Zeitung Heute : Verreisen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Drei Monate lang hatte ich die Stadt nicht verlassen, ein Vierteljahr, so lange war ich noch nie am Stück an einem Ort. Es war fast wie im alten West-Berlin, als es so umständlich war, irgendwohin zu gelangen, dass man sich das lieber gleich sparte. Am Freitag sollte sich das wieder ändern, da wollte ich nach Köln. Wär’ ich mal lieber zu Hause geblieben. Statt zu fahren, blieb ich nämlich stehen. Erst in Spandau, dann vor Bielefeld, hinter Dortmund und in Gelsenkirchen und wo sich sonst ein freies Plätzchen auf freier Strecke ergab.

Dabei hatte ich noch Glück, ich war ja erst Freitagmorgen in den Zug gestiegen und nicht, wie viele im Abteil, schon am Donnerstag. Ihre Stimmung konnte das nicht trüben, aufgekratzt und heiter erzählten sich die Reisenden ihre Eisenbahn- und Lebensgeschichten. Eine junge Frau hatte im Zug übernachtet, ein junger Mann im Hotel, eine Frau musste, mit geliehenem Handy, eine Vertretung für ihr neues Café finden, einen Einfraubetrieb, der Schwiegervater meines Nachbarn, hab’ ich von diesem erfahren, war nachts in Leipzig gestrandet, und der Sohn der Frau hinter mir will nach Kanada auswandern. Ein Düsseldorfer war beleidigt, weil er jetzt womöglich nach Köln fahren musste, von Köln halten die Düsseldorfer nicht viel, ein Inder, der am Donnerstag von Gießen nach Köln zur Möbelmesse wollte, war immerhin schon in Frankfurt gelandet, als er einem bösen Menschen begegnete, der ihm sagte, er solle bloß nicht auf die Durchsagen der Bahn hören, auf die sei gar kein Verlass, sondern mit ihm in den Zug nach Berlin steigen, und so fuhr der arme Inder von Gießen über Frankfurt nach Berlin und von dort nach Köln, wo er am Freitag abends um sechs ankam, als die Messe, auf die wir beide wollten, gerade ihre Hallen schloss.

Warum bin ich eigentlich weggefahren?

Die Messe war dann weniger aufregend als die zehnstündige Reise. Wie die „FAZ“ so treffend zusammenfasste: der neue Trend dort hieß Normalität.

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