Zeitung Heute : Verloren gehen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

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Wenn meine Freundin Katrin für vier Wochen aus Kalifornien ins winterliche Hamburg reist, hat sie nicht mehr dabei als ein Köfferchen im Handgepäck. Und sieht trotzdem immer aus wie aus dem Ei gepellt. Wenn ich morgens ins Büro fahre und abends nach Hause, sehe ich aus wie Tütenpaula auf Weltreise. Neulich zum Beispiel hatte ich mein Fahrrad wieder voll geladen, mit Unterlagen und Büchern für ein Interview, den Mantel konnte ich nur noch auf den Gepäckträger quetschen. Von dem er lautlos runterrutschte.

Eine Woche später klingelte das Telefon. Eine nette Frau hatte den Mantel, meinen neuen Regenmantel!, auf der Straße gefunden. In der Tasche hat sie viele leere Bonbonpapierchen – und meine Visitenkarte entdeckt. Nie trage ich Visitenkarten in Manteltaschen mit mir rum, nie. Nur manchmal.

Glücklich bin ich am nächsten Tag nach Kopenhagen gereist. Nicht mit dem Fahrrad (auch wenn man das jetzt bequem kann), sondern mit dem Flugzeug. Wie praktisch, dachte ich: 50 Minuten im kleinen Flieger, schon ist man da. Man schon. Nur der Koffer nicht. In dem der Mantel lag. Am Fließband Nummer drei sollte das Gepäck kommen und kam nicht. Also schickte der „Security“-Mann mich an einen Schalter zur Reklamation. Dort war ich in großer Gesellschaft. Zur Ablenkung las ich im Krimi der Autorin, wegen der ich überhaupt in Kopenhagen war. Der Titel: „Paranoia“.

Natürlich stand ich in der falschen Schlange, nach einer Dreiviertelstunde hieß es: Ans andere Ende der Halle. Dort drehte ich mich um – und was sehe ich da, einsam und allein auf Fließband Nummer sieben? Mein Köfferchen. Glücklich stürzte ich damit draußen aufs erste Taxi in der Schlange zu, vor dem ein paar dunkle Gestalten standen. Ratlos sah mich der Chauffeur an: Die Adresse, das größte und höchste Hotel Kopenhagens, direkt gegenüber vom Hauptbahnhof, sagte ihm nichts, Englisch verstand er nicht. Heftig redeten seine Kollegen arabisch auf ihn ein, schon wollte ich aussteigen, da scheuchten die anderen ihn schnell los, ein Kollege fuhr vor, wir hinterher. Jetzt, dachte ich, ist es soweit. Jetzt gehe ich selbst, samt Koffer, verloren. Wir also hinter dem Kumpel her, bis dieser abbiegen musste, ein paar Hundert Meter vor dem Ziel, der Fahrer war verloren, fuhr im Kreis herum, ließ sich aber noch übers Handy letzte Instruktionen geben.

Endlich angekommen, schnell ins Restaurant, wo die Kollegen schon beim Dessert angekommen war. Ich lechzte nach einem Glas Wein, bettelte die Kellnerin an, die gerade eine Flasche im Kühler an den Tisch gebracht hatte. Nein, sagte diese streng, der ist noch nicht kalt! Wie ich mein Fleisch haben wollte, interessierte sie nicht. Am Tag zuvor hatte sie die Organisatoren schließlich schon angerufen, wie die zwölf Leute bitteschön ihr Fleisch haben wollten, roh, medium oder durch. Und zur Strafe dafür, dass ich die beiden ersten Gänge verpasst hatte, wurden die beiden letzten doppelt berechnet. Weil der Koch (abends um neun) noch mal kochen musste. Da soll noch mal einer über Berliner Kellner und Taxifahrer meckern – ich nicht. Susanne Kippenberger

Wer wissen will, wie ein Kopenhagener Berlin erleben kann, wird fündig unter www.where2go.dk

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