Zeitung Heute : Verloren in der Welt

Die Traumata bleiben manchmal für immer

Hartmut Wewetzer

Der ganze Banküberfall dauerte kaum mehr als drei Minuten. Die Kassiererin wurde gefesselt und zu Boden geworfen. Dann setzte ihr der Bankräuber die Waffe an den Kopf, um sie zur Herausgabe des Geldes zu zwingen. Als alles vorbei war, kam der zweite Schock: der Filialleiter fragte die Frau, warum sie nicht den Alarm ausgelöst habe, ein anderer Vorgesetzter riet ihr, doch noch einmal nachzusehen, ob nicht der eine oder andere Euro auch in ihre Tasche gewandert sei.

Wer als Verbrechensopfer so herzlos behandelt wird, hat es später doppelt schwer, über das Ereignis hinwegzukommen, sagt der Kölner Psychologe Christian Lüdke. Oft sind sie dazu verurteilt, die Ereignisse wieder und wieder vor dem inneren Auge zu erleben, sagt er, der selbst Kriminalitätsopfer behandelt. So wie die Kassiererin der Bank.

In Deutschland gibt es jedes Jahr etwa 200000 Gewaltopfer. Aber anders als die Täter stehen sie nur selten im Mittelpunkt des Interesses. Sie sind lediglich diejenigen, mit denen etwas gemacht wurde, und sie bleiben zur Passivität und Ohnmacht verurteilt.

Diese Erfahrung ist es auch, die im Mittelpunkt der seelischen Verletzung, des Traumas, steht – sei es ein Raubüberfall, ein Verkehrsunfall oder das Erfahren einer furchtbaren Diagnose. Der Betroffene verliert den Boden unter den Füßen, das elementare Gefühl des Geborgenseins in der Welt geht schlagartig verloren.

Trotzdem kommen die meisten Menschen selbst – und mit der Hilfe ihrer Angehörigen – nach einigen Wochen über ein Verbrechen hinweg. Aber das gelingt nicht immer. „Etwa ein Drittel der Betroffenen braucht fachliche Hilfe“, sagt der Psychologe Lüdke. Besonders dann, wenn die Opfer auf Mangel an Verständnis stoßen oder sogar Vorwürfe zu hören bekommen.

Der Schreck regiert

In den ersten Tagen nach einem Verbrechen regiert der Schreck. Aufregung, Verwirrung und Wut wechseln sich ab, das Zeitgefühl ist verändert, Denken, Fühlen und Handeln nehmen getrennte Wege. In der nächsten, drei bis vier Monate anhaltenden Phase kommt es zu „Flashbacks“: das Ereignis wird von neuem durchlebt, belastende Orte werden gemieden (die Bankfiliale, der Wald, in dem man überfallen wurde). Der Schlaf ist oft schlecht, und die Gewalt der Erinnerung kann selbst körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Magenschmerzen auslösen. Nach dieser Zeit besteht die Gefahr, dass Angst oder Niedergeschlagenheit dauerhaft bestehen bleiben, „chronisch“ werden.

Die Psychologie hat für diese Probleme den Ausdruck „posttraumatische Belastungsstörung“ geprägt. Und sie bietet Therapien an. Das Opfer soll Ruhe und Abstand gewinnen, es muss lernen, dass seine seelischen Probleme eine ganz natürliche Art und Weise sind, mit dem „verrückten“ Erlebnis umzugehen, sagt der Psychologe Lüdke. „Wir stützen die Selbstheilungskräfte, geben den Leuten die verlorene Sicherheit zurück und helfen ihnen, mit der Erinnerung zu leben.“ Die Therapie kann zehn Stunden, manchmal aber auch ein ganzes Jahr dauern.

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