Zeitung Heute : Versteckte Spurensuche

Man kann spazieren gehen, Autofahren oder Tanzen gehen - und die Chancen stehen gut, daß es niemand merkt. Wer sich aber im Internet bewegt, hinterläßt Spuren - immer. Und nicht nur die US-Polizei macht sich dies in einer rasch wachsenden Zahl von Fällen zunutze. Ausgerüstet mit Durchsuchungsbefehlen schaut sie sich die Online-Aktivitäten von Verdächtigen an, beschlagnahmt Beweise bei Internet-Providern und sichert Material, von dem die Betroffenen nie geahnt hätten, daß es in die Hände der Polizei gelangen könnte.

Unverschlüsselte Privat-Mails zwischen Verliebten, Drohschreiben von Rachsüchtigen, Alias-Namen in Chat-Rooms, es gibt nichts, was nicht offenbar werden könnte. "Wenn jemand das Gesetz bricht, kann das aufgedeckt werden", sagt Ron Horack von der Polizei im Bezirk Loudoun im US-Staat Virginia. Er hilft seinen Kollegen aus den ganzen Vereinigten Staaten bei der Bewilligung von Durchsuchungsbefehlen für den in diesem Bezirk ansässigen Online-Dienst America Online (AOL), dem mit rund 18 Millionen Mitgliedern weltweit größten Internet-Provider.

"Ich weiß, wer du bist und wo du wohnst", hieß es in der Haß-Mail eines anonymen Bedrohers an ein zwölfjähriges Mädchen. Die Polizei könnte das gleiche über den Täter sagen. Mit einem Blick in die Unterlagen der Provider kann sie sagen, wer jemanden bedroht und wo er wohnt. Dies kommt sicher einer effektiven Strafverfolgung zugute, wirft aber auch Fragen zum Schutz der Privatsphäre auf. "Sie ist in Gefahr", sagt Marc Rotenberg, Direktor des Electronic Privacy Information Center (Epic). Seiner Forderung, daß sich die Polizei aus der privaten Kommunikation heraushalten sollte, hält Horack entgegen: "Wenn jemand das Internet benutzt, um Straftaten zu begehen, dann benutzen wir das Internet, um ihn zu kriegen."

AOL-Sprecher Rich D&Amato bestätigt, daß seine Firma schon lange mit der Polizei zusammenarbeitet. Rechtlich ist dies auch durch den Nutzungsvertrag abgesichert, in dem steht, daß AOL keine Daten seiner Kunden weitergibt, es sei denn im Rahmen eines "gültigen rechtlichen Vorgangs". Ähnliche Klauseln finden sich bei fast allen Providern oder den Anbietern von E-Mail-Adressen wie Hotmail oder auch Yahoo im Kleingedrucktem, das aber kaum jemand liest.

Wenn also ein Ehepartner eine geheime Liebesbeziehung auch über E-Mails mit einem anonymen "Heart4U" (Mein Herz gehört Dir) pflegt, dann sollte er sich nicht wundern, wenn dessen Identität im Rahmen eines Scheidungsprozesses vielleicht enthüllt wird. Für Bürgerrechtler und die Anwälte des Rechts auf Privatsphäre gehen viele der Aktivitäten der Ermittlungsbehörden im Internet zu weit. "Online werden einfach viel mehr Dinge festgehalten, als dies im normalen Leben überhaupt möglich wäre", sagt Rotenberg.

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