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Die Kanzlerfrage – wie es zu der Umfragepanne bei Forsa kam

Deike Diening

Wie konnte das nur passieren? Forsa-Chef Manfred Güllner sitzt in einem Konferenzzimmer unter dem Dach seiner Zentrale in Berlin-Mitte. Er zuckt nicht mal mit den Achseln. Er wirkt überhaupt nicht wie jemand, der eine riesige Peinlichkeit zu erklären hat.

Güllner, ausgebildeter Sozialforscher, von dem man sagt, er stehe dem Kanzler nahe, ist letzte Woche zurückgerudert. Sein Institut hatte Unsinn produziert. 51 Prozent der Deutschen hieß es in einer Studie, wüssten nicht, dass Gerhard Schröder Bundeskanzler ist. Und nur 46 Prozent würden das Amt von Joschka Fischer kennen. Alarm! Kann das sein? Erst als der „Spiegel“ die Ergebnisse meldete – „der hat sich völlig korrekt verhalten, die Zahlen kamen ja von uns“ –, da zuckte Güllner in seinem Büro zusammen. Da setzte er „interne Recherchen“ in Gang. Und fand den Fehler: Die wissenschaftlichen Mitarbeiter hatten zwar korrekt ihre Antworten ausgezählt, aber gerade deshalb, vor lauter Korrektheit, falsch gelegen. Tatsächlich, so die beruhigende Nachricht, wüssten 80 Prozent der Deutschen, wer ihr Kanzler sei. Nur ziehen die es anscheinend vor, ihn nicht „Bundeskanzler“ zu nennen.

Man müsse dazu zweierlei wissen, sagt der Forsa-Chef. Einerseits hätten die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die solche Studien auswerten, ja nicht etwas Falsches gemacht, sondern seien „hyperkorrekt“ gewesen: Nur „Bundeskanzler“ werteten sie als Treffer. Vielleicht tut Güllner deshalb so, als sei ihm die Sache kaum peinlich. Weil Demoskopen Korrektheit als Lob empfinden. Zum anderen sei die Studie ja nie von einem Kunden in Auftrag gegeben worden. Sondern war ursprünglich dazu da, auf einem Teffen des Bundesverbands der Deutschen Marktforscher im Mai einen Vortrag zum „Politiker als Marke“ mit Zahlen zu unterfüttern.

Das sind Zahlen, die mit Forsas neuer Erhebungstechnik OmniNet ermittelt wurden. Erst seit Beginn 2002 einsatzbereit. In Deutschland seien Forsa die Einzigen mit der Technik. Da ruft nicht mehr jemand ungefragt und ungelegen bei einem an, sondern da sind 10000 Haushalte per Box auf dem Fernseher ans Internet angeschlossen. Da lassen sich auch Bilder auswerten.

Man kann sich gut vorstellen, wie das abgelaufen ist. Da waren sie also online, die 1630 Haushalte, nach den Gesetzmäßigkeiten der Demoskopen rekrutiert – „die Dummen und die Schlauen, die Armen und die Reichen, die Alten und die Jungen“. Sie saßen zu Hause auf der Couch und befanden, die Zeit sei reif für eine Befragung. Als die Ausgewählten sich einwählten, die schwarze Tastatur auf den Knien, da wurden ihnen die ersten Cents gutgeschrieben als Aufwandsentschädigung, und als sie zu der Frage kamen, welches Amt Schröder innehatte, wurden sie womöglich übermütig, so mit sich und dem Bildschirm allein. So ganz ohne die Autorität eines Interviewers in der Telefonleitung. Es wurde ihnen lustig zumute, und sie schrieben Dinge in das vorgesehene Textfeld, die nicht „Bundeskanzler“ waren. Sie schrieben „Bundeskanzlerlehrling“, „Hausmeister der Waschmaschine“, und Angela Merkel war die „Gespielin von Bush“. Man kann sich vorstellen, wie das funktioniert. Es ist menschlich. Operationalisierbar waren die Antworten offenbar nicht. Meinungsforscher arbeiten humorfrei.

Wäre es nicht möglich, dass diese Interviewsituation die Befragten zu Tollereien animiert? Das könne durchaus so sein, gibt Güllner zu. Jedes Instrument habe da seine besondere Charakteristik. Aber das sei ja gerade von Vorteil, man würde so viel mehr erfahren von den Interviewten. Güllner schwört auf die Couchbefragung – trotz Panne. Die habe nämlich in der Auswertung gelegen und nicht in der Methode. Hätte es für diese Studie einen Auftraggeber gegeben, dann wäre das nicht passiert. Dann hätte ein Abschlussbericht angefertigt werden müssen. Verschiedene Leute hätten über die Ergebnisse geguckt. Es wäre jemandem aufgefallen.

Alle Meinungsforscher produzieren Zahlen am laufenden Band. Den Kaffeesatz der Gesellschaft, sozusagen. Aber die Herausforderung ist, in ihm zu lesen.

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