Zeitung Heute : Versteckt in der Statistik

Im Mai waren in Deutschland offiziell 3,28 Millionen Menschen ohne Job. Doch im Umfeld der Bundesagentur für Arbeit werden Änderungen der Statistik gefordert, um sie aussagekräftiger zu machen. Wie viele Arbeitslose gibt es wirklich?

Yasmin El-Sharif

Wie entwickelt sich zurzeit die Lage auf dem Arbeitsmarkt?



Der deutsche Arbeitsmarkt steht weiterhin gut da. Trotz Finanzkrise, hoher Energiepreise und starkem Euro. Die Zahl der Menschen ohne Job ist im Mai erneut gesunken – und zwar um 131 000 auf rund 3,3 Millionen. So niedrig war die Arbeitslosenzahl zuletzt vor etwa 15 Jahren. „Die Beschäftigung wächst weiter und die Nachfrage nach Arbeitskräften bewegt sich auf hohem Niveau“, sagt auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise. In fast allen Branchen wird ihm zufolge weiterhin Personal gesucht, vor allem in der Transport- und Logistikbranche, in der Energiewirtschaft und im Gesundheitswesen. Nur im öffentlichen Dienst, bei Banken und Versicherungen gebe es Entlassungen. Ein weiterer Hinweis auf die gute Lage am Arbeitsmarkt ist die Zahl der Erwerbstätigen. Sie stieg von März auf April um 187 000 auf 40,11 Millionen. Und nicht zuletzt macht sich der positive Trend auch in der Hauptstadtregion bemerkbar: In Berlin und Brandenburg sank die Zahl der Arbeitslosen auf 415 840. Das waren rund 55 500 weniger als vor einem Jahr. Mit einer Quote von 13,7 Prozent ist die Erwerbslosigkeit in der Region allerdings nach wie vor sehr hoch. Zum Vergleich: In Bayern und Baden-Württemberg liegt sie aktuell bei 4,1 Prozent.

Welche Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich langfristig ab?

Rosarot sieht die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt trotzdem nicht aus. Im Mai war erstmals zu sehen, dass sich das Tempo beim Abbau der Arbeitslosigkeit verlangsamt hat. Der Rückgang fiel in diesem Monat geringer aus als im Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Und auch die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl, bei der die jahreszeitlichen Effekte mit eingerechnet werden, stieg erstmals seit langem wieder um 4000. BA-Chef Weise versucht jedoch zu beschwichtigen. Weil der Winter besonders mild gewesen sei, seien auch weniger Leute entlassen worden als sonst üblich, sagt er. Dementsprechend sei die Frühjahrsbelebung in diesem Jahr schwächer ausgefallen als in anderen Jahren. „Was wir sehen, ist, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit weitergeht, aber nicht mehr in dem Maße wie im Vorjahr“, sagt Weise. Die Nürnberger Behörde rechnet daher auch damit, dass die Arbeitslosigkeit im Jahresschnitt nicht höher als bei 3,43 Millionen liegen dürfte. Im Herbst könnte sie sogar zeitweise auf unter drei Millionen sinken. Die Bundesregierung ist noch optimistischer. Ihren Prognosen zufolge wird die Zahl der Menschen ohne Job im Jahr 2008 durchschnittlich bei 3,27 Millionen liegen. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hält es weiterhin für möglich, das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. In der kommenden Zeit könne Schritt für Schritt erreicht werden, „dass niemand, der seinen Job verliert, länger als ein Jahr ohne neuen Arbeitsplatz sein muss“, sagt der Minister.

Wie aussagekräftig sind die offiziellen Arbeitslosenzahlen?

Die Mehrheit der Arbeitsmarktexperten ist sich einig darin, dass die aktuelle Arbeitslosenstatistik nicht das volle Ausmaß der Erwerbslosigkeit zeigt. Neben den 3,28 offiziell ausgewiesenen Arbeitslosen gibt es noch rund 1,5 Millionen Menschen, die in der Zählung nicht auftauchen – obwohl sie sich vermutlich selbst als arbeitslos bezeichnen würden. Darunter sind zum Beispiel Ein-Euro-Jobber oder Menschen, die an Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen. Daneben gibt es noch etwa 625 000 Menschen, die zur „stillen Reserve“ gerechnet werden. Das sind Personen, die sich nicht bei der BA melden, zum Beispiel weil sie sich gar keine Chancen auf eine Stelle ausrechnen. Zählt man alle zusammen, dürften aktuell rund fünf Millionen Menschen arbeitslos sein. Selbst bei der BA wird eingeräumt, dass die Daten nicht uneingeschränkt aussagekräftig sind. Ihr stellvertretender Verwaltungsratschef Peter Clever fordert, künftig auch Teilnehmer von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen mitzuzählen. BA-Chef Weise verweist allerdings auf alte statistische Zeitreihen, die dann hinfällig würden. Und selbst der DGB lehnt die Forderung ab. „Die BA-Statistik ist transparenter als die in anderen Ländern“, sagt Wilhelm Adamy aus dem DGB-Bundesvorstand. Denn immerhin würden Teilnehmer an Maßnahmen im Monatsbericht aufgeführt – nur nicht in der eigentlichen Arbeitslosenzahl.

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