Zeitung Heute : Versagte Hilfe

Christoph Marschall[New Orleans]

Eine Kommission des US-Repräsentantenhauses hat eine vernichtende Bilanz der Katastrophenhilfe nach dem Hurrikan „Katrina“ gezogen. Könnte diese Kritik für US-Präsident Bush gefährlich werden?


Der Bericht des Abgeordnetenhauses über den Umgang der US-Regierung mit Hurrikan „Katrina“ Ende August 2005 erhöht zumindest den Druck auf Präsident George W. Bush, weitere personelle Konsequenzen zu ziehen. Bisher hatte das Versagen nur den Chef der Katastrophenhilfe, Michael Brown, den Job gekostet. Nun fordern namhafte Demokraten die Entlassung des Ministers für Heimatschutz, Michael Chertoff.

Der 600 Seiten umfassende Bericht wird am Mittwoch offiziell veröffentlicht. Mehrere Medien zitieren bereits aus einer 60-seitigen Zusammenfassung. Die Kritik hat umso mehr Gewicht, als sie aus den Reihen der Republikaner kommt. Die Demokraten hatten die Untersuchung durch eine elfköpfige Kommission mit der Begründung boykottiert, sie diene parteilichen Interessen mit dem Ziel, die Bush- Regierung „reinzuwaschen“. Der Senat und das Weiße Haus haben eigene Untersuchungen eingeleitet. Der Bericht konzentriert sich auf „falsche Einschätzungen“ und das „passive Abwarten“ enger Bush-Mitarbeiter und kommt zu dem Schluss: „Ein früheres Eingreifen des Präsidenten hätte zu schnellerer Hilfe geführt“ und „viele Menschenleben retten können“. Regierungsstellen hätten „spät, ineffektiv oder gar nicht gehandelt“.

Der Hurrikan hatte große Teile der US-Küste am Golf von Mexiko verwüstet und viele Viertel der Stadt New Orleans zerstört. Der Bericht betont, die Zwangsevakuierung der Stadt sei zu spät eingeleitet und erst mit zwei Tagen Verzögerung der nationale Notstand ausgerufen worden. Präsident Bush hatte diese Tage im Urlaub auf seiner Ranch in Texas verbracht. „Katrina“ hatte New Orleans am letzten Augustwochenende getroffen. Bereits am folgenden Montag hatte die Küstenwache nach Rettungsflügen mit neun Hubschraubern und zwei Flugzeugen berichtet, dass Dämme gebrochen seien und die Stadt weitgehend unter Wasser stehe. Diese Informationen wurden im Weißen Haus aber nicht verarbeitet. Noch am Dienstag sprach Bush davon, New Orleans sei gerettet worden.

Knapp sechs Monate danach leben in New Orleans weniger als die Hälfte der früher 480 000 Einwohner. Die Folgen des Hurrikans haben die Bevölkerungsstruktur verändert. Früher waren 75 Prozent der Einwohner Schwarze, jetzt sind die Weißen in der Mehrheit. Eine Studie der Brown-Universität prognostiziert, dass 80 Prozent der Schwarzen nicht zurückkehren. Im Moment bereitet sich die Stadt auf den Mardi Gras in zwei Wochen vor und hofft, dass der Karneval wie früher viele Touristen anziehen und der Wirtschaft einen Schub geben wird.

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