Zeitung Heute : „Vernetzt denken“

FU-Professor Martin Jänicke über die Zukunft der Umweltberufe

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Martin Jänicke, 65, stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen und Professor für vergleichende Analyse am Fachbereich Politische Wissenschaft der FU Berlin zum Thema „Ausbildung und Chancen in Umweltberufen".

Herr Jänicke, was für Umweltexperten sind heute gefragt?

Am Konzert der Umweltwissenschaften sind nahezu alle Fachdisziplinen beteiligt – von der Botanik bis zur Jurisprudenz, von der Chemie bis zur Volkswirtschaft. Wir brauchen das Spezialwissen, aber ebenso das vernetzte Denken: die Einordnung des eigenen Fachwissens in übergeordnete interdisziplinäre Fragestellungen. Dabei spielen Disziplinen mit Querschnittskompetenz eine zunehmend wichtige Rolle, die Politikwissenschaft beispielsweise. Im Sachverständigenrat für Umweltfragen beispielsweise sind unterschiedliche Disziplinen vertreten: Ökonomie, Ethik, Jura, Ingenieurswissenschaften, Medizin, Landschaftsplanung und Politikwissenschaften. Auf dieser multidisziplinären Basis erfolgt die fachübergreifende Politikberatung.

Wie viele Umweltjobs gibt es?

Die Zahl der direkt und indirekt im Umweltbereich Beschäftigten wird heute mit 1,4 Millionen angegeben. Das ist ein größerer Sektor als der der Autoindustrie. Die Umweltwissenschaft ist in dieser Ziffer enthalten. Die Gesamtzahl ist aber eigentlich größer, weil man viele faktische Umweltberufe nicht richtig erfassen kann. Der Ingenieur, der den Benzinverbrauch eines Motors verringert, trägt besonders sinnvoll zum Umweltschutz bei. Aber wie soll die Statistik ihn erfassen? Ausgerechnet die Umweltinnovateure, die die Technik umweltfreundlicher gestalten, sind in der genannten Zahl unterrepräsentiert.

Wie entwickelt sich das Berufsfeld?

Bisher ist es ununterbrochen gewachsen. Und die Zuwachsraten waren überproportional. Viele Umweltprobleme sind nicht, kaum ausreichend beziehungsweise nicht auf Dauer gelöst. Und neue kommen hinzu: die Schadstoffbelastung in Innenräumen, die Rolle hormonverändernder Stoffe oder Allergene. Auch das Klimaproblem ist vergleichsweise neu.

Zu was für einer Ausbildung raten Sie?

Naturwissenschaftliche und technische Umweltstudien sollten möglichst durch ein Nebenfachstudium im Bereich der Umsetzung dieses Fachwissens ergänzt werden: etwa Umweltrecht, Umweltmanagement, Umweltpolitik. An der FU gibt es zum Beispiel ein solches Ergänzungsstudium zum öffentlichen und betrieblichen Umweltmanagement. Wichtig ist zunehmend, dass man in seinem Fachgebiet auch Umweltkompetenzen hat. Im Maße der Integration von Umweltbelangen in unterschiedliche Spezialgebiete – wie Energie oder Landwirtschaft – sind solche Zusatzkompetenzen gefragt. Man muss also nicht unbedingt den Umweltschutz als solchen zum Beruf wählen. Wer das tut, sollte möglichst frühzeitig Erfahrungen in einem Praxisfeld sammeln. Oft findet sich dann dort auch der Arbeitsplatz.

Wie sollte man studieren?

Man sollte ein guter Spezialist sein und zugleich lernen, welche Rolle andere Disziplinen im eigenen Arbeitsbereich spielen. Wer zu viele Fachdisziplinen beherrschen möchte, ist am Ende ein Experte für nichts. Heute geht es um den Stellenwert der eigenen Disziplin in Gesamtkontexten.

Wo sehen Sie Chancen für Facharbeiter?

Hier gibt es ein breites Spektrum, von Bauwirtschaft – etwa Wärmedämmung oder Flächenrecycling – bis zur Energietechnik. Allein bei erneuerbaren Energien erwartet die EU bis 2020 etwa 900 000 Arbeitsplätze.

Wie sind die Perspektiven?

Meine Absolventen in Fachgebiet Umweltpolitik haben wenig Berufsprobleme. Das Berufsfeld reicht von der Weltbank über Umweltverwaltungen bis hin zu Industrieverbänden oder Unternehmen, in denen die Umweltfrage eine wichtige Rolle spielt. Die Umweltforschung ist ebenfalls ein expandierendes Berufsfeld. Die langfristige Prognose: Bei wachsender Weltbevölkerung und wachsender globaler Industrieproduktion schafft die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Erde für Umweltbelastungen eine ständig steigende Nachfrage nach Umweltexperten. Übrigens: Berlin bildet mit drei Universitäten und seinen Fachhochschulen in Sachen Umweltforschung und -ausbildung einen Schwerpunkt in Deutschland.

Das Interview führte Katja Winckler

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