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Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Der Dschungel erscheint größer und größer. Nach der Razzia gegen mutmaßliche Mitglieder der Terrororganisation Al Tawhid sind wieder neue Schlingen des militanten Islamismus zu erkennen. Alles passt, mehr oder weniger deutlich, zusammen: Die 1998 verübten schweren Anschläge auf die Botschaften der USA in Kenia und Tansania, der Ende 2000 nur knapp vereitelte Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg, die Terrorflüge des 11. September, die Gasexplosion auf der Ferieninsel Djerba, die Umtriebe der am Montag in Deutschland festgenommenen Islamisten, die Al Tawhid zugerechnet werden. Als Kopf des Netzes erscheint immer stärker Osama bin Laden, assistiert von Taliban-Chef Mullah Omar. Viele der inzwischen bekannten Terroristen wurden in afghanischen und pakistanischen Camps der Al Qaida und Taliban trainiert. Etwa 70 000 Islamisten aus allen Teilen der Welt haben in den Lagern den Gebrauch von Koran und Kalaschnikow geübt. Und sind zum großen Teil wieder ausgeschwärmt. Als „arabische“ oder „non-aligned“ Mujahedin oder als Zelle der Al Qaida bleibt eine unbekannte Zahl dieser Vagabunden dem Dschihad verpflichtet, dem Heiligen Krieg. Gegen Israel, gegen Juden, gegen die USA. Auch in Deutschland.

Als Bundeskriminalamt und GSG 9 am Montag in zehn Städten zuschlugen, wurde zumindest eine logistische Bastion des Terrors getroffen. Einige Details: Im westfälischen Beckum fanden die Beamten gefälschte irakische, syrische, jordanische, italienische, dänische und portugiesische Personaldokumente sowie Propagandavideos. Festgenommen wurden der in Palästina geborene, jordanische Staatsangehörige Aschraf Al-D., der Iraker Mohammed A. und der Jordanier Ismail S. Als die Polizei in Hamburg, Berlin, Georgsmarienhütte, Essen, Düsseldorf, Krefeld, Nürnberg, Regensburg und München zuschlug, entdeckte sie ähnliches Material wie in Beckum. Allerdings weder Waffen noch Sprengstoff. Dennoch erscheint die Gruppe um den am Montag in Essen vorläufig festgenommenen Palästinenser Jassir H. alias „Abu Ali“ keineswegs ungefährlich. Außerdem ist ein einschlägig bekannter Islamist offenkundig abgetaucht.

Kooperation mit Osama bin Laden

Der in Nürnberg wohnende Ägypter Sayed Agamy Mohalil M. wurde Ende September 1998 zusammen mit sechs weiteren Islamisten in London festgenommen. Die britischen Sicherheitsbehörden zählen den Trupp zur ägyptischen Terrororganisation Al-Dschihad Al-Islami, die mit Osama bin Laden kooperiert. Als die Polizei Wohnungen und Büros der Gruppe durchsuchte, fand sie brisantes Material: Faxkopien enthielten Bekennerschreiben zu den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Bei den Explosionen 1998 waren 257 Menschen ums Leben gekommen, 5500 wurden verletzt. Auf den Faxkopien fand sich außerdem eine Uhrzeit, die mehrere Stunden vor dem ersten der beiden Attentate lag. Sayed M. und seine Freunde in London verfügten also zumindest über das Wissen von Insidern.

Der Ägypter kam jedoch wieder frei und wurde im Juni 1999 nach Deutschland abgeschoben. Sayed M. hatte sich zumindest seit Anfang 1996 in Bayern aufgehalten und Asyl beantragt. Erfolglos, doch stellte er nach der Rückkehr aus England einen weiteren Antrag. Was er dann in Nürnberg trieb und wo er jetzt steckt, bleibt ein Rätsel.

Mit neuen Pässen nach Europa

Eine weitere Spur führt in den Iran. Einer der Anführer von Al Tawhid, Ahmad Fadik Al Khalalilah alias „Abu Mosab Al Zarqawi“, sammelt dort geflohene Afghanistan-Kämpfer seiner Truppe ein. Laut Sicherheitsexperten hält sich Khalalilah wahrscheinlich seit Januar in dem Land auf, dessen Regierung jede Verbindung zum Taliban- und Al Qaida-Netzwerk energisch bestreitet. Khalalilah besorgt den aus Afghanistan ankommenden Männern der Al Tawhid neue Pässe, mit denen sie in Drittländer weiterreisen – auch nach Europa.

Trotz der Dementis der Regierung in Teheran wissen amerikanische und europäische Sicherheitsexperten schon lange, über welche Möglichkeiten die islamistischen Terroristen in Iran verfügen. Am 10. März 2001 wurde, vermutlich in Norditalien, das Treffen von sechs Islamisten belauscht. Der Libyer Ben Heni Lased alias „Mohammed il Tedesco (der Deutsche)“ sagt da, es gebe „eine Organisation, die sich darum kümmert, den Mujahedin-Brüdern beim Grenzübergang zu helfen“. Und: „Es gibt eine umfassende Zusammenarbeit mit den Iranern.“

Zwei Tage zuvor telefonierte Ben Heni Lased mit dem Tunesier Essid Sami Ben Khemanis. Dieser fragte mehrmals nach einer „Gasbombe“. Sicherheitsexperten wussten damals nicht, was gemeint war. Doch seit dem Anschlag auf der Ferieninsel Djerba habe das Wort „Gasbombe“ eine besondere Bedeutung, sagt ein Experte. Nun wird recherchiert, ob die Vokabel nur eine Anschlagsidee darstellt – oder den Hinweis auf geplante Terrorakte einer Gruppe Mujahedin.

Essid Sami Ben Khemais wurde im April 2001 in Mailand festgenommen, Ben Heni Lased im Oktober 2001 in München. Die Ermittler kamen ihnen auf die Spur, als sie die Verbindungen der fünf Islamisten erforschten, die jetzt in Frankfurt/Main vor Gericht stehen. Diese aus Algerien stammenden Mujahedin hatten einen Anschlag in Straßburg geplant – auf den Weihnachtsmarkt oder, wie der Angeklagte Aeurobui Beandali am Dienstag erklären ließ, auf die Synagoge. Beandali gab auch zu, was ihn vermutlich mit Männern von Al Tawhid verbindet: Mehrere Monate Aufenthalt in Camps an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Lesen im Koran, Schießen mit der Kalaschnikow.

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