Zeitung Heute : Verräter oder Märtyrer?

Aus Texten von Walter Jens, der sich mehrfach mit der Figur des Judas beschäftigt hat, entstand eine szenische Lesung

Patrick Wildermann

„Wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten“. So spricht Jesus zu seinen Jüngern, nachzulesen im Johannes-Evangelium. Und den Namen dieses Verräters kennt bis heute beinahe die ganze Welt: Judas. Judas Ischariot. Bloß wäre es möglich, dass dem Mann seit Jahrtausenden Unrecht geschieht. Dass er kein Verbrecher war, sondern ein Märtyrer. Walter Jens hat diesen Gedanken gewagt, in seinem 1975 erschienenen Buch „Der Fall Judas“. Und diese Causa dient nun dem Schauspieler Manfred Zapatka und seinem Kollegen Jürgen Holtz als Vorlage einer szenischen Lesung, die sie bei den Movimentos Festwochen auf die Bühne bringen werden.

Als einen „suchenden Menschen“ müsse man sich Judas vorstellen, findet Zapatka. Und entgegnet auf die Frage, ob er es denn nachvollziehen könne, in ihm einen Märtyrer zu sehen: „Im Sinne von Walter Jens durchaus.“ Um den Plan Gottes zu verwirklichen, habe es schließlich eines sogenannten Verräters bedurft. „Was, wenn es keinen gegeben hätte?“, gibt Zapatka, Jens’ Argumentation folgend, zu bedenken. „Dann wäre alles, was da im Neuen Testament steht, nie passiert. Ohne Verrat keine Kreuzigung Christi, ohne Kreuzigung keine Auferstehung.“ In letzter Konsequenz also: Keine Erlösung der Menschheit. Es ist ein hoch spannendes, komplexes Gebäude aus religiösen und philosophischen Überlegungen, das Jens da entwirft. Eines, das eine Menge Streitfragen provoziert, und das keine simplen Antworten parat hält.

„Ein zentraler Punkt in diesem Zusammenhang“, so Zapatka, „ist natürlich: War Judas ein unwissendes Werkzeug Gottes, oder hat er wissentlich alle Schande der Welt auf sich genommen?“ Und, zu welcher Deutung neigt er selbst? „Wenn ich mir den Text anschaue und ihm glaube – und ich glaube immer an die Texte, die ich mache“, antwortet Zapatka lachend, „dann war Judas einer, der die Schmach in Kauf genommen hat. Mit allen Konsequenzen. Und die wirken ja bis in die Jetztzeit! Manche werfen doch bis zum heutigen Tage den Juden vor, sie seien das Volk, das Christus ans Kreuz geschlagen hat.“ Für den berühmten Judaslohn, die 30 Silberlinge, habe Judas den Verrat sicher nicht begangen, meint Zapatka. Das sei ja zur damaligen Zeit wenig Geld gewesen, „davon konnte man sich höchstens einen abgetragenen Mantel kaufen.“

Der Text wurde Zapatka von Gerhard Ahrens angetragen, dem Movimentos Dramaturgen, mit dem zusammen der Schauspieler schon viele Projekte gemacht hat, auch an der Schaubühne Berlin, wo Zapatka eine zeitlang als Gast engagiert war. „Uns beide“, sagt er, „verbindet ein herzliches Arbeitsverhältnis. Und ich habe mich über diesen Text, den ich vorher gar nicht kannte, sehr gefreut.“

Walter Jens hat sich mehrfach mit der Figur des Judas beschäftigt. Nicht nur in dem fiktiven Bericht „Der Fall Judas“, in dem der Autor als Richter, Verteidiger und Staatsanwalt einen Prozess um die Seligsprechung des vermeintlichen Verräters inszeniert. Sondern auch in dem imaginären Monolog „Ich, ein Jud“, im Untertitel „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ genannt, der sein Werk „Über die Juden und Christen in Deutschland“ einleitet. Aus diesen beiden Texten hat Dramaturg Ahrens die Fassung kompiliert, die Zapatka und Holtz nun in szenischer Lesung vorstellen. Was bedeutet, dass der Text theatralischer belebt wird, als es bei einer gewöhnlichen Autorenlesung der Fall ist. Wie die Dramatisierung genau aussehen wird, weiß Zapatka noch nicht, er befasst sich derzeit erst einmal eingehend mit allen Facetten des Textes.

Sicher ist, dass „Der Fall Judas“ nicht auf einer normalen Bühne, sondern in der Heilig-Geist-Kirche in Wolfsburg vorgetragen wird. Widerstände seitens der Kirche habe es aber, soweit er wisse, nicht gegeben, sagt Zapatka, außerdem: „Der Text gehört doch in einen sakralen Raum.“ Keine Selbstverständlichkeit. Beim Vatikan sah man sich zum Zeitpunkt des Erscheinens durchaus von Walter Jens’ nonkonformen Überlegungen provoziert. Was Zapatka wiederum auch nachvollziehen kann. „Beide, Jesus und Judas, sind ja, wenn man so will, Täter. Und dazu stehen sie bei Jens auch ganz offen. Der eine ist der Täter, der die Tat, den Verrat begeht. Und der andere ist derjenige, der sagt: Du musst es leider für mich machen, damit der Plan Gottes sich erfüllen kann.“ Man könne sich ja vorstellen, meint Zapatka, dass der Vatikan eine solche Sicht auf Jesus und Judas bis heute nicht begrüße.

Zapatka indes scheint ein Schauspieler ohne Berührungsängste zu sein. Immer wieder wirkt er beispielsweise an den herausfordernden Filmarbeiten eines Romuald Karmakar mit, so in „Das Himmler-Projekt“ und in „Hamburger Lektionen“, einem dokumentarischen Projekt über die Hasspredigten eines Hamburger Imams. Vor streitbaren Figuren schreckt Zapatka nicht zurück. Jürgen Holtz wird bei der Lesung in Wolfsburg den Prozessbevollmächtigten geben, der den Prozess über Judas’ Seligsprechung begleitet. Und Manfred Zapatka, selbstverständlich, den Judas. Patrick Wildermann

Der Fall Judas. Szenische Lesung. 3.5., 20 Uhr, Heilig-Geist-Kirche Wolfsburg

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