Zeitung Heute : Versionen der Wirklichkeit

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Absicht oder Unfall – nach der Heimkehr der im Irak entführten Giuliana Sgrena sind die Hintergründe des Beschusses ihres Wagens durch USSoldaten weiter strittig. Welche politischen Folgen könnte der Streit haben, wenn sich die eine oder die andere Version bestätigen sollte?

Das Drama verführt zu Spekulationen. Gerüchte entstehen, Verdächtigungen. Noch ist unklar, was genau am Freitagabend gegen 20 Uhr 55 vor dem Flughafen von Bagdad geschah. War es ein tragischer Unfall, schossen die US-Soldaten ohne Not und aus grober Fahrlässigkeit, oder sollte die italienische Journalistin Giuliana Sgrena gar gezielt ermordet werden? Sie selbst und ihr Lebensgefährte, Pier Scolari, nähren die dritte Theorie. Das macht die Sache pikant.

Bei dem Beschuss, schrieb Sgrena am Samstag in ihrer Zeitung „Il Manifesto“, sei ihr eine Bemerkung ihrer Entführer durch den Kopf gegangen. Diese hätten ihr einmal gesagt: „Es gibt Amerikaner, die nicht wollen, dass du zurückkehrst.“ Am Sonntag wurde sie in mehreren TV-Interviews noch präziser. „Jeder weiß, dass die Amerikaner nicht wollen, dass Geiseln durch Verhandlungen befreit werden.“ Deshalb schließe sie nicht aus, „dass ich ihr Ziel war“. Auch Scolari, ihr Freund, geht von einem Attentat aus. Die Soldaten hätten den Wagen absichtlich beschossen, sagte er. Die Journalistin habe „Informationen“ gehabt, „und die amerikanischen Militärs wollten nicht, dass sie lebend da herauskommt“. Der angebliche Unfall sei ein „Hinterhalt“ gewesen.

Selbst Teile der italienischen Opposition übernahmen die Attentatsthese. Kein Wort der US-Version sei zu glauben, sagte Oliviero Diliberto von der Kommunistischen Partei. Es gebe einen Versuch, das tatsächliche Geschehen zu verschleiern. „Die Amerikaner haben absichtlich auf die Italiener gefeuert.“ Das indes bezweifelt ausgerechnet der italienische Geheimdienst. Hätten die USA ein Motiv gehabt, Sgrena zu töten, sagten Agenten, hätten sie diese schmutzige Arbeit von gedungenen Irakern erledigen lassen.

Die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Ablaufversionen ist groß. Die 3. Infanteriedivision in Bagdad gab nur eine kurze Erklärung ab. Das Fahrzeug, mit dem Sgrena im Schutz von italienischen Spezialagenten zum Flughafen gebracht werden sollte, sei mit hoher Geschwindigkeit auf eine Straßensperre zugefahren. Diverse Aufrufe zum Bremsen, wie Hand- und Lichtsignale sowie Warnschüsse, seien ignoriert worden. Daraufhin habe man das Feuer eröffnet. Die Straße zum Flughafen gilt als eine der gefährlichsten im Irak. Zahlreiche Anschläge wurden auf ihr verübt. Noch am Sonnabend leitete das US-Militär eine Untersuchung ein.

Laut Sgrena wiederum ist ihr Auto „unter diesen Umständen“ nicht sehr schnell gefahren. Die Kugeln seien nicht von einem Kontrollpunkt aus abgefeuert worden, sondern von einer Patrouille. Unklar ist, ob die Amerikaner von den Italienern über die Ankunft Sgrenas am Flughafen informiert worden waren. Scolari sowie italienische Regierungskreise behaupten das. Der Wagen habe auf dem Weg zum Flughafen sogar einen Kontrollposten passiert. Beim wartenden italienischen Militärflugzeug habe außerdem ein hochrangiger amerikanischer Offizier gestanden.

Welche Version ist wahr? Welche setzt sich durch? Davon hängt ab, ob die Tragödie zu einem Zwist zwischen Rom und Washington führt. An Sgrenas Schicksal hatte die ganze Nation teilgenommen. Nun droht der Streit zwischen Regierung und Opposition über den Rückzug der knapp 3000 Mann starken Truppe im Irak wieder aufzulodern. Allerdings ist die Opposition gespalten. Das Mitte-Links-Lager um Romano Prodi ist gegen einen Rückzug, die radikalen Kriegsgegner sind dafür. Auf Regierungschef Silvio Berlusconi indes warten schwierige Zeiten. Er stand immer eng an der Seite von George W. Bush. Das könnte ihm nun, im Empörungsüberschwang, verübelt werden – im April stehen Regionalwahlen an.

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