Zeitung Heute : Verraten und verkauft

Ausstellung: Wie Nazis Berliner Juden vertrieben

Christoph Kreutzmüller Kaspar Nürnberg

„Am 10.11.1938, ungefähr um zwei Uhr nachmittags drang ein Trupp junger Leute in das verbarrikadierte Geschäftslokal, zertrümmerte die Kristallschiebetür aller Stellagen, die eingelegten Glasplatten, alle Spiegel und alles Glas. Alle Waren wurden aus den Schränken gerissen, im Lokal zerstreut und auf den Waren und den darauf liegenden Glasscherben von 3 Uhr nachmittags bis abends ungestört herumgetreten. Alle Beleuchtungsgegenstände wurden zerschlagen, die Stellagen zum Teil gänzlich demoliert, zum Teil die Türen aus den Angeln gebrochen. Es ist von der Einrichtung fast nichts ganz geblieben. Fast die ganzen weißen Hemden wurden in den Kohlenkasten geworfen. Auf die zwischen Glas zerstreuten und zertretenen Waren wurde eine Flasche Metallputzzeug gegossen, rohe Eier dazwischen geworfen und teilweise durch Blut die Waren besudelt.“

Diese Verbalnote der tschechoslowakischen Botschaft am Beispiel des Herrenausstatters Hermann & Kovacs am Kurfürstendamm 30 beschreibt die Zerstörungswut von SA, SS und Sympathisanten in der Pogromnacht vom 9. November 1938. Sie zerstörten nicht nur Geschäfte, Gebäude und Synagogen. Während des Pogroms ermordeten die Schergen auch Menschen oder trieben sie in den Tod. Kurze Zeit später wurde per Verordnung die endgültige Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit eingeleitet. Das Schicksal von jüdischen Unternehmern im Berlin dieser Zeit zu zeigen, ist das Ziel der Ausstellung „Verraten und Verkauft“, die in diesem Semester im Foyer des Hauptgebäudes zu sehen ist. Historiker der Humboldt-Universität haben sie gemeinsam mit dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. erarbeitet.

Unbekannt ist, wie viele jüdische Unternehmen 1938 noch in Berlin bestanden und wie hoch die Gesamtzahl im Jahr 1933 war. Dies zu untersuchen, ist ein Ziel des seit fast drei Jahren am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der HU durchgeführten Forschungsprojekts „Ausgrenzungsprozesse und Anpassungsstrategien. Mittlere und kleinere jüdische Gewerbeunternehmen in Berlin 1930/31-1945“. Dieses Projekt verfolgt ein dokumentarisches und ein analytisches Ziel. Erstens sollen die Grunddaten mittlerer und kleiner jüdischer Unternehmen in Berlin erfasst, in einer Datenbank gespeichert und Wissenschaftlern wie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zweitens soll eine monografische Studie erstellt werden, die diese Daten wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtlich interpretiert. Parallel hierzu werden am Lehrstuhl für Zeitgeschichte auch jüdische Unternehmen in Breslau und Frankfurt/Main erforscht, so dass sich hier interessante Vergleichsperspektiven öffnen.

Ausgehend von einer Gesamtaufnahme aller veröffentlichten Veränderungen des Berliner Handelsregisters zwischen 1931 und 1941 konnten bislang die Grunddaten von mehr als 5 600 jüdischen Unternehmen, die im Berliner Handelsregister angemeldet waren, rekonstruiert werden. Doch die spröden Angaben der Handelsregistereintragungen lassen allzu leicht vergessen, dass sich hinter jedem Unternehmen konkrete menschliche Schicksale verbergen.

In der Ausstellung wird deshalb die Geschichte von sechzehn Unternehmen erzählt, um exemplarisch die Breite jüdischen Gewerbetreibens in Berlin sowie die Formen der Entrechtung und des Widerstehens der Verfolgten aufzuzeigen.

Das Augenmerk liegt dabei auf besonderen, noch unerzählten Geschichten. So wird über die Butterhandlung der Gebrüder Weinberger berichtet, die 1935 unter Druck geriet, nachdem sich ein ausländischer Investor aus dem Unternehmen zurückgezogen hatte. Die Brüder Adolf, Israel und Salomon Weinberger versuchten zwar, sich unter den Schutz der polnischen Botschaft zu stellen, dies konnte den Untergang aber nur verzögern. Angesichts eines Lieferboykotts mussten sie zuerst ihre lukrative Einzelhandelskette Thürmann weit unter Wert verkaufen. Während die Brüder wegen vorgeblichen Etikettenschwindels inhaftiert waren, wurden dann der gesamte Fuhrpark und die Lagerbestände gestohlen. Der Polizeipräsident verbot ihnen, ihr Unternehmen weiter zu betreiben und zwang die Brüder so bereits 1936 zur Aufgabe – ein Beispiel unter Tausenden in dieser Zeit.

Die Ausstellung „Verraten und Verkauft“ wird am 23. Oktober um 20 Uhr im Senatssaal der Humboldt-Universität eröffnet und ist bis zum 29. November im Foyer des Hauptgebäudes zu sehen.Christoph Kreutzmüller/Kaspar Nürnberg

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