Zeitung Heute : Verliebt in den Weg

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Der Himmel hinter ihr ist leer. Nur rechts oben in der Ecke schwebt eine kleine, weiße Wolke. Das könnte sie sein, die entschwindende Zukunft. Die Saarländer haben Erfahrung mit sich leerenden Himmeln, mit vorüberziehenden Aussichten. Vielleicht haben sie deshalb den Pressesaal ihres Landtags so luftigleer mit einer letzten WolkenHoffnung tapeziert.

Gesine Schwan, SPD-Kandidatin fürs Bundespräsidentenamt, hat die Wolke im Rücken – und redet. Das macht sie seit zehn Wochen. Als sie anfing, klang sie, nun ja, wie der Schöpfer selbst: Und siehe, ich mache alles neu! Sie hatte Recht, ohne diese Botschaft sollte kein Mensch anfangen, eine Rede zu halten. Doch das ist lange her. Sieben Tage sind ein bewährter Schöpfungszeitraum. Aber zehn Wochen?

Blonde Ringellöckchen fallen ihr in die Stirn. Besonders intellektuell sehen die nicht aus, aber nur Menschen, die es nötig haben, sehen intellektuell aus. Zu ihrem Alter passen die Löckchen ja auch nicht, aber dafür umso besser zu ihr. Gesine Schwan hat gar kein Alter. Zwar sagt sie immerzu Sätze wie: „Ich bin jetzt 60…“ Oder: „Vor fünf Jahren, als ich 55 war…“ Aber das ist nicht Koketterie, sie braucht das als Nachweis, dass der Mensch bestimmte Dinge schon hinter sich haben muss, wenn er etwas leisten will. Etwa die Jugend. Wie hätte sie wohl vor 20 Jahren eine Universität leiten sollen? Jetzt kann sie das, jetzt leitet sie die Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Mit professionell-hochgeschlossenen Naja-Gesichtern sind die Journalisten zu der Pressekonferenz in Saarbrücken gekommen. Das ist nun 20 Minuten her. Die „Und-siehe-ich-mache-alles-neu“-Rede der Gesine Schwan ist fast fertig. Roman Herzog ist berühmt geworden für seinen Ruck, aber den findet sie „schon analytisch falsch“, als ginge es nur darum, die Ärmel hochzukrempeln. Neu-Machen aber, Götter und Akademiker wissen das, heißt ja zuerst: Neu-Denken. Inzwischen tragen fast alle Journalisten Aha!-Gesichter. Selbst die kleine Wolke scheint größer geworden zu sein. Wie diese Frau redet! Vor allem, ohne Luft zu holen. Den meisten Menschen steht das nicht, sie wirken dann wie Verfolgte. Gesine Schwan nicht. Sie wirkt nur konzentriert und leicht überirdisch. Beim Denken müssen wir schließlich auch nicht Luft holen. Also keine Kunstpausen!

Eine Zeitung hat herausgefunden, dass Gesine Schwan nicht unsere Bundespräsidentin werden kann, weil sie uns gar nicht repräsentieren könne: Sie ist nämlich viel klüger als wir mit einem IQ von 174. Und weil sie redet wie das Pfingstwunder persönlich, in neun lebenden Sprachen. Aber niemand kann so bescheiden sein wie die ganz Klugen. Wahrscheinlich hat Gesine Schwan diese Eigenschaft schon an Gott beeindruckt. Das Kind eines protestantischen Vaters mit atheistischen Neigungen und einer katholischen Mutter hat es sich nicht leicht gemacht mit Gott. Beinahe wäre sie seinetwegen Religionswissenschaftlerin geworden. Um herauszukriegen, wer er eigentlich ist. Aber dann hat sie beschlossen: Taufe reicht auch. Da war sie 20. Dass Gott alles überblickt und sich trotzdem noch um jeden Einzelnen kümmert, muss ihr gefallen haben. Das versucht sie auch: zu Menschen reden, als gäbe es nichts Wichtigeres als sie. Egal, ob das ein paar saarländische Journalisten sind, oder jetzt, nur eine Stunde später, alle Saarbrücker, die sich für das Thema „Deutschland – wohin?“ interessieren.

Die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung ist öffentlich. Der große Saal füllt sich, nur von der CDU kommt wohl wieder keiner. Dabei tritt Gesine Schwan vor der CDU besonders gern auf. In Mainz hat die CDU-Fraktion sie empfangen. Und sie rief in den Applaus hinein „Vorsicht, ich bin die falsche Kandidatin!“.

Ihr sollt mich kennen lernen!, beschloss Gesine Schwan, als sie die Kandidatur annahm. Denn einen kleinen Unterschied zwischen der Präsidentin der Viadrina und Gott gibt es schon. Er schöpfte aus dem Nichts und sie schöpft geradewegs ins Nichts, meint man zu wissen. Merkel hat gesagt: Köhler! Und Gesine Schwan fehlen 23 Fremd-Stimmen für die Wahl am Sonntag.

Köhler und sie sind schon ein paar Mal zusammen eingeladen worden. Gesine Schwan hätte sich so gern ein bisschen mit Herrn Köhler unterhalten, so von Professor zu Professor. Aber der will nicht. Köhler war Präsident des IWF. So einen hat sie auch zu Hause. Ihr Lebensgefährte Peter Eigen war Direktor der Weltbank und ist Leiter der Anti-Korruptions-Initiative „Transparency International“.

Dass immer die anderen genommen werden, wenn man selber genommen werden müsste, kennt Gesine Schwan schon. Sie ist die Frau auf verlorenen Posten. Zum Beispiel 1999, als sie Präsidentin der Freien Universität Berlin werden wollte. Dabei hatte die akademische Tafelrunde längst beschlossen, wer es wird. Sie wusste das – muss man da noch Unruhe stiften, Programme vorlegen, an die Presse gehen mit diesem Hiermüsste-mal-einiges-neu-gemacht-werden-Pathos? Nur wegen des kleinen Wörtchens „Wahl“?  Der Weg ist das Ziel. Das ist eine ursozialdemokratische Einstellung. Außerdem entspricht sie Gesine Schwans Realitätssinn.

Ihr Realitätssinn war immer schon ein wenig anders als der anderer Menschen. 1968 war sie Mitte 20. Was wird, wer 1968 Mitte 20 ist und in Berlin studiert? Ein 68er natürlich. Gesine Schwan nicht. Utopie, Kommune, alles oder nichts. Das schöne Mädchen mit den langen blonden Haaren zog die Augenbrauen hoch. Ein wenig totalitär veranlagt, das Ganze, nicht wahr? Ihre Mitstudenten fragten sich: Wie kann ein Mensch so jung und so konservativ sein?

Es gibt dafür zwei Erklärungen.  Gesine Schwan ist verliebt in die Normalität. Von der Utopie ist sie nicht verführbar, nur von der Wirklichkeit. Sie ist der nicht-ekstatische Charakter schlechthin. Als sie studierte, gingen akademische Glaubensbekenntnisse so: „Das Ganze ist das Unwahre“ oder „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (Adorno).

Natürlich gibt es ein richtiges Leben im falschen, hat sie doch selbst gesehen bei sich zu Hause. Gesine Schwan machte an der Universität eine merkwürdige Erfahrung. Die anderen hatten Eltern, die anders waren als ihre. Lauter Verstrickte, Nazi-Mitläufer und Ex-Offiziere. Die hatten kein jüdisches Mädchen versteckt wie ihre Eltern. Und ihre Mitstudenten waren auch nicht mit dem Satz groß geworden: „Mach immer das, was du für richtig hältst, denke selber!“  Gesine Schwan hörte das jeden Tag, manchmal hätte sie gern zur Abwechslung etwas gemacht, was die anderen sagen, aber es half nichts. Oft saß sie an der Straßenbahnhaltestelle in Berlin-Heiligensee und wartete auf ihre Mutter. Die war in der Stadt, fortschrittliche Bewegungen gründen und zur Verbesserung der Welt beitragen. Andere Mütter taten das nie, also musste man nicht auf sie warten.

Ein wesentlicher Schritt zu Verbesserung der Welt, lernte die Tochter, ist die Aussöhnung mit Polen. Ihre Mutter musste das wissen, schließlich kam sie aus Schlesien. Also lernte Gesine Schwan Polnisch. Nicht wegen der Utopie, sondern wegen der Wirklichkeit. – Du promovierst über Leszek Kolakowski! Das ist viel besser als Adorno, sagte ihr Doktorvater: „Ich musste Hebräisch lernen, und du lernst dafür Polnisch!“ Dabei konnte sie es schon. Und für Adornos Evangelium der Negativität, diesen langen Marsch in die philosophisch abgesicherte Depression, war sie schon verloren, bevor sie ihn kannte. Adorno hätte nicht zu ihr gepasst. Nicht das Abgründige, nicht das Überschwängliche. Und dann fing ihre Partei an, die östlichen Staaten zu umarmen.

Man möchte die SPD heute noch lieben für ihre neue Ostpolitik, aber Gesine Schwan, die Selbstdenkerin, fand sie ziemlich falsch. Das liegt an ihrem Realitätssinn: erst die Menschenrechte, dann die Umarmung! Aber Wandlung im Osten durch vorauseilende Umarmung – ist das nicht schon wieder utopischer Nonsens? Mein Gott, ist die konservativ, müssen da wieder einige gedacht haben, wahrscheinlich auch Willy Brandt. Schließlich flog die Selbstdenkerin aus der SPD-Grundwertekommission. Das gab es noch nie.

Wahrscheinlich war Gesine Schwan schon konservativ, als Angela Merkel noch FDJ-Sekretärin war. Vielleicht können nur Konservative richtig optimistisch sein. Gesine Schwan glaubt einfach nicht, dass ihre große Liebe, die Wirklichkeit, sie enttäuschen könnte. Auch deshalb hat sie Ja gesagt, als sie vor fast drei Monaten in Amerika auf dem Harvard-Campus stand und plötzlich die Kanzler-Stimme im Handy hatte, die wissen wollte, ob sie Bundespräsidentin werden wollte. So ein Bundespräsident, dachte sie, braucht einen Masterplan. Zuerst schrieb sie das Wort Vertrauen auf ihren Notizblock. Das Vertrauen ins Vertrauen ist der einzige Überschwang, den sich die Wirklichkeitsfrau Schwan leistet. Es ist nicht beweisbar. Es ist eine atmosphärische Größe. Die muss doch übertragbar sein.

Ist sie. Die Vertrauensinfusion wirkt auch in Saarbrücken. Gesine Schwan hat bei ihrer Deutschland-wohin?-Rede nicht aufs Blatt gesehen. Vertrauen, das man ablesen muss, ist schon keins mehr. Luft geholt hat sie auch nicht, schon wegen der Konzentration. Gesine Schwan sagt nicht Reform, sie sagt Erneuerung. Das meint mehr als Sparen, das meint das Sich-Neu-Erfinden, das zu jeder Krise gehört. Damit kennt sie sich aus. Jeder, der aus einer Grundwertekommission fliegt, muss sich neu finden. Es ist kurz nach 21 Uhr. Ein verunsicherter Friedensengel von Pax Christi will noch wissen, was Gesine Schwan gegen den Selbstverteidigungswillen Europas tun will. Er ahnt nicht, dass Gesine Schwan mal eine große Nachrüsterin war. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ muss ihrem Realitätssinn entsprochen haben.

Am nächsten Tag muss die SPD-Kandidatin fürs Bundespräsidentinnenamt um vier Uhr aufstehen. Mittags schon wird sie auf dem großen Lkw-Parkplatz bei Frankfurt an der Oder sitzen und öffentlich über Europa nachdenken. Und so neu klingen, als mache sie das zum allerersten Mal.

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