in der Bundesanwaltschaft. Der Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer trieb ihn lange um, noch heute will er wissen, wie es genau war, vor allem: wer damals die tödlichen Schüsse abgegeben hat.

Pflieger, mittlerweile Generalstaatsanwalt in Stuttgart, muss also hellhörig geworden sein, als sich kürzlich am Telefon ein alter Bekannter aus RAF-Zeiten bei ihm meldete – der frühere RAF-Kämpfer Peter-Jürgen Boock. Er fuhr den Fluchtwagen bei der geplanten Entführung des Bankiers Jürgen Ponto, er war auch an der Schleyer-Entführung beteiligt. Und er kennt Pflieger. Der war es nämlich, der damals die Anklageschrift gegen ihn mitverfasste.

Pflieger, der sich zu Details des bemerkenswerten Boock-Anrufs nicht äußern will, gab am Mittwochabend in Karlsruhe preis, dass er es gewesen sei, der daraufhin den Kontakt zu Michael Buback herstellte, dem Sohn des getöteten Generalbundesanwalts. Er könne, sagte Peter-Jürgen Boock am Telefon zu Michael Buback, bei dessen Suche nach der Wahrheit über das Attentat auf seinen Vater entscheidend weiterhelfen. „Mit Händen zu greifen“, sagt Pflieger, sei es gewesen, dass es dabei auch um einen Beitrag zum Gnadenverfahren des inhaftierten ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar gehe. Doch aus der Luft gegriffen war das, was der späte Informant da anzubieten hatte, offenbar nicht.

Und das, was Boock da zu sagen hatte, hat offenkundig Spuren hinterlassen: Es führte bei Buback zu einem Schwenk in der Bewertung der Person Christian Klars. Der war nach Darstellung Boocks nämlich nicht der Todesschütze von Karlsruhe – und der ebenfalls wegen Tatbeteiligung am Buback-Mord verurteilte Knut Folkerts offenbar auch nicht. Michael Buback jedenfalls hielt die Hinweise für „schlüssig“. Wie vom Anrufer offenbar beabsichtigt, setzt er sich nun, als erster aus der Gruppe der Opferangehörigen, für einen Gnadenerweis für Christian Klar ein.

Doch wie glaubwürdig ist die Quelle? Buback selbst hätte gerne, dass sich sein Informant irgendwann einmal öffentlich äußern wird. Boock, der als Autor zahlreiche, zum Teil semi-fiktionale Bücher über die „bleierne Zeit“ verfasst hat, galt in Expertenkreisen lange Zeit nicht eben als ein Ausbund an Präzision. Insbesondere mit seiner eigenen Rolle bei der Entführung Schleyers hielt er hinterm Berg. Dass Buback allerdings nun dem bloßen Gefasel eines Wichtigtuers aufgesessen ist, dagegen spricht einiges – nicht nur die Vermittlungstätigkeit Pfliegers. Schon die Tatsache, dass der Stuttgarter Generalstaatsanwalt die Information über sein Telefonat auch an die Bundesanwaltschaft weiterleitete, gibt einen wichtigen Hinweis. Dort ist der Buback-Informant nun einbestellt.

Dass in Sicherheitskreisen die prompte Neubewertung Klars durch Michael Buback eher skeptisch gesehen wird, muss dabei nicht heißen, dass es grundsätzliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussagen Boocks gibt. Die Zweifel gelten eher der Interpretation Bubacks und seinen gezogenen Schlussfolgerungen in puncto Christian Klar. Verschiedene Interessen mischen sich – und dazu gehört auch, dass in Justizkreisen eine eventuelle Begnadigung Christian Klars durch Bundespräsident Horst Köhler als „Reparatur“ am damaligen Urteil gesehen wird.

Andererseits, sagt auch Klaus Pflieger, „ist es die historische Wahrheit, die wir suchen“. Dazu gehöre insbesondere auch, zu ermitteln, wer geschossen habe. Michael Buback ist nun mit seiner höchst persönlichen Bewertung, wonach Christian Klar nicht die Nummer eins unter den RAF-Kämpfern der „zweiten Generation“ gewesen sei, öffentlich in Interpretationsvorlage getreten. Sicherheitskreisen missfällt das, sie verweisen auf die Summe der Taten Klars, die zu einer Haftstrafe von sechsmal lebenslang und einer Mindestverbüßungsdauer von 26 Jahren geführt hat.

Die zu klärende Frage ist nun: Cui bono, wem nützt es? Womöglich tatsächlich Christian Klar. Aber was hat Peter-Jürgen Boock davon? Von seiner Vita her ist er kein Altruist.

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