Verordnungen : EU will mit Energie Strom sparen

Heute treten europaweit vier Verordnungen zum Klimaschutz in Kraft. Was sollen sie bewirken?

Thomas Gack[Brüssel]
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Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Nach den vielen schönen Bekenntnissen zum Klimaschutz beim EU-Gipfel und beim Treffen der G-8-Industriestaaten in Italien wird es nun ernst. Die Brüsseler EU-Kommission setzt an diesem Mittwoch vier unmittelbar wirksame europäische Verordnungen in Kraft, die umsetzen, was die 27 Regierungschefs versprochen und ein EU-Rahmengesetz („Eco- Design-Richtlinie“) vorgegeben hatten. Die vier Vorschriften sollen bis 2020 jährlich so viel Strom einsparen, wie Schweden und Belgien zusammen verbrauchen.

Gab es Widerstand dagegen?

Als die Staats- und Regierungschefs der EU im März vor zwei Jahren unter deutschem Vorsitz das verbindliche Klimaziel der EU bis zum Jahr 2020 verabschiedeten – „20 Prozent CO2-Verringerung, 20 Prozent erneuerbare Energie, 20 Prozent Energieersparnis“ –, reagierte die umweltbewusste Öffentlichkeit mit Beifall. Doch als die Brüsseler EU-Kommission dann daranging, die Absichtserklärungen in konkrete Gesetze zu verwandeln, als der Klimaschutz nicht nur die Industrie zur Modernisierung ihrer Anlagen verpflichtete, sondern auch in den Wohnzimmern der Bürger ankam, da war ihr die Zustimmung keineswegs mehr sicher. Die energieintensive Wirtschaft wehrte sich gegen den Emissionshandel, die Autokonzerne gegen die scharfen EU-Abgasvorschriften. Und zuletzt wetterten Verbraucherverbände gegen den inzwischen beschlossenen Ersatz der herkömmlichen Glühbirne durch Energiesparlampen, da letztere hochgiftiges Quecksilber enthalten, das Experten zufolge schon in geringen Konzentrationen Nerven und Hirn schädigen kann.

Wie ist die Stimmung heute?

Inzwischen ist wieder etwas Ruhe eingekehrt. Der Emissionshandel bei den Stromerzeugern und den energieintensiven Industrien ist längst Realität. Doch es kann nicht nur darum gehen, mit sanftem Gesetzesdruck die Industrie zu mehr Klima- und Umweltschutz zu veranlassen. Jeder Bürger muss, so wächst langsam die Einsicht, zu Hause seinen Teil zum Energiesparen und der Verringerung der klimaschädigenden Treibhausgase beitragen. „Die Art, wie wir leben und wohnen, produzieren und konsumieren sowie unsere Mobilität organisieren, muss sich grundlegend ändern, wenn wir einen gefährlichen Klimawandel abwenden wollen“, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) vor wenigen Tagen in der Berliner Humboldt-Universität.

Welche Einsparpotenziale gibt es?

Rund 60 Prozent der schädlichen Emissionen in der EU stammen nicht aus den Schornsteinen der Industrie, sondern aus den Haushalten, dem Dienstleistungsgewerbe, der Landwirtschaft und dem Verkehr. Hier bleiben bisher viele Energiesparpotenziale ungenutzt. Die bereits 2005 beschlossene „Eco-Design-Richtlinie“ gibt den Rahmen vor, der nach und nach mit konkreten technischen Vorgaben ausgefüllt werden muss. Das Ziel: Alle energieverbrauchenden Produkte sollen sparsamer und damit klimafreundlicher werden.

Den ersten großen Schritt hat die EU-Kommission im Januar durchgesetzt. Ab 2010 dürfen in der EU Computer, Stereoanlagen, Fernseher, Satelliten-Receiver und andere Geräte im Stand-by-Betrieb nur noch höchstens ein Watt verbrauchen. Von Ende 2013 an nur noch 0,5 Watt. Derzeit werden auf dem europäischen Markt nach wie vor Millionen von technisch veralteten Geräten angeboten, die im Stand-by-Modus still und leise bis zu 30 Watt fressen. Dabei könnte durch eine einfache, technisch moderne Schaltung, die weniger als einen Euro kostet, der Stromverbrauch drastisch gesenkt werden. Die Experten der EU-Kommission rechnen vor, dass das Verbot der energiefressenden Stand- by-Schaltungen in Zukunft jährlich ungefähr so viel Strom einspart, wie ganz Dänemark im Jahr verbraucht: 35 Terawattstunden (eine Terawattstunde entspricht einer Milliarde Kilowattstunden). Die neue Technik ist aber nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel der Verbraucher. Sie können in der EU dadurch insgesamt fast fünf Milliarden Euro sparen.

Welche weiteren Einsparmöglichkeiten gibt es?

Fast die doppelte Menge an Stromkosten wird gespart, wenn die nun in Kraft tretende EU-Verordnung zu umweltschonenden Elektromotoren greift. Die Einsparungen dürften bei mehr als neun Milliarden Euro liegen. Wenn die jetzt vorgeschriebenen neuen Elektromotoren in Aufzüge, Industriemaschinen, Rasenmäher oder Werkzeuge eingebaut werden, dann wird so viel Strom gespart, wie Schweden in etwa verbraucht (135 Terawattstunden). Da dann in Kraftwerken entsprechend weniger produziert wird, entstehen im Jahr rund 63 Millionen Tonnen CO2 weniger. „Das ist die bisher größte Einzelmaßnahme für den Umweltschutz“, erklärt der deutsche Europaabgeordnete Peter Liese, umweltpolitischer Sprecher der christdemokratischen EVP-Fraktion. „Alle vier EU- Vorschriften schreiben technische Verbesserungen vor – der Nutzer der Geräte spart Strom und Geld, ohne sich einschränken zu müssen.“

Erhebliche Energieeinsparungen erwarten die EU-Experten auch durch die Verordnungen zu Fernsehgeräten, Kühlschränken und Umwälzpumpen von Heizungen. Da in der EU der Energieverbrauch von Kühlschränken gekennzeichnet werden muss, haben die Stromfresser bei den Kunden schon jetzt keine Chance mehr. Denn neuere Geräte sind unter anderem besser isoliert – und verbrauchen so deutlich weniger Energie. Mit den schärferen technischen Verbrauchsnormen bei Umwälzpumpen will die EU zudem künftig so viel Strom einsparen, wie man benötigen würde, um Irland ein ganzes Jahr lang zu versorgen (23 Terawattstunden).

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