Zeitung Heute : VERRENKTER KÖRPER IN VERRENKTER SPRACHE

Küchler: Hat Roche Sie schockiert?

Scheck: Eher die Sprache verschlagen.

Ich finde die Strategie ihrer Interviews raffiniert. Alle Kritiker abseits stellen: Wem’s nicht gefällt, der ist eben verklemmt.

Noch nie hat eine Frau so offen über Blut, Scheiß und Samen geschrieben.

Aber vermutlich hat auch noch nie ein Einäugiger aus Moabit so offen über Blut, Scheiß und Samen geschrieben. Brauchen Frauen einen literarischen Behindertenbonus?

Ich weiß nicht, ob sie ihn brauchen. Ich weiß nur, dass Sie ihn haben. Wenn statt Wonneproppen Charlotte Roche ein Schmierlapp wie Hermes Phettberg auf dem Cover stünde, wäre „Feuchtgebiete“ sicher nicht auf der Bestsellerliste.

Bloß: Warum ist das so lausig geschrieben? „Ich benutze mein Smegma wie andere ihre Parfümflakons.“ Tatsächlich will Roche ihre Heldin sagen lassen: „Ich benutze mein Smegma wie andere ihr Parfüm“ – und dazu bedarf es weder des Plurals noch eines Flakons. Höchstens benutzt sie ihre Muschi wie andere ihren Flakon.

Und so geht das weiter. Im folgenden Satz wählt Roche das falsche Tempus: „Mit dem Finger kurz in die Muschi getunkt und etwas Schleim hinters Ohrläppchen getupft und verrieben.“ Präsens wär’s gewesen, außerdem stimmt die Konstruktion nicht: Man zeigt zwar mit dem Finger auf nackte Leute und legt den Finger in die Wunde, ganz sicher aber tunkt man nicht mit dem Finger in die Muschi. Richtig müsste es also heißen: „Den Finger kurz in die Muschi tunken und etwas Schleim hinters Ohrläppchen tupfen und verreiben.“

Dies ist ein Buch der verrenkten Körper in verrenkter Sprache: „Freischwebend zu pinkeln“ – wie macht man das außerhalb einer Raumstation? Wie sieht man wohl „in einer stehenden Hockhaltung“ aus? Und sieben Muschis in 22 Zeilen …

Klarer Fall einer Anadiplosis!

So mögen das Rhetoriker nennen, ich nenne das Einbläuen.

Aber sind solche Mäkeleien am Stil angesichts des Stoffs dieses Romans nicht schlicht Korinthenkackerei?

Womit wir beim Thema von „Feuchtgebiete“ wären: Scheidungskind mit Neigung zu Hämorrhoiden und Vorliebe für Analsex hält flammendes Plädoyer wider den allgegenwärtigen Hygieneterror.

Ich jedenfalls bin beeindruckt von Charlotte Roches Mut, ihre Heldin nicht einfach die hunderttausend Wahrheiten des gesellschaftlichen Konsenses von Dosenpfand bis Pendlerpauschale nachbeten zu lassen. Hier erobert eine Schriftstellerin neues Terrain. Hier definiert eine Stimme ihr Thema. Hier schafft sich ein Bewusstsein einen eigenen Raum.

Ganz sicher will Roche sich mit diesem Roman in eine Reihe mit den großen Provokateuren von de Sade bis Elfriede Jelinek stellen. Bloß kommt sie nicht über die Pipi-Kacka-Sprache eines Kreuzberger Kinderladens hinaus. Einmalig an diesem Buch ist höchstens der unbedingte Wille zur infantilen Regression: Die Heldin Helen Memel ist 18, spricht aber wie eine Dreijährige, die vom Höschen aufs Stöckchen kommt – Roches Roman könnte auch „Rotzköpfchens Abenteuer“ heißen.

Genau hier liegt das Problem: Wer den Sprachlosen eine Sprache geben will, sollte über sie verfügen. Sowohl klug scheißen wie klugscheißen will eben gelernt sein, Frau Roche!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben