Zeitung Heute : Verrückt nach dem Töten

Die Weihnachtsmarkt-Bombe von Straßburg – das Urteil

Frank Jansen[Frankfurt am Main]

Von Frank Jansen,

Frankfurt am Main

Er sieht aus wie ein Freak, der gerne in Woodstock getanzt und gekifft hätte. Die üppige, schwarze Lockentracht geht über in einen wallenden, genauso dunklen Vollbart. Der Oberkörper steckt in einem Armeeparka, den eine Art grober Pferdegürtel samt dicker Schnalle zusammenschnürt. Als habe er einen Beatrhythmus im Kopf, wippt Lamine Maroni vor und zurück, lächelt dann, kneift die Augen zusammen, spitzt die Lippen. Doch hier ist nicht Woodstock. Die Hände des Algeriers sind in Handschellen. Als im streng gesicherten Saal II des Frankfurter Oberlandesgerichts die Richter erscheinen, steht Maroni nicht auf. Auch die Angeklagten Fouhad Sabour und Salim Boukhari bleiben sitzen. Nur Djillali Benali hat sich erhoben, zum Schlussakt in einem Prozess gegen den islamistischen Terror.

Nach 44 Verhandlungstagen verkündet der Vorsitzende Richter Karlheinz Zeiher das Urteil. Die Stimme wie immer monoton, doch das Erschrecken über die kriminelle Energie der Angeklagten ist nicht zu überhören. Sie wollten im Dezember 2000 „auf dem friedlichen Straßburger Weihnachtsmarkt ein verheerendes Blutbad herbeiführen“, sagt Zeiher. „Sie haben eine an Schwere, Verwerflichkeit und Brutalität kaum noch zu überbietende Straftat verabredet.“ Und Zeiher, der so beharrlich einen höflichen Umgang mit den Angeklagten versuchte, präsentiert Haftstrafen zwischen zehn und zwölf Jahren, die zum Teil noch härter sind als von der Bundesanwaltschaft gefordert.

Jeder Angeklagte demonstriert schon äußerlich, wie er zu dem Horrorplan steht, den der französische Geheimdienst und die deutsche Polizei im letzten Moment durchkreuzt haben. Zurechtgemacht wie das Klischee des Islamisten sitzen drei von ihnen auf der Bank. Maroni trägt seinen Kampfdress, Boukhari ist mit einer Betkappe erschienen, Sabour auch, er streicht sich über den langen, schwarzen Bart. Nur der dickliche Djillali Benali, der Ende Februar plötzlich ein Geständnis abgelegt hat, gibt sich gewohnt „europäisch“: Kurzhaarschnitt mit ausrasiertem Nacken, dünnes Longjacket aus schwarzem Leder, schwarze Hose mit Bügelfalte.

Als Frankfurter Beamte und die des Bundeskriminalamts am Abend des ersten Weihnachtstages 2000 die vier Algerier festnahmen, fehlte nicht mehr viel für das geplante Fanal des Schreckens. Die in Afghanistan trainierten Gotteskrieger hatten reichlich Chemikalien für den Sprengstoffmix, zusammengekauft in deutschen Apotheken, und zwei Zünder. Nahe der französischen Grenze waren zwei Wohnungen gemietet. Sabour und Boukhari hatten am 23. Dezember in Straßburg den Weihnachtsmarkt ausgekundschaftet. Mit einem Camcorder nahm Boukhari gezielt Stände auf, an denen sich viele Menschen drängten. Seine in dem Video zu hörenden Kommentare künden von der Absicht, wahllos zu morden: „Da sind die Feinde Gottes. Sie werden in der Hölle schmoren.“

Es fehlte nur noch an der passenden Bombenhülle. Benali hatte in Afghanistan den Bombenbau mit Schnellkochtöpfen gelernt. Doch die deutschen Stahltöpfe erschienen ihm zu schwer. So orderte er in London bei der Gruppe um den mutmaßlichen Al-QaidaMann Abu Doha einen leichten pakistanischen Schnellkochtopf. „Damit war eine größere Anzahl tödlicher Splitter zu erwarten“, sagt Zeiher, „das hatte in Afghanistan immer gut funktioniert.“ Benali, Sabour und Boukhari haben jedoch im Prozess behauptet, sie wollten mit der Kochtopfbombe den massiven Betonkomplex der Straßburger Synagoge nach dem Samstagsgebet sprengen und niemanden töten. Zeiher legt Verachtung in seine Stimme: „Diese Einlassungen sind so absurd, unschlüssig und unglaubhaft, dass es fast keines Kommentares bedarf.“

Knapp zwei Stunden braucht Zeiher, doch am Ende wirkt er nicht erschöpft, vielmehr unerwartet aufgewühlt. „Es sollten alle froh sein, dass das geplante Blutbad nicht angerichtet wurde.“ Der Richter beugt sich vor. „Ich denke, unser aller Gott hat das auch nicht gewollt und verhindert.“ Sabour hebt kurz die Augenbrauen, dann klicken die Handschellen. Boukhari und Benali geraten aneinander, auf Arabisch. Streiten sie sich über Benalis Geständnis? Maroni bleibt entrückt. Seine Freakshow endet mit einem Grinsen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar