Zeitung Heute : Verstört, von Selbstekel geprägt

Michael Burucker

Man ist geneigt, die schonungslose Darstellung des sexuellen Missbrauchs eines 12jährigen Mädchens durch nahezu alle Erwachsene, mit denen es zu tun bekommt, für übertrieben zu halten. Der britische Regisseur Peter Kosminsky weist im Vorspann zu seinem mehrfach preisgekrönten Fernsehfilm "Gestohlene Kindheit" (Arte, 20 Uhr 45) allerdings darauf hin, dass die Leidensgeschichte seiner Filmfigur Kerry (Brooke Kinsella) kein erfundenes Schicksal ist. Schon früh hat die Tochter eines britischen Bauarbeiters unter den Misshandlungen ihrer neurotischen Mutter zu leiden. Nach der Trennung ihrer Eltern ist sie zusätzlich deren neuen Freund ausgeliefert. Von ihm vergewaltigt und auf abendlichen Parties zu sexuellen Spielen mit den Gästen gezwungen, sucht sie Schutz beim Vater. Der, in permanenter Geldnot, nutzt das Vertrauen seiner Tochter zu eigenen Zwecken aus und vermietet das Kind an zahlende Freier. Erst nach einem Selbstmordversuch wird ihr Martyrium offenbar. Für Kerry zu spät: Verstört und von Selbstekel geplagt, findet sie keinen Ausweg mehr aus dem Teufelskreis sexueller Ausbeutung, an der sich schließlich selbst die Erzieher beteiligen, die ihr helfen sollen. Beklemmend wirkt die absolute Einsamkeit des Mädchens in einem Milieu, das die Nöte des sensiblen, intelligenten Kindes nicht wahrnimmt und die Selbstverständlichkeit, mit der ihr die Sexualität der Erwachsenen aufgezwungen wird.

Der Film richtet sich auch gegen die britische Justiz, die nicht nur in diesem Falle untätig blieb. Nur eine Minderheit dieser Straftaten, darauf weist Kosminsky im Abspann hin, würden in Großbritannien überhaupt verfolgt. Zur Beklemmung dürfte auch die krasse, empirische Erzählweise des in seiner Heimat vor allem als Dokumentarfilmer hervorgetretenen Regisseurs beitragen, die in ihrem sozialen Realismus an das britische Kino etwa eines Ken Loach oder Mike Leigh erinnert. Ein für deutsche Zuschauer ungewohnter Stil, ist doch hier zu Lande eine deutlichere Abgrenzung der Genres etwa zwischen wortlastiger Reportage oder künstlerisch überhöhtem TV-Drama üblich.

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