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Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Heute möchte ich Ihnen eine Geschichte von zwei Berliner DJs erzählen. Sie haben die Stadt vor einem halben Jahr verlassen, weil sie mit der Situation und den Musikvorlieben der Berliner Clublandschaft unzufrieden waren. In einer Zeit, in der quasi jeder, der zwei Platten ineinander mischen kann, nach Berlin zieht, weil es hier viele Clubs und Partys und keine Sperrstunde gibt, verlassen zwei DJs die Stadt.

Die Rede ist von den DJs Sefty und Werner, bekannt als die DJs von Soul Camp. Man konnte die beiden früher häufig im Pavillon am Weinbergsweg hören und in dem einen oder anderen MitteHouse-Club. Sie galten in Berlin als fähiges, musikverliebtes Deep House-DJ-Team, das einen seelenvollen, sexy Sound spielte, der auf Black Music basierte. Doch dann spülte plötzlich das 80er-Jahre-Revival von Rock und Electro schwarze Musik aus den einschlägigen Berliner Clubs und Sefty und Werner bekamen kaum mehr DJ-Engagements. Der modische Gezeitenwechsel überraschte die beiden Plattendreher, aber sie glaubten, der neue Sound, wie Drum’n’Bass, würde nur kurze Zeit blühen, um danach wieder einem klassischen Club-Sound wie Deep House zu weichen. Aber es sollte anders kommen: Electro, Rock und die Hits der 80er Jahre sind heute der maßgebliche Club und Party-Sound in Berlin und wie es ausschaut, wird sich das auch in den nächsten Monaten kaum ändern.

Einige der DJ-Kollegen von Soul Camp, die früher auch Deep House oder andere seelenvolle Musik spielten, sind mittlerweile auf den musikalischen Mode-Zug gesprungen, weil sie befürchteten, keine Arbeit mehr zu finden. Eine solche Entscheidung führt zwar kurzfristig zu Jobs, kann aber für Plattendreher auch unangenehme Fragen aufwerfen – ist man DJ, weil man einen bestimmten Sound mit einer persönlichen Haltung verbindet, oder ist man DJ-Dienstleister, der nur mit den Moden geht und das spielt, was die Leute hören wollen und alle anderen auch auflegen? Werner und Sefty hatten jedenfalls keine Lust, ihren Sound zu verändern. Sie sagten sich: Wenn die Berliner Clubmacher und Partygänger unseren Sound nicht mehr schätzen, dann müssen wir eben dorthin, wo man unsere Art von Musik noch mag. Und so sind die beiden im Oktober letzten Jahres nach Palma de Mallorca gezogen, wo sie heute auflegen und Musik produzieren.

Vorletztes Wochenende besuchte ich die beiden in ihrem neuen Domizil, sie hatten meinen Kollegen Daniel W.Best und mich zum Auflegen in das „Garito-Café“ eingeladen, ein kleiner Club, der sich ganz in der Nähe des Yachthafens von Palma befindet. Ihren Umzug nach „Malle“ haben sie bislang nicht bereut. Im Gegenteil, in Spanien scheint ihre Musik tatsächlich besser anzukommen als in Berlin. Engagements in Barcelona und anderen spanischen Städten bestätigen das.

Wenn Sie diesen Sommer in Mallorca sind, halten Sie mal Ausschau nach den verlorenen Söhnen des Berliner Deep House Sounds. Oder schauen Sie heute Abend im Café Garito in Palma de Mallorca vorbei.

Soul Camp DJs, heute Abend, 22Uhr. Café Garito, Dársena de Can Barbara, Palma de Mallorca, Spanien.

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